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Baden-Baden

MARIINSKY-BALLETT HOCH DREI

Die Abschlussgala der Mariinsky-Tournee in Baden-Baden



Es gehört zu den Besonderheiten der Galas des Mariinsky-Balletts, dass dort meist zusätzlich zu den üblichen Galadivertissements seltene und längere Stücke gezeigt werden...


  • Oxana Skorik als Nikyia in ”La Bayadere” Foto © N.Razina
  • Diana Vishneva und Andrei Merkuriev in „Subject to Change“ von Paul Lightfoot und Sol Leon. Foto © N.Razina

Es gehört zu den Besonderheiten der Galas des Mariinsky-Balletts, dass dort meist zusätzlich zu den üblichen Galadivertissements seltene und längere Stücke gezeigt werden, von kurzen zeitgenössischen Choreografien über Rekonstruktionen von Stücken des 19. Jahrhunderts bis zu ganzen Akten aus Klassikern wie „Paquita“. Auch bei der diesjährigen Abschiedsgala der Baden-Baden-Tournee war eine breite Auswahl von Kostproben des Repertoires der Sankt Petersburger Kompanie zu sehen.

Die Gala wurde mit einer Reihe bewährter Gala-Paradestücke eröffnet: „Tchaikovsky Pas de deux“, „Grand Pas Classique“, „Tarantella“ und der Pas de deux aus „Don Quichotte“. Etwas weniger bekannt waren hingegen der „Talisman“-Pas de deux von Pjotr Gusjew nach Marius Petipa und Anton Dolins „Pas de quatre“ nach Jules Perrot, der 1845 vier Starballerinen des romantischen Balletts – Marie Taglioni, Carlotta Grisi, Fanny Cerrito und Lucile Grahn – für vier außergewöhnliche Vorstellungen auf der Bühne des Londoner Her Majesty’s Theatre zu vereinen wusste. In diesem Stück glänzte vor allem Yekaterina Kondaurova als Taglioni (erkennbar unter anderem durch Kostüm und Haltung aus „La Sylphide“, durch die die italienische Ballerina weltberühmt wurde) durch ihre Balancen und Leichtigkeit; Viktoria Krasnokutskaya als Lucile Grahn (Muse des dänischen Choreografen Auguste Bournonville) zeigte eine beeindruckende Serie von Entrechats, die an den zweiten Akt von „Giselle“ erinnerten. Schließlich gab es noch Yuri Smekalovs 2008 uraufgeführten Pas de deux „Parting“, bei dem leidenschaftliche Verschlingungen und gewagte Würfe verrieten, dass Smekalov sich unter anderem im Eiskunstlauf einen Namen gemacht hat, als Choreograf für Olympiasieger Yevgeni Plushenko.

Allerdings war der beinahe anderthalbstündige Auftakt zu lang geraten, zumal die Besetzungen von ziemlich ungleicher Qualität waren. Bemerkenswert war neben „Pas de quatre“ vor allem Viktor Gsovskys „Grand Pas classique“, den Kondaurova mit höchster Beherrschung und Virtuosität zelebrierte. An ihrer Seite überzeugte der junge Erste Solist Timur Askerov durch hohe, leichte Sprünge und saubere Pirouetten.

Der zweite Teil des Abends zeigte die Kompanie von einer ganz anderen, zeitgenössischen Seite. Starballerina Diana Vishneva und Gasttänzer Andrei Merkuriev (ein ehemaliger Mariinsky-Tänzer, der heute beim Moskauer Bolschoiballett tanzt) nähern sich in Paul Lightfoot und Sol Leons Stück „Subject to change“ immer wieder auf einem quadratischen roten Teppich einander an, wobei sie mehrmals von vier brüllenden und wild pirouettierenden Herren im schwarzen Anzug unterbrochen werden. Mal wickeln sich die vier bedrohlichen Gestalten in den Teppich ein, dann drehen sie ihn und Vishenva im Kreis, lassen ihn Wellen schlagen oder richten ihn wie eine Wand zwischen dem Mädchen und dem Mann auf. Ein schwarzer Bühnenvorhang, der von unten nach oben und umgekehrt über die rauchverhangene Bühne fährt, markiert Beginn und Ende des Geschehens. Die Musik aus Schuberts „Der Tod und das Mädchen“ schafft eine beunruhigende Stimmung: gegen Ende des Balletts fällt und sinkt Vishneva immer wieder zusammen, dann verschwinden alle Figuren wieder so unmittelbar, wie sie aufgetaucht sind. Vishneva und Merkuriev sind großartig in dem Ballett, das der glamourösen Primaballerina Gelegenheit gibt, ihre zarte, zerbrechliche Seite zu zeigen.

Der letzte Teil der Gala war wieder der hohen klassischen Tanzkunst gewidmet, mit dem gesamten Schattenakt aus „La Bayadère“. Hier kam unter anderem das sehr homogene Ensemble zu Ehren, beim exzellent synchronen Abstieg der Schatten auf die Erde. Als Nikyia überzeugte die junge, sehr schlanke und langgliedrige Erste Solistin Oxana Skorik, deren Leichtigkeit sie für die Rolle als körperloser Schatten prädestinierte. Auch ihr Solor Danila Korsuntsev zeigte sich in glänzender Form und verlieh der Reue über seinen Verrat der Tempeltänzerin durch hohe, weite Sprünge Ausdruck.

So bot der etwas überlange Abend einen reizvollen Eindruck der verschiedenen Stärken des Mariinsky-Balletts: ein paar Top-Solisten und ein exzellentes Ensemble, klassische Virtuosität und zeitgenössische Expressivität. Ein angemessener Abschluss für eine Tournee, in der neben den Klassikern „Schwanensee“ und „Nussknacker“ mit Preljocajs „Le Parc“ auch eine modernere Facette des Ensembles zu sehen war.

Veröffentlicht am 29.12.2012, von Julia Bührle in Homepage, Kritiken 2012/2013, Tanz im Text

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