HOMEPAGE



Basel

EINE UNGLEICHZEITIGE LIEBE

Richard Wherlock und das Basler Ballett zeigen einen zupackenden „Eugen Onegin“



Der Basler Ballettchef Richard Wherlock hat sein neues Werk „Eugen Onegin“ nach dem Roman von Alexander Puschkin in zwei Akte aufgeteilt. Etwas vergröbernd könnte man sagen: Der erste Akt zeigt die schwächeren Seiten des Choreografen, der zweite Akt die stärkeren.


Der Basler Ballettchef Richard Wherlock hat sein neues Werk „Eugen Onegin“ nach dem Roman von Alexander Puschkin in zwei Akte aufgeteilt. Etwas vergröbernd könnte man sagen: Der erste Akt zeigt die schwächeren Seiten des Choreografen, der zweite Akt die stärkeren. Stark ist Wherlock in den Gruppenszenen. Sie zeichnen sich durch Witz und Vitalität aus. Und geben dem ganzen Ensemble die Chance, sich ins Bühnengeschehen hineinzustürzen, Tempo zu entwickeln, zuzupacken. Schwächer erweist sich der Choreograf bei der Zeichnung der Hauptfiguren, ihrer Charaktere und Beziehungen untereinander. Hier mangelt es ihm an Ruhe und Finesse.

Der Versroman „Eugen Onegin“ von Alexander Puschkin wurde in Fortsetzungen 1825-33 veröffentlicht. Onegin, ein Müßiggänger und Dandy aus St.Petersburg, erbt von einem reichen Onkel ein Landgut. Dort begegnet er zwei Schwestern: Der introvertierten Tatjana, einer Leseratte, und der munteren Olga, die mit dem jungen Dichter Lenski verlobt ist. Tatjana verliebt sich in Onegin, der sie aber missachtet. Statt dessen flirtet er mit Olga, wird vom eifersüchtigen Lenski zum Duell gefordert und tötet diesen. Nach zehn Jahren des Herumreisens kehrt Onegin nach Moskau zurück. Bei einem Ball trifft er Tatjana wieder, die inzwischen einen Fürsten geheiratet hat. Die Rollen kehren sich um: Onegin entbrennt in Liebe zu Tatjana, doch sie weist ihn zurück. Einst hat sie ihm einen Liebesbrief geschrieben, den er verschmähte. Jetzt geschieht das Umgekehrte. „Eugen Onegin“ – das ist eine melancholische Geschichte über die Ungleichzeitigkeit der Liebe.

Peter Tschaikowsky brachte 1891 in Moskau die Oper „Eugen Onegin“ zur Uraufführung. 1967 schaffte der Stoff die Transformation zu einem der wichtigsten klassischen Handlungsballette aus dem 20. Jahrhundert. John Crankos Stuttgarter Ballett glänzte bei der Uraufführung mit der Traumbesetzung Marcia Haydée/ Heinz Clauss in den Hauptrollen. Seither wurde Crankos „Onegin“ von vielen berühmten Ballettensembles frisch einstudiert. Aber kaum jemand wagte eine eigene Version des Stoffs. Erst 2009 kreierte Boris Eifmann eine neue Fassung. Und jetzt hat also Richard Wherlock den Stoff aufgegriffen.

Wie schon John Cranko wählte auch Richard Wherlock nicht Musik aus der Oper „Eugen Onegin“ für sein Ballett aus; beide arbeiten mit Auszügen aus anderen Werken Tschaikowskys. Dirigent David Garforth und das Sinfonieorchester Basel schwelgen unter anderem in Passagen aus den Sinfonien 3 und 4, verschiedenen Suiten, Stellen aus dem Violinkonzert und dem ganzen Capriccio Italien. Zuweilen wirkt die Auswahl auch befremdlich, etwa dann, wenn zum Duell Onegin-Lenski die Ouvertüre „1812“ erklingt, die den Sieg der Russen über Napoleon feiert.

Jorge García Pérez als Eugen Onegin ist ein guter Tänzer, doch gibt ihm die Choreografie zu wenig Gelegenheit, einen unverwechselbaren Charakter zu zeichnen. Mit seinen rotgeschminkten Lippen und dem häufigen Blick in den Spiegel fühlt man sich eher an Dorian Gray als an eine Puschkin-Figur erinnert. Auch Ana Lopez als Tatjana tanzt ihren Part sorgfältig-eindringlich; das für sie entwickelte Bewegungsmaterial hat aber wenig Individuelles. Wherlock wählt meist Modern Dance als Tanzgrundlage; er beschränkt das Klassische weitgehend auf die beiden Ballszenen in St. Petersburg und Moskau und verzichtet auf Spitze. Stark ist er in einigen – wiederum eher englisch als russisch wirkenden - komischen Szenen. Etwa dort, wo die Diener des ererbten Landgutes die Möbel herum schieben, auf dicken Sohlen tanzend, oder zu zweit in der Badewanne kauern.

