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Hamburg

TRAGIK UND ERFÜLLUNG

„Romeo und Julia“ in zwei sehr unterschiedlichen Besetzungen beim Hamburg Ballett



Sechs Vorstellungen standen auf dem Spielplan, drei Besetzungen waren geplant, aufgrund der Erkrankung von Alina Cojocaru wurden es dann „nur“ zwei: Das Hamburg Ballett zeigte „Romeo und Julia“ in der Choreografie von John Neumeier.


  • Hélène Bouchet und Thiago Bordin in John Neumeiers "Romeo und Julia" Foto © Holger Badekow
  • Hélène Bouchet mit Thiago Bordin Bordin beim Schlussbeifall Foto © Holger Badekow
  • Alexandr Trusch und Florencia Chinellato in "Romeo und Julia" von John Neumeier Foto © Holger Badekow
  • Alexandr Trusch und Florencia Chinellato in "Romeo und Julia" Foto © Holger Badekow
  • "Romeo und Julia" von John Neumeier. Ensembleszene im ersten Akt. Foto © Holger Badekow
  • Florencia Chinellato und Alexandre Trusch als Julia und Romeo Foto © Holger Badekow
  • Anna Polikarpova (Gräfin Capulet) mit Braulio Alvarez (Graf Capulet) in Neumeiers "Romeo und Julia" Foto © Holger Badekow
  • H. Bouchet, Bordin, S. Riva und A. Drower (Amme) in John Neumeiers "Romeo und Julia"
  • S. Riva, H. Bouchet und T. Bordin in John Neumeiers "Romeo und Julia"

Florencia Chinellato, die erst mit Beginn dieser Spielzeit zur Solistin avancierte und seither von Neumeier bereits mehrfach mit großen Rollen bedacht wurde (z.B. Olga in Crankos „Onegin“, Prinzessin Henriette in „Die kleine Meerjungfrau“, Hermia in „Ein Sommernachtstraum“, Olympia in „Die Kameliendame“) als Julia und Alexandre Trusch als Romeo in der ersten Besetzung sowie Hélène Bouchet und Thiago Bordin in der zweiten. Alina Cojocaru und Edvin Revazov werden in der kommenden Spielzeit zu sehen sein.

Uraufgeführt in Frankfurt 1971, in Hamburg 1974 erstaufgeführt, 1981 noch einmal überarbeitet, hat Neumeier „Romeo und Julia“ nahezu unverändert belassen – dankenswerterweise. Denn das Werk hat nichts von seiner Faszination eingebüßt – auch aufgrund des grandiosen Bühnenbilds und der bildschönen Kostüme von Jürgen Rose. Eine derart bis ins letzte Detail durchdachte Bühnen-Komposition ist heute nur noch selten zu sehen – sie allein lohnt schon den Besuch der Aufführung.

Und natürlich der Tanz! Neumeier hat hier alles, aber auch wirklich alles, was es in diesem Stück an Gefühlen und Entwicklungen gibt, in Bewegung übersetzt. Anfang der 1970er Jahre war das nachgerade eine Sensation – keine einzige Pantomime in einem solchen Klassiker! Aber nicht nur deshalb wirkt dieses Werk frisch und unverbraucht, als hätte es nicht schon 40 Jahre auf den Spitzenschuhen. Neumeier entfaltet hier eine Meisterschaft in den Ensembles, dieser schwierigen Kunst der „großen Form“, die so wunderbar zu der kraftvollen Musik von Sergej Prokofjew passt (Markus Lehtinen am Pult hatte die Philharmoniker ebenso einfühlsam wie präzise im Griff – man wünscht ihn sich öfter im Graben, wenn Ballett auf dem Programm steht). Vor allem aber zeigt sich seine Fähigkeit, Gefühle in Bewegung umzusetzen, in den großen Pas de Deux der beiden Liebenden. Das steigert sich vom ersten Augen-Blick, dem spielerischen, noch fast kindlichen Sich-Begegnen bis hin zur erfüllten Liebe nach der Hochzeitsnacht in Julias Schlafgemach. Es ist die Entwicklung der Protagonisten vom Kind zum Mann bzw. zur Frau, die diese Choreografie letztlich so spannend macht – und immer noch so aktuell, nichts Verstaubtes haftet ihr an.

