HOMEPAGE



TANZFUTTER FÜR ALLE

Vergnügliche „Cinderella“ von Stijn Celis am Theater Basel



Celis, belgischer Choreograf und Bühnenbildner, hat Sergej Prokofjews Ballettklassiker über die Aschenbrödel-Geschichte psychologisch umgedeutet und mit Ironie aufgepeppt.


  • Stijn Celis' "Cinderella": Cinderella (Sol Bilbao Lucuix, 2. von links) in ihrer Horror-Patchworkfamilie Foto © Ismael Lorenzo

Zu Beginn wähnt man sich in einem Tanzstück von Mats Ek: Da ergreifen drei Frauen von der Bühne Besitz, die in Wirklichkeit drei verkleidete Männer sind. Sie tragen Sackkleider, haben ein Käppchen auf dem Kopf, ihre muskulösen Beine stecken in flachen Schuhen. Weit ausholend bewegen sie sich zwischen schiefstehendem Mobiliar und Mauerresten - die Knie leicht gerundet, die Beine breit, das Becken unelegant eingeknickt.

Wir sind aber nicht in einem Stück von Mats Ek, sondern in einer neuen Fassung von Sergej Prokofjews Ballett „Cinderella“. Stjin Celis hat es 2003 für die Grands Ballets Canadiens de Montréal kreiert, jetzt erlebte es in Basel seine Schweizerische Erstaufführung. Und wiederum drängen sich Erinnerungen an Mats Ek auf: An seine eigenwillige Interpretation von „Giselle“ – einer Meisterleistung des zeitgenössischen Balletts – oder der insgesamt zwar weniger gelungenen, aber trotzdem spannenden modernen Versionen von „Schwanensee“ oder „Dornröschen“.

Bei Stijn Celis wächst Cinderella (leicht und hübsch: Sol Bilbao Lucuix) in einer Patchwork-Familie auf, in der die eingangs beschriebene Stiefmutter und ihre beiden Töchter dominieren (überaus komisch: Adrien Boissonnet, Cédric Anselme-Mathieu, Jorge García Pérez). Sie sind rabiat und hinterlistig, verzichten auf jeden weiblichen Charme, haben dafür einen klaren Machtanspruch gegenüber dem Rest der Familie. Cinderellas sanftmütiger verwitweter Vater (Sergio Bustinduy) steht unter ihrem Pantoffel. Auch Cinderella wird unterdrückt. Sie wehrt sich dagegen, möchte erwachsen werden, die Welt der Erotik kennen lernen, ihren Prinzen finden.

Den findet sie dann auch! Allerdings ist man am Schluss nicht so sicher, ob nun alles gut wird. Denn der Prinz (Joaquin Crespo Lopes) ist ein lahmer Kerl, der beim Ball endlos mit einem Paar weisser Pumps herumirrt, bis er endlich Cinderella im roten Cocktailkleid findet, der die Schuhe passen. Und nachdem sie dann um Mitternacht verschwunden ist und er sie auf der ganzen Welt sucht, muss sie ihm beim Wiedererkennen schwer nachhelfen. Denn sie trägt jetzt ein türkisfarbenes Kleidchen; der tumbe Tor jedoch glaubt bei jeder Frau in roten Klamotten, sie sei die Gesuchte. Er verirrt sich sogar zu den maskulinen Stiefschwestern, nachdem sie in rotschillernde Gewänder geschlüpft sind (Kostüme: Catherine Voeffray).

Die eigentliche Stärke von Celis‘ „Cinderella“ liegt aber nicht bei dieser inhaltlichen Umdeutung. Sondern bei den zahlreichen guten Rollen, die das Stück bietet. Sie passen bestens zu den vielseitigen Basler Tänzerinnen und Tänzern. Dem klassischen Ballett hat der Choreograf adieu gesagt – nur die gute Fee, mit der verstorbenen Mutter identisch (Cintia Decastelli), tritt einmal in Spitzenschuhen auf. Die tote Mama gleicht ansonsten einem Hollywoodstar der Nachkriegszeit, mit ihren blonden Locken und dem massgeschneiderten Kleid. An Hollywood und das frühe amerikanische Musical gemahnen auch die Auftritte der Aschenbrödel-Tauben, die eher an Majoretten als an die Rucke-di-guh-Vögel aus Grimms Märchen erinnern.

Zeitgenössischer Tanz herrscht vor. Mit starkem Stich ins Groteske bei Stiefmutter und Stiefschwestern, mit Anleihen beim Turniertanz in den Ballszenen. Cinderella ist barfuss, auch als sie beim Ball auftaucht – wo ihr dann eben der Prinz die weissen Pumps an die zierlichen Füsse steckt. Celis choreografische Fantasie ist zwar nicht umwerfend. Doch innerhalb der von ihm selbst entworfenen, halb romantischen, halb surrealistischen Bühnenbilder finden sich die Tanzenden immer wieder zu ironisch gebrochenen, amüsanten bis mitreissenden Szenen und Tableaux zusammen.

