HOMEPAGE



Görlitz

TANZ AUF DER HÖHE DER ZEIT

Gefeierte Premiere der Tanzkompanie des Gerhart Hauptmann – Theaters Görlitz – Zittau



Musik von Johann Sebastian Bach. „Das Wohltemperierte Klavier“, Prelude f-Moll. Dazu tanzt Nora Hageneier, ein Solo, versonnen, allein auf der großen Bühne...


  • "There's Time" von der wee dance company am Theater Görlitz Foto © Marlies Kross
  • "There's Time" von der wee dance company am Theater Görlitz
  • "There's Time" von der wee dance company am Theater Görlitz Foto © Marlies Kross

Musik von Johann Sebastian Bach. „Das Wohltemperierte Klavier“, Prelude f-Moll. Dazu tanzt Nora Hageneier, ein Solo, versonnen, allein auf der großen Bühne, wie sie Britta Bremer und Marko E. Weigert für diese Neufassung des Tanzstücks „There´s Time“, von der wee dance company vor acht Jahren im Berliner Kunsthaus Tacheles uraufgeführt, jetzt für das Görlitzer Theater gestaltet haben.

Die Tänzerin agiert aus spürbarer innerer Freiheit in einem Lichtkreis als hätte sie alle Zeit der Welt als könne ihr niemand auch nur eine Sekunde ihres kostbaren Gutes rauben. Völlig unberührt gibt sie sich dem Maß der Musik hin. Dan Peleg, der graue Herr mit Aktenkoffer und Melonenhut ist machtlos, seine Versuche, die Kreise der Tänzerin zu stören, bleiben erfolglos. Aber bald sind sie da und bevölkern die Bühne, die Typen in Grau. Sie erinnern an die Zeitdiebe aus Michael Endes Buch „Momo“.

Im Tanzstück von Dan Peleg und Marco E. Weigert sind die sieben Tänzerinnen und Tänzer in der akkuraten Kleidung mit den Aktenkoffern auf blanken Sohlen Räuber und Beraubte zugleich. Sie liegen auf der Lauer, sie springen und jagen durch den Raum, sie gehen aufeinander zu, sie suchen die Nähe und brechen jäh Kontakte ab. Sie halten einander und lassen sich fallen, brutal und zärtlich können sie sein, einsame Jäger und Gejagte. Jedem von ihnen schlägt die Stunde. Ganz vorn über der Bühne hängt eine Sanduhr, später wird der Sand aus einem groben Sack wie die unaufhaltsam verrinnende Zeit über den Körper einer einsamen Tänzerin rieseln. Tänzer werden sich in den roten Seilen der Zeitschleifen verwirren oder sogar in zeitloser Schwerelosigkeit von Seilen gehalten durch den Raum schweben. Sie werden auf einem grünen Zeitteppich inmitten der schwarzen Bühne eine Idylle der Zeitlosigkeit genießen und damit umgehen müssen, wenn ihnen die Zeit den Boden unter den Füßen fortreißt.

Eine Tänzerin sucht nach den Spuren der Zeit auf ihrer Haut. Alles hat seine Zeit in diesem Tanzstück, Zeit der Paarung, Zeit der Einsamkeit, Zeit der Aggression, Zeit der Zärtlichkeit. Sieben Tänzerinnen und Tänzer, sieben knappe Soli, Duette oder Versuche die Zeit zu dritt anzuhalten, so berührende wie beeindruckende Bilder der ganzen Gruppe, direkt oder als Schattenriss im Gegenlicht. An Hugo von Hofmannsthals Zeitphilosophie wird man immer wieder erinnert, an die Zeit, die ein sonderbar Ding und rein gar nichts ist, wenn man so hinlebt, an die Zeit, die fließt, lautlos wie eine Sanduhr, zwischen mir und dir. An diesem Abend fließt die Zeit zwischen uns und den Tänzern, deren Energie uns immer wieder in den Bann zieht und uns meinen lässt, jene Augenblicke des Glücks im Theater zu erleben, an denen man wünscht, die Zeit möge stehen bleiben.

Dazu Musik unterschiedlicher Stücke der Gruppe Matmos aus San Franzisco, deren Rauschen und Rascheln, deren Sound der Keyboards und Gitarre, gemischt mit natürlichen und künstlichen Zeitzeichen wie dem Hahnenschrei oder dem mahnenden Glockenschlag, weit mehr bedeutet als bloße Untermalung des Geschehens. Wie gemacht für den Tanz von Leila Bakhtali, Nora Hageneier, Laura Keil, Fernando Balsera Pita, William MacQueen, Ruslan Stepanov und Marko E. Weigert.

