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Dresden

WO BITTE GEHT´S NACH TONOLAND?

Anton Lachky präsentiert in Hellerau eine urige Uraufführung



Anton Lachky gehört zum Kollektiv Les SlovaKs. Dieser Kompanie verdanken wir schon zwei herzerfrischende Gastspiele in Hellerau.


  • Peter Jasko, Milan Herich, Sergi Parés und Anton Lachky in "Tonoland. Mind a Gap" von Anton Lachky Foto © Peter Fiebig
  • Peter Jasko, Milan Herich, Sergi Parés und Anton Lachky in "Tonoland. Mind a Gap" von Anton Lachky Foto © Peter Fiebig

Jetzt begibt sich Lachky mit vier Tänzern auf eine Reise nach „Tonoland“, wo immer das sein mag. Weil es ursprünglich zu fünft in diese Gefilde der radschlagenden Fantasie gehen sollte, der Tänzer Quan Bui Ngod aber erkrankt ist, setzte man kurzerhand in Klammern „Min a gap“ dazu. Beachte die Lücke, schöne Geste, schönes Rätsel.

Also auf mit den vier Tänzern Peter Jasko, Milan Herich, Sergi Parés und Anton Lachky. Erst mal ist es dunkel im großen Saal des Festspielhauses. Joris de Bolle, der noch mit etlichen Lichtstimmungen das „Tonoland“ beleuchten wird, hat ein paar Lichter ganz tief gehängt, fast am Boden. Da versammeln sich die Reisenden. Sie gehen wieder weg. Leuchtet da noch ein anderes Licht? Wohin soll denn die Reise geh´n?
Dann, Licht an, Ton ab und Tanzspaß mit Mozart. Springen, Stolpern, Stürzen, sportiver Humor − absurd und slapstickartig, wenn ein Tänzer mit längs nach innen geknickten Füßen die komischsten Versuche unternimmt sich fortzubewegen. Aber vielleicht kommt man nur so nach jenem Tonoland, vielleicht muss hier der erwachsene Tänzer tief in die Tasche greifen und den ganzen Unsinn aus Kinderzeiten wieder ans Licht befördern.

Nicht irgendein Licht, nein die Musik hat gewechselt und jetzt leuchtet zu Verdis Klängen aus der Messa da Requiem sogar das ewige Licht, „Lux eternam“, unter dem machen es diese Glückreisenden nicht. Wir werden in dieser Stunde nicht nur zu sehen bekommen, was das Auge freut, wir hören auch was das Ohr erfreut, da war man nicht zimperlich bei der Musikauswahl.
Manchmal aber hat die Musik Pause. Dann hört der Spaß nicht auf, aber er erfährt so etwas wie Grundierung. Ohne Geschichten im herkömmlichen Sinne zu erzählen, müssen die begnadeten Tänzer auf dieser Reise nicht nur ans Ziel kommen, sie müssen auch manchmal zu sich kommen, hinter Ulk verborgen auch zueinander, ist ja nicht so leicht für Männer.

Und dann, als hielten sie so viel Intimität gar nicht aus, kommt schon der nächste Kracher: Tschaikowsky, nicht irgendwas, nein die Sechste in h-Moll, die „Pathetische“, dritter Satz, das Scherzo, der Marsch. Das geht los, da muss man schon ganz schön die Augen offen halten um mitzubekommen, wer gerade welchen Sprung vollführt, wer sich blitzschnell dreht, abhebt. Was ist festgelegt und was entspringt der Tanzlust des Augenblicks? Wie lange halten die das durch? Gnade der Technik, die Platte hat einen Sprung − Ratsch, und aus ist´s mit dem Männerballett der Sonderklasse.

Nicht auszudenken, was sie sich zum vierten Satz, zur schmachtenden Totenklage, noch aus dem Leib getanzt hätten. Aber sie können noch mehr, und auch der Plattenschrank hat noch Schätze zu bieten, und schon geht´s auf zur Jagd. Ein Glanzstück der musikalischen Geschwindigkeit, Emil Nikolaus Josef Freiherr von Rezniceks Ouvertüre zu „Donna Diana“. Das ist die Musik für den überschäumenden Humor der Kompanie, für den Helden in der roten Unterhose, für die Endlosschleife im Finale. Abtritt, Auftritt. Und es ist die Kunst der Wiederholung im richtigen Moment abzubrechen. Das können die Tänzer, und sie werden von Tom Daniels dabei soundmäßig bestens unterstützt.

Dann blitzen die Sterne, der Dauerbrenner für Tenöre, „E lucevan le stelle“ aus Puccinis „Tosca“, dazu eine gefühlige Tanzgroteske vom Feinsten. Aber vom Feinsten auch die Brüche, die Momente der Ratlosigkeit und der Suche, und als müsste es so sein, noch ein Schwall romantischer Sinfonik und Tempotanzen zu Bach. Und da, wie auch schon zu Beginn beim Mozart, scheint dann doch der Meister des Tanzhumors vergnügt allen über die Schulter zu sehen, bewusst oder unbewusst, wir erleben auch eine feine Hommage an Jiří Kylián. Diese phantastischen vier Tänzern sind in vielen Stilen sicher und auch mit etlichen Wassern gewaschen.

Wo Tonoland liegt, oder ob es dieses wirklich gibt, wissen wir nach einer Stunde nicht. Aber wir wissen, dass die Reise mit diesen Tänzern unbedingt lohnt, und dass sie wahrscheinlich über jede Lücke bestens springen können.

Veröffentlicht am 09.03.2013, von Boris Michael Gruhl in Homepage, Kritiken 2012/2013

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Kommentare zu "Wo bitte geht´s nach Tonoland?"



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