Am Ende sei daran erinnert, dass die „Cinderella“ von Sergej Prokofjew ein noch junges Ballett ist, erst 1945 in der Choreografie von Rotislaw Sacharow am Moskauer Bolschoi-Theater uraufgeführt – und ein Jahr später im damaligen Leningrad von Konstantin Sergejew für seine Truppe aufgegriffen. Es waren hoch klassische Inszenierungen, die über lange Zeit im Repertoire blieben. In Basel spielt das Sinfonieorchester (Leitung Thomas Peuschel) Prokofjews Musik frisch und tanzgerecht, zweimal unterbrochen durch schmalzige Hollywood-Melodien von Les Baxter in den entsprechenden Mama-Szenen.

Das Basler Premierenpublikum nahm Stijn Celis „Cinderella“ mit gewohnter Begeisterung auf. Ballett-Hausherr Richard Wherlock, der anfangs dieses Jahres einen eigenen „Eugen Onegin“ kreiert hat, kann mit dem Gastchoreografen zufrieden sein: Er bietet Tanzfutter für alle.

Premiere in Basel am 15.3.2013. Weitere Aufführungen: www.theater-basel.ch


Veröffentlicht am 17.03.2013, von Marlies Strech in Homepage, Kritiken 2012/2013, Tanz im Text

Dieser Artikel wurde 2987 mal angesehen.



Kommentare zu "Tanzfutter für alle"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



     

    LETZTE BEITRÄGE 'TANZ IM TEXT'


    »IMPROMPTUS« VON SASHA WALTZ IM AUGUST 2019 WIEDER IM RADIALSYSTEM

    Die Choreographie »Impromptus« von Sasha Waltz zur Musik von Franz Schubert wird am 7., 8., 10. und 11. August 2019 nach vierjähriger Pause wieder im Berliner radialsystem gezeigt.
    Veröffentlicht am 17.07.2019, von Anzeige


    »BILDERSCHLACHTEN«

    »Bilderschlachten / Batailles d‘Images« von Stephanie Thiersch beim Beethovenfest in Bonn
    Veröffentlicht am 16.07.2019, von Pressetext


    ARTORT 019 – GOES AIRFIELD

    Das alljährliche Heidelberger Sommer-Festival für Kunst im öffentlichen Raum bespielt in diesem Jahr den ehemaligen amerikanischen Flughafen Heliport Heidelberg.
    Veröffentlicht am 15.07.2019, von Anzeige



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    SASHA WALTZ & GUESTS: »DIDO & AENEAS«

    Ab August 2019 mit neuem Sänger*innen-Cast wieder an der Staatsoper Unter den Linden Berlin

    Sasha Waltz‘ erste choreographische Oper »Dido & Aeneas« von Henry Purcell kehrt im Sommer 2019 wieder an die Staatsoper Unter den Linden Berlin zurück. Dort feiert am 18. August 2019 unter dem Dirigat von Christopher Moulds die neue Solisten-Besetzung ihre Berlin-Premiere

    Veröffentlicht am 13.07.2019, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    ENGAGEMENT VERLOREN

    Sergei Polunin nicht mehr im "Schwanensee" an der Pariser Oper
    Veröffentlicht am 15.01.2019, von tanznetz.de Redaktion


    RAUSCHEN VON SASHA WALTZ & GUESTS

    Uraufführung am 7. März 2019 in der Volksbühne Berlin
    Veröffentlicht am 01.02.2019, von Anzeige


    HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH!

    Der Primaballerina Lynn Seymour zum 80. Geburtstag
    Veröffentlicht am 06.03.2019, von tanznetz.de Redaktion

    MEISTGELESEN (30 TAGE)


    EINS MIT SICH

    Solos von Urs Dietrich und Susanne Linke in der Heidelberger Hebelhalle

    Veröffentlicht am 02.07.2019, von Isabelle von Neumann-Cosel


    >KREISE(N)<

    Ein Kommentar zum Tanzkongress 2019

    Veröffentlicht am 14.06.2019, von tanznetz.de Redaktion


    OPULENZ UND EMOTIONALE ABSCHIEDE

    Die 45. Nijinsky-Gala beim Hamburg Ballett

    Veröffentlicht am 02.07.2019, von Annette Bopp


    QUICKLEBENDIG

    "Die Kunst der Fuge" von Antoine Jully in Oldenburg

    Veröffentlicht am 19.06.2019, von Gastbeitrag


    AUF NEUEN WEGEN

    "Shakespeare-Sonette" von drei jungen Choreografen beim Hamburg Ballett

    Veröffentlicht am 18.06.2019, von Annette Bopp



    BEI UNS IM SHOP