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Stuttgart

TANZ DIREKT AUS UND IN REAKTION AUF MUSIK KREIERT

„Tanz//Toene“ heißt der neue Ballettabend des Stuttgarter Balletts



„Ssss ...“ von Edward Clug aus dem vergangenen Jahr und „Slice to Sharp“ von Jorma Elo aus dem Jahr 2006 sowie Maurice Béjarts opulentes Meisterwerk „Bolero“ nach der gleichnamigen betörenden Komposition von Maurice Ravel.


  • "Slice to Sharp" von Jorma Elo: Maria Eichwald und Constantine Allen Foto © Stuttgarter Ballett
  • "Ssss..." von Edward Clug mit Myriam Simon und Daniel Carmargo Foto © Stuttgarter Ballett
  • "Bolero" von Maurice Bejart: Alicia Amatriain und Ensemble Foto © Stuttgarter Ballett

„Tanz//Toene“ heißt der neue Ballettabend des Stuttgarter Balletts. Er erinnert an einen wichtigen und bislang nur überschaubar erforschten Aspekt der Tanzgeschichte: Tanz, der direkt aus und in Reaktion auf Musik kreiert und zu ihr ins Verhältnis gesetzt wird und in diesem Zusammenhang mal mehr, mal weniger episodisch, emotional oder auch nur energetisch wirkt.

Spannend ist wie die Stuttgarter mit diesem Aspekt umgehen und was dabei zu entdecken ist. Denn ein balletthistorisches Werk präsentieren sie nicht, auch wenn sie „Les Sylphides“ von Mikhail Fokine aus dem Jahr 1909 – das erste, keine Handlung darstellende und vorrangig aus Chopins Kompositionen inspirierte Ballett - im Repertoire hätten. Dafür lohnt sich aktuell der Weg zu den Kollegen beim Bayerischen Staatsballett, die in dieser Spielzeit auf fulminante Weise Leonide Massines „Choreoartium“ aus dem Jahr 1933 auf die Bühne zaubern – gemeinhin eines der ersten sinfonischen Ballette des 20. Jahrhunderts.

Nein, entsprechend ihrem Selbstverständnis, Choreografen und Tänzer für die Gegenwart und Zukunft zu fördern, umfasst der Abend zwei zeitgenössische Ballettwerke – „Ssss ...“ von Edward Clug aus dem vergangenen Jahr und „Slice to Sharp“ von Jorma Elo aus dem Jahr 2006 - sowie Maurice Béjarts opulentes Meisterwerk „Bolero“ nach der gleichnamigen betörenden Komposition von Maurice Ravel. Nicht nur jedes einzelne Werk zeugte von der permanenten und von Stuttgart aus explizit angestoßenen Erneuerungsfähigkeit des Balletts im Zeitgenössischen, sondern ließ darüber hinaus mal wieder spannende Tänzerpersönlichkeiten aus der Stuttgarter Pool aufscheinen. Konzeptionell verweist der Abend darüber hinaus stringent auf die künstlerische Strategie Musik zu vertanzen: mal Note für Note, Linie für Linie oder dem Rhythmus folgend. Alternativen wie sie beispielsweise der junge Yuki Mori in Augsburg pflegt, Musik als Gegenpart zu begreifen, bleiben hier unerwähnt.

Eine Augenweide stellt zunächst Elos „Slice to Sharp“ dar. Die Kreation für vier Paare zu mehreren Violinkonzerten von Vivaldi und getanzt in schlichten blauen, eng anliegenden Trikots im ansonsten leeren schwarzen Bühnenraum nahm alle choreografischen Elemente auf, die man aus der großen Tradition sogenannter abstrakter Werke kennt: ein Anfangstableau mit allen, dann mehrere fröhliche beziehungsweise melancholisch-elegische Duette bis zu einem Finale, an dem alle wieder teilnehmen. Jorma Elo, ausgebildeter klassischer Tänzer, der eine Vielzahl an zeitgenössischen choreografischen Sprachen durch seinen Körper hatte strömen lassen, imponiert mit seiner Komposition, die innerhalb des neoklassischen Kontextes neue Bewegungsmöglichkeiten zur Schau stellt. Auch wenn man bei den anderen Tänzerinnen und Tänzern zuweilen den Eindruck hatte, dass sie zwar den rasant-virtuosen Bewegungsgestus inhaliert hatten, dann jedoch mit dem Gehalt des Werkes allein gelassen worden waren, wurde man durch Maria Eichwald und Jason Reilly sowie dem Gruppentänzer Constantine Allen entschädigt. Bis heute hat sich Reilly, seit vielen Jahren Erster Solist, die Lässigkeit in seiner weit ausstrahlenden Eleganz bewahrt. Er traute sich, die Choreografie tatsächlich stellenweise zu rocken. Eichwald, eine der erfahrensten Tänzerinnen beim Stuttgarter Ballett, brillierte durch tiefe Empfindungen, die sie an seiner Seite maßvoll mit einer ungemein präzisen Art der Bewegungsführung umrahmte. Präsent, zugewandt, optimistisch und weit ausholend in seinen Bewegungen schließlich der junge Constantine Allen – eine Entdeckung für die Zukunft.

