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Stuttgart

NARZISS, GIENGER, GAUL UND GOLDKEHLCHEN

„Five and more“: Gauthier Dance im Theaterhaus Stuttgart weiter auf Erfolgskurs



Jubel, Trubel, Heiterkeit – den klassischen Dreisatz der Unterhaltung beherrscht Eric Gauthier ebenso routiniert, wie das Exercise an der Stange. Mit stehenden Ovationen bejubeln die 1000 Abonnenten der Stuttgarter Kulturgemeinschaft, den jüngsten Tanzabend von Gauthier Dance im Theaterhaus Stuttgart.


  • Sebastian Kloborg, Anna Süheyla Harms in Bubeníceks "Burning Bridges" Foto © Regina Brocke
  • David Stiven Valencia Martinez, Sebastian Kloborg, Anna Süheyla Harms, Anneleen Dedroog, Maria Prat Balasch, Rosario Guerra, Tars Vandebeek in Sotos „Malasangre“ Foto © Regina Brocke
  • Anna Süheyla Harms, Miriam Gronwald, Maria Prat Balasch in Thoss‘ „Bolero Foto © Regina Brocke

Jubel, Trubel, Heiterkeit – den klassischen Dreisatz der Unterhaltung beherrscht Eric Gauthier inzwischen ebenso routiniert, wie das Exercise an der Stange. Mit stehenden Ovationen bejubeln die 1000 Abonnenten der Stuttgarter Kulturgemeinschaft, Deutschlands größte Besucherorganisation (35.000 Mitglieder), den jüngsten Tanzabend des Ensembles Gauthier Dance im Theaterhaus Stuttgart.

Gauthier, der auf bekannte Namen setzt, weiß, wie man das Publikum vom Klappstuhl reißt: mit viel Trubel auf der Bühne und heiterer Moderation. In Choreografien von Jirí Bubenícek, Itzik Galili, Eric Gauthier, Marco Goecke, Cayetano Soto und Stephan Thoss (alle sechs sind Stuttgarter Ballettfreunden bestens bekannt) wirbelt die hervorragend trainierte Truppe zwei Stunden über die Bühne.

Kubanische Musikstücke sind Ausgangspunkt für Parodie und Humoreske des Israelis Galili und des Spaniers Soto; beide kitzeln aus der Musik den Spaßfaktor, Galili überzeichnet in „Cherry Pink und Apple Blossom White“ Elemente von Standardtanz, Soto beschwört in „Malasangre“ (Böses Blut) mit Sinn für Tragikomik die zerstörerische Macht negativer Gefühle. Auch der Tanzdramatiker Thoss kann lustig sein, er bürstet Maurice Ravels „Bolero“ gegen den Strich, statt schwül-lasziver Erotik inszeniert er augenzwinkernd einen amüsanten Zickenkrieg im Altersheim, nicht ohne versteckte Anspielungen an Maurice Béjarts „Bolero“-Version von 1960.

Inspiriert von traditioneller, japanischer Trommelkunst hat Gauthier sein Dreipersonenstück „Taiko“ (Trommel) für die Kompagnie erweitert und – angereichert mit viel Bühnennebel – zu einer Rotlicht gesättigten Show harter Schläge und präziser Rhythmen ausgebaut. „Takuto“ (japanisch für Takt) genannt, setzt das Werk auf Effekte, entpuppt sich als Spektakel, das den physischen wie metaphysischen Kern der asiatischen Trommelkunst verfehlt.

Im Gegensatz zu allen anderen fünf Choreografen des Abends stützt sich Jirí Bubenícek nicht auf die Musik als Leitmedium für den Tanz. Der aus einer Zirkusfamilie stammende Tscheche geht in „Burning Bridges“ (Brennende Brücken) der Frage nach: „Wie tragfähig ist eine Liebesbeziehung?“. Zu einer Musik-Collage gelingt ihm subtiles Tanztheater, er spielt fast beiläufig mit spannenden Raum-Zeitbezügen, nutzt Pausen und Verfremdungseffekte, zeigt viel Gefühl für Personenführung und den Einsatz von Objekten wie Tisch und Stühle.

Um eine Brücke, namens „Eiserner Steg“ geht es auch in der Uraufführung des Abends. Gautier hat auf das sechsteilige Progamm „Future 6“, quasi als Bonustrack für die koproduzierende Kulturgemeinschaft, Philipp Poisels gleichnamigen Hit „Eiserner Steg“ gesattelt und nennt diese Version des Programms „Five and more“. Mit dem Rücken zum Publikum hockt das Goldkehlchen Poisel am Klavier, vergräbt sich in die Tasten und macht mit trieftraurigem Sprechgesang seinem Trennungsschmerz Luft: „Ich will dich einmal noch lieben, wie beim allerersten Mal. Will dich einmal noch küssen, in deinen offenen Haaren. Ich will einmal noch schlafen, schlafen bei dir“. Statt dem lahmen Gaul die Sporen, Zucker oder einfach ein paar Streicheleinheiten zu geben, absolviert der Wahlstuttgarter Tendues und Pliés an der Stange - irgendwie lustlos und unmotiviert. Dann ein Unterschwung als mache er sich warm für eine Übung am Reck. Statt Gienger-Salto ein Grand Jeté, er stellt sich hinter den traurigen Poeten aus Ludwigsburg und lässt seine rechte Hand ein bisschen auf den Tasten tanzen. Schließlich hängt er seine Schläppchen an die Stange, hockt sich oben aufs Klavier, um mit den Fußspitzen den letzten, hoffentlich richtigen Ton zu treffen.

Zwei allerbeste Freunde, Narziss und Goldkehlchen, denkt man und fragt sich insgeheim, warum nur musste es gerade dieser Titel sein? Hätte nicht Poisels „Ich hab getanzt als gäb‘s kein Morgen mehr“ besser gepasst? Allerdings hat es dieser Song nicht so weit nach oben in den Charts gebracht. Warum improvisiert Gauthier nicht einfach zur Live-Musik – oder war das gar keine Choreografie sondern schlicht improvisiert? Fragen über Fragen.

Eine Frage, die Gauthier beschäftigt, wie er bei seiner launigen Ansprache bekennt, lautet: „Warum hat Marco noch kein Solo für mich choreografiert?“ Er fühle sich ein wenig wie ein Fußballmanager, sagt er, der die besten Spieler, respektive Choreografen einkauft. Jetzt muss der Hauschoreograf des Stuttgarter Balletts ran, schneidert zu zwei Songs von Kate Bush („Hounds of Love“ und „Suspended in Gaffa“) dem Kollegen das Stück „I found a Fox“ auf den Leib. Offen bleibt, wer sich für den listigen Fuchs hält, Choreograf Goecke oder Tänzer Gauthier?

Der Schwabe will etwas haben für sein Geld, und das bekommt er - es war für jeden etwas dabei. Nach dem Lieblingsstück gefragt schwanken drei Mittzwanzigerinnen zwischen Thoss‘ „Bolero“, der allerdings etwas zu lang sei, und Sotos „Malasangre“, das temporeich eine interessante Bewegungssprache zeige. Und Gauthier als Tänzer und Choreograf? Nein, der sei zwar sympathisch, aber zu narzisstisch.

Veröffentlicht am 16.03.2013, von Leonore Welzin in Homepage, Kritiken 2012/2013

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