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Dortmund

DIE IDEE LEBT WEITER …

Zum Tode des Jazz-Tänzers, Choreografen und Tanzpädagogen Matt Mattox



Am 18 Februar starb Matt Mattox in Frankreich im Alter von 91 Jahren. Ein Nachruf von Berry Doddema.


  • Matt Mattox Foto © Berry Doddema
  • Matt Mattox Foto © Berry Doddema
  • Matt Mattox Foto © Berry Doddema

Diesen Mann außerhalb der Bühne als das zu identifizieren, was er war und als was er in Erinnerung bleiben wird, als einen der wichtigsten Jazz-Tänzer, Choreografen und Tanzpädagogen der letzten 50 Jahre, fiel schwer. Matt Mattox war ein Mensch ohne Attitüden. Er kehrte nie den Tänzer heraus, sondern er lebte wie ein ganz normaler Mensch. Blenden war ihm fremd. Auf der Bühne und im Tanzstudio hingegen entfaltete er seine ganze Begabung.

Meine erste Begegnung war charakteristisch für über dreißig Jahre inniger Freundschaft mit ihm und seiner späteren Frau Martine Limeul. Ostern 1979 stand ich in einer Uni-Sporthalle in der Nähe des Jardin du Luxembourg in Paris und wartete auf meine erste Unterrichtsstunde bei Matt Mattox. Andere Schüler standen auch dort, unterhielten sich mit einem älteren Mann, und ich hatte den Eindruck, sie parlierten mit einem Mitarbeiter der Universität. Doch der entpuppt sich schnell als der eigentliche Tanzdozent. Und ab da konnte ich mich seiner besonderen Aura nicht mehr entziehen. Matt Mattox war der begabteste, zugleich aber auch anstrengendste Lehrer, den ich je erlebt habe. Er hat meinen beruflichen Werdegang maßgeblich geprägt.

Binnen einer viertel Stunde erkannte ich damals, dass ich zwar glauben mochte, bereits viel gelernt zu haben und ein guter Jazz-Tänzer zu sein. Für Matt Mattox, seinen Stil und seinen Anspruch, dass jeder mit vollem Einsatz dabei sein muss, genügte das jedoch bei weitem nicht. Als Fortgeschrittener hatte ich mich angemeldet, als Anfänger machte ich mich daraufhin an die Arbeit. Meiner Frau, die sich nach meinen ersten Erfahrungen begeistert anschloss, bei Matt Mattox zu lernen, ging es genauso.

Mattox hatte eine Bühnenpräsenz wie kaum ein anderer Tänzer und er lebte sie uns in jeder seiner Unterrichtsstunden vor. Kaum jemand kann sich mit einer solchen Vielfalt an Schichten und Farbschattierungen bewegen, wie er es konnte. Er wechselte die Richtungen, stand aufrecht und war kurz darauf wieder auf dem Boden.

Von seinen Schülern verlangte Matt Mattox unheimlich viel. Sie mussten sich disziplinieren und voll in ihr Training einbringen. Authentisch zu sein, war eine wichtige Maßgabe. Mattox sah den Schlüssel zum tänzerischen Erfolg immer beim Wandel der inneren Einstellung. Ohne Öffnen, das Verstehen, was beim Tanz im und mit dem Körper passierte, stellte sich aus seiner Sicht kein Erfolg ein, konnten seine überraschenden und äußerst kompakten, immer wieder sehr variablen und temporeichen Kombinationen nicht wirklich getanzt werden. Durch diese starke Ausrichtung am Kopf war für ihn auch klar, dass jeder Mensch Tanz lernen kann und es nur von ihm selbst abhängt, seinem Trainingseifer und seiner Ausdauer, ob er es auch wirklich gut lernt.

Matt Mattox konnte seine Begeisterung für Tanz, seine Akribie und seine Beharrlichkeit perfekt weitergeben. Viele, viele Schülerinnen und Schüler kamen zu ihm, weil er ein unerreicht guter Lehrer und sein Unterricht etwas ganz Besonderes war. Sein Ruf „rhythm people“, die unsanfte Unterbrechung einer Kombination, hallt heute noch vielen von ihnen nach. Ich selbst bin oft, wenn es mir schlecht ging, einfach von Dortmund nach Paris gefahren, um eine Stunde Unterricht bei ihm zu nehmen und mich neu mit positiver Energie aufzuladen. Direkt im Anschluss ging es wieder zurück, und die elf, zwölf Stunden Fahrzeit haben mich kaum Energie gekostet im Vergleich zu dem, was ich aus Paris mitgebracht habe.