Debora Maiques Marín tanzt die Olga, Javier Rodríguez Cobos den Lenski, Marius Razvan Dumitru den Fürsten und späteren Gatten von Tatjana. Für Diego Benito Gutierrez hat der Choreograf eine dankbare Rolle als Onegins Kammerdiener erfunden. Im 2.Akt kommen dann alle, die da tanzen können, zum Zug: Als bunter Reigen verführerischer Frauen auf Onegins Reise, als Tatjana-Doppelgängerinnen in einem Traum Onegins, als Ballgesellschaft im Palais des Fürsten.

Bleibt die Ausstattung: Attraktive Kostüme von Catherine Voeffrey und eine großzügig gehandhabte Bühne von Bruce French. Wechselnde Videos von Tabea Rothfuchs auf der Rückwand, die teils direkt mit der Handlung interagieren (z.B. bei den Briefschreibeszenen), und einander ablösende, meist hängende Kulissen erlauben rasche Abläufe und Stimmungswechsel.

Uraufführung: 12.1.2012, Theater Basel

Weitere Angaben und Aufführungsdaten:
www.theater-basel.ch




Veröffentlicht am 15.01.2013, von Marlies Strech in Homepage, Kritiken 2012/2013

Dieser Artikel wurde 3651 mal angesehen.



Kommentare zu "Eine ungleichzeitige Liebe"



Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



 

LETZTE BEITRÄGE 'TANZ IM TEXT'


GESTERN, HEUTE, MORGEN

„All Our Yesterdays“ von John Neumeier zu Musik von Gustav Mahler wurde jetzt beim Hamburg Ballett wiederaufgenommen
Veröffentlicht am 22.02.2019, von Annette Bopp


KONZENTRATION AUF PURE BEWEGUNG

Getanzte Bauhaus-Ideen: „Reconstruction“ von Jai Gonzales in der Hebelhalle Heidelberg
Veröffentlicht am 22.02.2019, von Isabelle von Neumann-Cosel


TANZ MUSS EINE NACHVOLLZIEHBARE LOGIK HABEN

„Er… Sie… und andere Geschichten“ von Renate Graziadei und Arthur Stäldi
Veröffentlicht am 22.02.2019, von Volkmar Draeger



AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



GROßE PROGRAMMREIHE „OLD STARS - NEW MOVES" BEIM UNTERWEGSTHEATER

Das UnterwegsTheater Heidelberg präsentiert 2019 ein hochkarätiges Programm mit Uraufführungen und Gastspielen

Den Auftakt bildet "Reconstruction" von Jai Gonzales am 21. Februar 2019

Veröffentlicht am 12.02.2019, von Anzeige

LETZTE KOMMENTARE


ENGAGEMENT VERLOREN

Sergei Polunin nicht mehr im "Schwanensee" an der Pariser Oper
Veröffentlicht am 15.01.2019, von tanznetz.de Redaktion


RAUSCHEN VON SASHA WALTZ & GUESTS

Uraufführung am 7. März 2019 in der Volksbühne Berlin
Veröffentlicht am 01.02.2019, von Anzeige


EISENACHS BALLETT BESPIELT AUCH DAS MEININGER STAATSTHEATER

„Verschwundenes Bild“ von Andris Plucis forscht dem Alltagsleben in der DDR nach
Veröffentlicht am 07.02.2019, von Volkmar Draeger

MEISTGELESEN (30 TAGE)


RAUM, KLANG, TANZ

Initiation der Elbphilharmonie-Foyers mit Sasha Waltz & Guests' „Figure Humaine“

Veröffentlicht am 02.01.2017, von Annette Bopp


ABSCHIED VON JEAN CÉBRON

Der Tänzer, Choreograf und Pädagoge verstarb am 1. Februar

Veröffentlicht am 02.02.2019, von tanznetz.de Redaktion


"DIE CHANCE DES THEATERS LIEGT IM ALTEN"

Interview mit Marco Goecke

Veröffentlicht am 04.02.2019, von Alexandra Karabelas


SPIEGEL DER GESELLSCHAFT

"1980 – ein Stück von Pina Bausch" in der Hamburger Kampnagelfabrik

Veröffentlicht am 27.01.2019, von Annette Bopp


HELLMUTH MATIASEK FEIERT HEUTE SEINEN 85.GEBURTSTAG

Pick bloggt über seinen langjährigen Intendanten Hellmuth Matiasek und reist in Gedanken von Rosenheim bis nach Japan

Veröffentlicht am 15.05.2016, von Günter Pick



BEI UNS IM SHOP