Für die Görlitzer Neufassung von „There´s Time“ wurden Filme gedreht, die Tänzer in der Stadt, auf einer grünen Kunstinsel im Schnee, oder in den Räumen der historischen Oberlausitzer Bibliothek, deren gebundene Zeitzeugnisse zum Zeitspiegel werden. Auf einem Platz in der Stadt verkauft eine Tänzerin u.a. Freizeit, Arbeitszeit, Zeitlupen, Zeitraffer, Langeweile oder wärmende Sommerzeit mitten im Winter.

Das sind heitere, kommentierende Intermezzi, ebenso wie immer wieder die Szenen der Tänzer vom Publikum schon mit herzlichem Szenenapplaus bedacht. Dann zum Schluss noch einmal Zeit der Poesie. Eine Art Nachtmusik, Grillen zirpen im Klang der Stille, ganz zart ein Duett, zwei Tänzerinnen, „There´s Time“, es ist an der Zeit für die Zeit der Zärtlichkeit.

Weitere Aufführungen: 25., 27., 31.01.; 02.02. www.g-h-t.de

Veröffentlicht am 21.01.2013, von Boris Michael Gruhl in Homepage, Kritiken 2012/2013

Dieser Artikel wurde 5116 mal angesehen.



Kommentare zu "Tanz auf der Höhe der Zeit"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



     

    LETZTE BEITRÄGE 'TANZ IM TEXT'


    BALLETTDIREKTOR DER PARISER OPER BENJAMIN MILLEPIED CHOREOGRAPHIERT „DER NUSSKNACKER“ AM BALLETT DORTMUND

    Premiere am Sonntag, 18. Oktober 2015, im Opernhaus Dortmund
    Veröffentlicht am 26.09.2015, von Pressetext


    DREAMS ARE MY REALITY

    MUGEN in den Sophiensælen
    Veröffentlicht am 01.12.2021, von Anzeige


    RAN AN DIE HERZEN

    „Promise“ von Sharon Eyal bei tanzmainz uraufgeführt
    Veröffentlicht am 30.11.2021, von Isabelle von Neumann-Cosel



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    NEUE TANZREIHE IM TIF: SEASON 1 – LET’S TALK ABOUT SEX

    Tanz-Doppelabend mit Uraufführungen von Kristel van Issum (Niederlande) und Sahar Damoni (Palästina)

    Mit „Season 1 – Let’s talk about sex“ startet TANZ_KASSEL auf der Studiobühne TiF am Freitag, 3. Dezember, 19.30 Uhr, eine neue Tanz-Reihe, die auch in den kommenden Spielzeiten fortgesetzt werden soll.

    Veröffentlicht am 25.11.2021, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    REDEBEDARF

    Diskussion zu Macht und Diskriminierung im Kulturbetrieb am Berliner Staatsballett
    Veröffentlicht am 09.11.2021, von Bernd Feuchtner


    INTENDANTENWILLKÜR AUCH IN MAGDEBURG

    Vermutlich baldiges Ende für Gonzalo Galguera in Magdeburg
    Veröffentlicht am 30.04.2021, von Volkmar Draeger


    ZUSAMMENARBEIT

    Staatliche Ballett- und Artistikschule Berlin und Staatsballett Berlin schließen Kooperationsvertrag
    Veröffentlicht am 10.07.2021, von Pressetext

    MEISTGELESEN (7 TAGE)


    IN BERLIN FÄLLT WEIHNACHTEN AUS

    Das Staatsballett Berlin streicht „Nussknacker“ aus seinem Programm

    Veröffentlicht am 30.11.2021, von Bernd Feuchtner


    TANZEN IST GOLD WERT

    Mit "Cinderella" von Christopher Wheeldon und dem Bayerischen Staatsballett hat ein Ballett der Superlative seine Premiere in München

    Veröffentlicht am 25.11.2021, von Sabine Kippenberg


    WENN DIE AUGEN GRÖßER SIND ALS DIE SCHUHE

    Herbstmatinee der Heinz-Bosl-Stiftung am Nationaltheater München

    Veröffentlicht am 28.11.2021, von Sabine Kippenberg


    HOMMAGE AN EIN GENIE

    Ein Podcast und ein Roman für einen der bedeutendsten Choreografen des 20. Jahrhunderts: John Cranko

    Veröffentlicht am 14.06.2020, von Annette Bopp


    EURYDIKE TANZT IN DEN KATAKOMBEN BERLINS

    Frequenz 04/11 – Tanz- und Musikperformance von tanzApartment c/o huber & christen

    Veröffentlicht am 03.05.2011, von Karin Schmidt-Feister



    BEI UNS IM SHOP