Marianne Kruuse, für die und mit der Neumeier die Rolle der Julia seinerzeit kreiert hat, sagt in einem im Blog des Hamburg Ballett am 11. April 2013 publizierten Gespräch mit Pia Christine Boekhorst: „Die Rolle der Julia ist schwierig, weil sie nicht einfach nur dramatisch ist, sondern man muss sie aufbauen. Es beginnt mit einem sehr jungen verspielten Mädchen in der Badszene. Sie ist barfuß, lacht nur und macht sich über ihre Mutter lustig. Es war übrigens das erste Mal, dass Julia in einem klassischen Ballett barfuß getanzt hat und nur mit einem Handtuch bekleidet die Bühne betrat. Später trägt Julia Spitzenschuhe, was verdeutlich, wie sie langsam älter und reifer wird. Sie versteht zu diesem Zeitpunkt sich selbst und ihre Umwelt besser. Schon als sie Paris heiraten soll, wächst sie ein kleines bisschen. Als sie dann plötzlich Romeo sieht, der sich beim Abendball reingeschmuggelt hat, merkt sie, was es Wichtiges im Leben gibt. Schon vom Verspielten im Bad zum Ball, wo sie ganz formell ihren Examenstanz machen muss, geschieht ein Prozess. Im Pas de Deux ist es allerdings immer noch so, dass Julia im Gegensatz zu Romeo die Unerfahrene ist. Schließlich kommen die Balkonszene, die Hochzeitsszene und der Moment, an dem Julia das Gift zu sich nimmt. Im Verlauf der Handlung reift Julia und diese Entwicklung muss sich im Ausdruck der Tänzerin zeigen. Während man die Choreografie durch ständiges Wiederholen üben kann, ist es schwierig, die Rolle ganz auszufüllen, wenn man nicht die Anlagen zum Schauspielen hat. Und selbst für die Tänzerinnen, die spielen können, ist es nicht leicht, weil sie begreifen müssen, in welchem Stadium der Persönlichkeitsentwicklung sich Julia gerade befindet.“

Hohe Anforderungen an die Protagonistinnen also. Und es war spannend, die beiden Tänzerinnen darin zu vergleichen. Florencia Chinellato zeichnet die Julia von Anfang bis Ende als verspieltes Mädchen, das in diese erste Liebe mehr hineinstolpert als -wächst. Ihre Julia poltert die Treppe lautstark rauf und runter, sie kann in der Trauungsszene kaum die nötige Andacht aufbringen, sondern lunzt ständig zu Romeo hinüber, weil sie es kaum erwarten kann, sich in seine Arme zu werfen. Sie ist trotzig wie ein verzogenes Gör, als sie den ihr von den Eltern zugedachten Graf Paris zurückweist. Das hat etwas Kindisches, was nicht so recht zum Ernst der Rolle passt, nicht zu dem, was Marianne Kruuse als Entwicklung so anschaulich vorzeichnet. Auch ist Chinellato technisch in den höchst anspruchsvollen Pas de Deux mit den vielen Neumeier-typischen Hebungen heillos überfordert. Da hat man nicht nur einmal Sorge, ob sie wirklich obenbleibt. Und doch hat ihre Darstellung etwas sehr Berührendes – weil sie alles, wirklich alles, wessen sie fähig ist, in diese Rolle hineinwirft. Sie gibt ihr Letztes für diese Julia. Diese Hingabe macht sie liebenswert.

Hélène Bouchet als erfahrene Erste Solistin weiß allerdings genau, wie sie diese schwierige Choreografie auszufüllen hat, sie hat die nötige Reife und Erfahrung, um die Entwicklung Julias vom Mädchen zur Frau zu zeichnen. Wenn sie Paris zurückstößt, ist das Ausdruck höchster Verzweiflung, nicht von kindlichem Trotz. Ganz zu schweigen von ihrer eleganten Linie und ihrer fulminanten Technik, die jede Hebung, jede Geste zu einem Fest fürs Auge machen.
Alexandre Trusch ist ein sehr überzeugender und ebenso feuriger wie nachdenklicher Romeo, der auch technisch dieser schwierigen Rolle in jeder Sekunde gewachsen ist. Darin steht ihm auch Thiago Bordin in keiner Weise nach – beide sind in dieser Rolle ideal besetzt und großartig anzusehen.

Hervorzuheben bei den anderen Rollen ist vor allem der Mercutio von Alexandre Riabko, der tänzerisch wie darstellerisch brilliert. Carsten Jung in der zweiten Besetzung wird diesem Part nicht so gerecht, wie man das sonst von ihm gewohnt ist. In der ersten Besetzung ist die Schaustellertruppe mit Patricia Tichy, Mariana Zanotto und Lucia Solari in den weiblichen Hauptrollen durchweg solistisch besetzt, was diesem Part sehr gut tut. Anna Polikarpova ist eine ebenso hochmütig-majestätische wie über den Tod ihres Sohnes Tybalt bis zur Ohnmacht verzweifelnde Gräfin Capulet und deutlich dramatischer als Carlina Aguero.

Kiran West zeichnet seinen Tybalt schärfer und aggressiver als Dario Franconi, der mit dieser so viel Darstellungskraft erfordernden Rolle einmal mehr fehlbesetzt ist. Emanuel Amuchástegui wirbelt einen sprungstarken Benvolio auf die Bühne und Sascha Riva gibt dem Bruder Lorenzo Würde und Ruhe, darf aber gern noch ein wenig mehr Souveränität entfalten. Das gesamte Corps de Ballet zeigt sich in den schwierigen Ensembles durchweg in glänzender Verfassung.

Eine weitere Vorstellung gibt es noch am 14. Juni während der Ballett-Tage in der Kombination Bouchet/Bordin, danach steht „Romeo und Julia“ im Oktober wieder auf dem Spielplan. Der Vorverkauf für diese Vorstellungen (bis 31.10.) beginnt bereits am 13. Mai 2013. Tickets per email unter ticket@staatsoper-hamburg.de oder telefonisch unter 040-356868.

Veröffentlicht am 22.04.2013, von Gastbeitrag in Homepage, Kritiken 2012/2013, Tanz im Text

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