Nicht minder gut als er tanzte, unterrichtete und choreografierte Mattox. Jede Stunde begann mit technischen Elementen, die auch immer wieder aufs Neue aufgegriffen wurden. Daran schloss sich eine Tanzkombination an. Bei diesen Kombinationen zeigte sich sein eigener Stil: Sie bauten auf einem so vielfältigen Bewegungsmaterial auf, wie nur Mattox es beherrschte. Nichts war für ihn schlimmer als die Wiederholung – und in all den Jahren, die wir bei ihm lernten, haben wir nie die gleiche Kombination getanzt. Von dieser Vielfalt konnten wir auch anders profitieren: Gudrun, meine Frau, und ich haben jahrelang die Choreografie „Just Once“ getanzt, die Matt für uns kreiert hat, als wir endlich gelernt hatten, seinen Stil auf die Bühne zu bringen.

Matt war nie oberflächlich. Ihn interessierten die Menschen, er ging auf sie zu und beschäftigte sich intensiv mit ihnen. Wir hatten Matt Mattox und seine Frau Martine mehrfach als Dozenten für Workshops in Dortmund engagiert. Drei Tage lang oder mitunter auch eine Woche arbeitete er jeweils vier Stunden á 90 Minuten mit den Schülern. Er forderte, motivierte, wenn etwas nicht klappte, und gab ihnen etwas von seiner besonderen Technik, dem „Freestyle“, wie er es nannte, mit auf den Weg. Auch unsere Tochter Natascha hat in mehreren Workshops bei Matt Mattox vertieft, was ihr ihre Eltern im Jazz-Tanz beigebracht haben. Vor vier Jahren, als Matt schon 88 Jahr alt war, war sie zum letzten Mal zum Unterricht bei ihm. Wir selbst haben ihn und Martine oft in Perpignan ins Südfrankreich besucht, wo sie in einem kleinen, reich mit Pflanzen geschmückten Einfamilienhaus lebten. Beim gemeinsamen Essen in einem Restaurant philosophierten wir dann stundenlang über Tanz.

Das große Idol von Matt Mattox war Jack Cole, der seinen Schwerpunkt beim theatre- und indian dance hatte. Matt griff wichtige Punkte hiervon auf und entwickelte daraus sein ganzes Freestyle-System, das auf Elementen von klassischem Ballett, Modern Dance, Step- und Jazz-Tanz, Flamenco und indischem Tanz basiert. Dieses System setzt sich aus drei Ebenen zusammen: Technik, Methodik und persönlicher Stil. 1970 siedelte der gebürtige Amerikaner aus den USA nach London über, 1975/76 zog es ihn dann nach Frankreich, wo er seine Schule gründete. Kräftig unterstützt, in Frankreich Fuß zu fassen, wurde er von Janette Pidoux.

Mattox wirkte im Laufe seiner Karriere in vielen Filmen mit, etwa als Western-Darsteller in „Seven Bridges for Seven Brothers“ aus dem Jahr 1954 oder zusammen mit Marylin Monroe im Film „Blondinen bevorzugt“ aus dem Jahr 1953. Er arbeitete mit Größen wie Judy Garland, Jane Russel oder Fred Astaire. Seine Bedeutung für den amerikanischen, vor allem aber den europäischen Jazztanz ist immens. So immens, dass hier in Europa derzeit niemand auch nur ansatzweise in seine Fußstapfen treten kann.

Matts großes Bedürfnis war es, sein Können und seine ganz persönliche Technik des Jazz-Tanzes weiterzugeben. Gudrun, Natascha und ich – wir alle hoffen, dass seine Ideen und sein System weiterleben werden und es immer genügend Schüler gibt, die den Ehrgeiz entwickeln, drei bis vier Jahre hart zu arbeiten, um der tiefen Aussagekraft von Matt Mattox nahe zu kommen.

Berry Doddema
Februar 2013

Veröffentlicht am 22.02.2013, von Gastbeitrag in Homepage, Leute

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