Akkurat und dennoch durchlässig und feinsinnig tanzte Daniel Camargo den Beginn von Edward Clugs Auseinandersetzung mit Chopins „Nocturnes“. „Ssss ....“, ein Nachtstück für drei Paare, spielt in einem leeren Konzertsaal. David Diamond sitzt mit dem Rücken zur Tanzfläche an seinem Flügel. Um ihn herum leere Hocker, auf dem die Tänzer einzeln Platz nehmen. Ein Wartesaal. Ein Niemandsort, an dem einzelne zusammenkommen, wieder auseinander gehen. Nimmt man allein die originär neue Bewegungssprache in den Duetten hinzu, muss man sich um die lebendige Zukunft des aktuellen Balletts keine Sorgen machen. Clug, Ballettdirektor am SlowenischenNationaltheater Maribor, kann getrost zu den virtuosesten und bewegungsfindungsreichen Choreografen der europäischen Gegenwart gezählt werden. Wie Elo choreografiert er auf die Musik, ihre Töne, Akzente, Linien und Bögen und experimentiert dabei mit unterschiedlichen Zeitspannen und Impulsen, die er seinen oft geklappten Bewegungsfolgen verleiht. Am meisten beeindrucken dabei die Männersoli wohingegen Bewegungsmaterial und auch die Darstellung der Frauen – schlichtweg zu nackt angezogen im Vergleich zu den hochgeschlossen tragenden Männern in Alltagskleidung zitierenden Kostümen – abfallen.

Bleibt Béjarts süchtig machende „Bolero“-Kreation, Montagabend mit einer grandiosen Alicia Amatriain auf dem Tisch, den ein Haufen Männer umrandet. Der Part stellt nicht nur eine faszinierende Erweiterung ihres Repertoires dar, sondern die kühle präzise Art, mit der die erfolgreiche Spanierin dieses knapp fünfzehnminütige Solo exerziert, offenbart noch mehr den kulturellen Reichtum, der in dieser Bewegungserfindung steckt: indischer Tanz, klassischer Tanz und die Elemente des Modern Dance lassen eine Göttinnenfigur entstehen, die den Tanz als Trance und Ekstase selbst feiert. Immer wieder herrlich.

Veröffentlicht am 19.02.2013, von Alexandra Karabelas in Homepage, Kritiken 2012/2013

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Kommentare zu "Tanz direkt aus und in Reaktion auf Musik kreiert "



    • Kommentar am 21.02.2013 15:14 von rolf wollgarten
      Wie wahr, Jorma Elos Stück "Slice to Sharp" als Augenweide zu bezeichnen. Das moderne, zeitgenössische Ballett ohne einen Stoff, der von außen gesetzt ist, sei er sinfonische oder literarische Dichtung, der Tanz also mit einer abstrahierenderen Sprache als das Handlungballett, ist nicht in der Krise, wie es Heroinnen der Ballettberichterstattung glauben machen wollen, insbesondere nicht in der Krise beim Stuttgarter Ballett, vielleicht aber in Paris oder Düsseldorf. Wie wahr also und wohltuend schön, Frau Alexandra Karabelas.

      Die direkte Achse "Tanz//Töne", die unbedingte, unverbrüchliche, schicksalhafte, ist bei diesem Stück die geglückte wechselseitige Kongenialität zwischen den Violinenstücken Vivaldis und dem Tanz des Stuttgarter Ensembles. Die Schönheit der Musik ist Inhalt und Handlung sui generis, ebenso der Tanz, im Geiste der Musik, pure Energie und Lebensfreude. Schönheit ist kein Begriff, sondern eine geistige Haltung. Die Schönheit von "Slice to Sharp", die intuitive des erlebten Augenblicks des Tanzes, fußt immer auf einer reflexiven Schönheit, einer Verräumlichung des Geistes, die Freiheit generiert, eben dadurch, daß sie am Ende eines schmerzvollen Prozesses des Scheiterns wieder verschwindet. Das Erlebnis des stilvoll Schönen und der vollendeten Virtuosität des Tanzes bei "Slice to Sharp" ist recht eigentlich nur möglich auf dem Hintergrund eigener geistiger Erfahrungen dieses Prozesses der Brüche und des Scheiterns. Metaphorisch also, zurückgehend zum Anfang, ist es das Abernten der selbstbestellten fruchtbaren "Weide", das Abschöpfen des selbstgeschaffenen reichen "Jagdgrundes", das Auskosten des weitschweifenden inneren Blicks. Der Tanz des Stuttgarter Balletts offenbart eine Durchsichtigkeit, in der diese geistige Haltung der Schönheit vor aller Augen aufleuchten kann.

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