HOMEPAGE



Münster

EIN STÜCKCHEN STERN SEIN STATT UNTER DIE ERDE

"4 Feet Under" von Charlotta Öfverholm am Theater Münster



Das kann doch nicht alles sein: leben − sterben − und dann für immer vier Fuß tief unter der Erde liegen. Obwohl: Edvard Munch etwa konnte sich mit dem Gedanken anfreunden, "eins zu werden mit ihr... und aus meinem zerfallenden Körper würden Pflanzen wachsen − und Bäume und Blumen.... und nichts würde aufhören − das ist Ewigkeit".


  • "4 Feet Under" von Charlotta Öfverholm Foto © Pedro Malinowski
  • Sandra Guénin, Maria Bayarri Pérez, Erik Constantin und Cornelius Mickel in "4 Feet Under" von Charlotta Öfverholm Foto © Pedro Malinowski
  • "4 Feet Under" von Charlotta Öfverholm Foto © Pedro Malinowski

Die Fantasien der Menschen über ein Leben nach dem Tod sind Legion. Die schwedische Choreografin Charlotta Öfverholm hält sich an den amerikanischen Sciencefiction-Film "Gattaca", in dem der Raumfahrer Vincent Freeman behauptet, jedes Atom des menschlichen Körpers sei einst Teil eines Sterns gewesen und kehre dorthin zurück. Am Ende des Tanzstücks "4 Feet Under" gleißen Bühne und Zuschauerraum hell. Fast "wie Gott sie schuf" schreitet die Kompanie ins "Firmament" aus strahlend hellen Scheinwerferreihen. Zu Beginn hatte eine freundliche Frauenstimme das Publikum auf eine kleine Reise über eine Landstraße mitgenommen (Video: Anders J. Larsson): "Lasst den Alltag hinter euch. Besinnt euch auf das, was euch wirklich wichtig ist... Ihr werdet ganz ruhig..."

Zwischen Yogaübung und Himmelfahrt liegt eine Folge kurzer Szenen, die Todesahnung und -furcht der Menschen inmitten fröhlicher Lebenslust andeuten. Immer wieder trippeln und marschieren kleine Gruppen offensichtlich auf ein Todeslager zu, und einzelne kämpfen verzweifelt gegen tödliche Infekte (Maria Bayarri Pérez, Tommaso Balbo).

Gemeinsam mit den Tänzerinnen und Tänzern hat Öfverholm ihr Tanzstück entwickelt − deutlich sichtbar. Denn hier dürfen sie besondere Talente zeigen. So singt der stets fröhliche Marcelo Moraes mehr als respektabel ins Mikro an der Rampe, und man erlebt ihn als behende seilkletternden Akrobaten. Sandra Guénin bezaubert als klassische Ballerina. Ihr kleines Solo mündet in ein raffiniert modernes Duett mit Erik Constantin. Die lebhafteste Szene ist eine fast rührend epigonale Hommage an Pina Bausch: Anna Caviezel stopft sich aus einem Plastikeimer und Sahnesprühdosen Schlagsahne in den Mund, bietet Zuschauern davon an, verteilt Stückchen Schokolade und Popcorn und stellt Fragen, die sehr brav beantwortet werden.

Freilich: betroffen machen diese Bilder nicht. Neue Ansätze zu dem vieldiskutierten philosophischen Thema "Einfach tot oder ewig leben" sind nicht auszumachen. Auch tänzerisch wartet man vergeblich auf die besonderen Akzente und die sensible Ästhetik, die den zeitgenössischen Tanz Skandinaviens auszeichnet. Statt des feinen Humors und ulkiger Eskapaden eher Banalität (angefangen beim Titel) und viel "déjà vue". Dabei hat sich Öfverholm als Tänzerin international einen guten Namen gemacht, arbeitet seit 1995 mit ihrer eigenen Kompanie in Stockholm und erfolgreich als Gastchoreografin. Fraglos arbeitet sie solide, nutzt den Raum optimal und berücksichtigt die Individualität der Tänzer. Aber Tanz von einem andern Stern sieht anders aus als in diesen Sternenfantasien. Den sehr engagierten Tänzern von Hans Henning Paars neuer Münsterscher Truppe allerdings flogen die Herzen der Zuschauer zu.

Veröffentlicht am 17.03.2013, von Marieluise Jeitschko in Homepage, Kritiken 2012/2013, Tanz im Text, Kritiken

Dieser Artikel wurde 2147 mal angesehen.



Kommentare zu "Ein Stückchen Stern sein statt unter die Erde"



Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



 

LEUTE AKTUELL


MARGOT FONTEYN: 100 JAHRE

Pick bloggt über eine große Ballerina
Veröffentlicht am 19.05.2019, von Günter Pick


MIT- UND WEGBEWEGEN

Grenzüberschreitungen am Theater Pforzheim
Veröffentlicht am 06.05.2019, von Gastbeitrag


ALLES GUTE!

Zizi Jeanmaire zum 95. Geburtstag
Veröffentlicht am 03.05.2019, von Günter Pick



AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



PLAN MEE /EVA BORRMANN: DAS ERBE –POLITICS ON THE GROUND

"DAS ERBE – politics on the ground" geht dem Zusammenhang zwischen Orten und Erinnern performativ in der Katharinenruine nach. Was erinnern wir? Wie erinnern wir?

Gemeinsames Erinnern formt unser kollektives Gedächtnis, die kulturelle Identität. Mit einem internationalen Ensemble aus 5 Tänzer*innen und 8 Kindern nähert sich PLAN MEE erinnerungskulturell geprägten Orten und untersucht hierbei das kulturelle Gedächtnis.

Veröffentlicht am 15.05.2019, von Anzeige

LETZTE KOMMENTARE


ENGAGEMENT VERLOREN

Sergei Polunin nicht mehr im "Schwanensee" an der Pariser Oper
Veröffentlicht am 15.01.2019, von tanznetz.de Redaktion


HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH!

Der Primaballerina Lynn Seymour zum 80. Geburtstag
Veröffentlicht am 06.03.2019, von tanznetz.de Redaktion


RAUSCHEN VON SASHA WALTZ & GUESTS

Uraufführung am 7. März 2019 in der Volksbühne Berlin
Veröffentlicht am 01.02.2019, von Anzeige

MEISTGELESEN (30 TAGE)


RAUM, KLANG, TANZ

Initiation der Elbphilharmonie-Foyers mit Sasha Waltz & Guests' „Figure Humaine“

Veröffentlicht am 02.01.2017, von Annette Bopp


BERUFEN!

Katja Schneider wird erste Professorin für Tanzwissenschaft an der HfMDK

Veröffentlicht am 14.05.2019, von Pressetext


CLAUDIA JESCHKE ERHÄLT MÜNCHNER TANZPREIS

Die Tanzwissenschaftlerin Prof. Dr. Claudia Jeschke wird geehrt

Veröffentlicht am 03.05.2019, von Pressetext


ABER WIR HATTEN SPAß!

„Bilderschlachten“ von Stephanie Thiersch in Nîmes

Veröffentlicht am 11.05.2019, von Gastbeitrag


ZUM WELTTANZTAG!

Welttanztag-Botschaft der ägyptischen Choreografin Karima Mansour

Veröffentlicht am 28.04.2019, von Pressetext



BEI UNS IM SHOP