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Hamburg

EIN REIZVOLLER VERGLEICH

Diana Vishneva gastiert in „Illusionen – wie Schwanensee“ beim Hamburg Ballett



Anstelle des sonst üblichen Dauerbrenners „Nussknacker“ stand in Hamburg in der Weihnachtszeit John Neumeiers mindestens ebenso beliebter Klassiker „Illusionen – wie Schwanensee“ auf dem Programm...


  • Anna Laudere als Odette und Thiago Bordin als König Ludwig im 2. Akt von John Neumeiers „Illusionen – wie Schwanensee“. Foto © Holger Badekow
  • John Neumeiers „Illusionen – wie Schwanensee“: Diana Vishneva als Natalia und Alexandre Riabko als König Ludwig im Grand Pas de Deux im 3. Akt Foto © Holger Badekow
  • John Neumeiers „Illusionen – wie Schwanensee“: Silvia Azzoni (Odette) und Alexandre Riabko (König Ludwig) im 2. Akt. Foto © Holger Badekow
  • John Neumeiers „Illusionen – wie Schwanensee“: Hélène Bouchet (Natalia) und Thiago Bordin (König Ludwig) im Gefängnis-Pas de Deux des 3. Aktes Foto © Holger Badekow

Anstelle des sonst üblichen Dauerbrenners „Nussknacker“ stand in Hamburg in der Weihnachtszeit John Neumeiers mindestens ebenso beliebter Klassiker „Illusionen – wie Schwanensee“ auf dem Programm. Der Hamburger Ballett-Intendant verschmilzt darin die tragische Geschichte des Bayern-Königs Ludwig II. mit dem romantischen Märchen von der verzauberten Schwanenprinzessin. Er entstaubt damit dieses oftmals so schwülstig inszenierte Werk aufs Feinste, ohne jedoch Preziosen wie den „weißen Akt“ oder den Grand Pas de Deux des schwarzen Schwans dranzugeben. So kann man dieses Werk immer und immer wieder sehen, ohne dass es je langweilig würde. Über 150 (meist ausverkaufte) Vorstellungen allein in Hamburg seit der Uraufführung 1976 sprechen eine deutliche Sprache, wie beliebt dieses Stück in der Hansestadt ist.

Für die ersten beiden Vorstellungen in der Dezember-Serie hatte Neumeier die russische Primaballerina Diana Vishneva als Prinzessin Natalia engagiert. Und natürlich war es besonders reizvoll, das Können einer so versierten Ballerina mit dem der Ersten Solistinnen des Hauses zu vergleichen. In dieser schwierigen Rolle als Ludwigs Verlobte muss eine Tänzerin sehr verschiedene Seiten von sich zeigen: einerseits ist sie eine Frau von höchstem Stande und entsprechend selbstbewusst, andererseits ist ihr Ludwig als Mann aber fremd und unbekannt, sie ist sich seiner Liebe in keiner Weise sicher. So ist ihr Solo im 1. Akt anlässlich des Richtfestes von Schloss Neuschwanstein nicht nur ein Zeugnis ihrer Schönheit und ihres Adels, sondern auch ein Werben um die Gunst des Verlobten. Auch lässt sie – vor allem im Pas de Deux mit Ludwig nach dem Richtfest, wenn alle Gäste weg sind – bei aller Prinzessinnen-Allüre eine sehr anrührende, unsichere und verletzliche Seite durchscheinen.

Im völligen Kontrast dazu steht dann der Maskenball im 3. Akt mit dem Grand Pas de Deux, der hier der als Schwan verkleideten Natalia und Ludwig gehört. Da zeigt die Prinzessin Rasse und Klasse, sie bezirzt den König mit den Waffen einer Frau, ist kapriziös und spritzig, herausfordernd und verführerisch. Der König erliegt dieser Faszination nur zu gern – und Natalia hat endlich, wonach sie sich so sehr sehnt: seine Liebe und Zuneigung. Im selben Moment jedoch wendet sich das Blatt, als der König wieder eine seiner schizophrenen Anwandlungen hat, Natalia plötzlich grob abwehrt und zu Boden wirft. Als sie ihn in seinem Verließ, wohin man den um sich Schlagenden gebracht hat, noch einmal aufsucht, liegt in ihrem Tanz alle Sehnsucht nach dem verlorenen Glück, ein verzweifeltes Aufbäumen gegen die Schwermut und die innere Abwesenheit dieses Mannes, aber auch das stille und demütige Resignieren vor der Realität. Die ganze Fülle des Lebens also in einer einzigen Rolle.

Diana Vishneva zeichnet die Natalia vor allem als Diva, als Frau, die keinen Widerspruch duldet. Bei ihr hat Natalia nichts Unsicheres. Die zarten Zwischentöne, das Widersprüchliche dieser Prinzessin lässt sie eher vermissen. So ist es dann auch fast verwunderlich, warum sie im letzten Pas de Deux so verzweifelt ist über die Zurückweisung des Königs – können solche Launen ihrem Selbstbewusstsein tatsächlich etwas anhaben? Warum lässt sie ihn nicht einfach fallen, diesen Sonderling? Es wird doch noch andere Königssöhne geben in ihren Kreisen? Technisch allerdings war an der Darstellung Diana Vishnevas nichts zu mäkeln – bis auf die Tatsache, dass sie sich im Grand Pas de Deux die Fouettés großzügig schenkte und durch Piqué- und Chenée-Drehungen ersetzte. Das war nicht nachzuvollziehen und enttäuschend für alle, die gerade von einer Ballerina russischer Schule dieses technische Bravourstückchen erwartet hatten.

Um wieviel vielschichtiger, transparenter und vor allem zutiefst anrührender eine Tänzerin die Natalia darstellen kann, zeigte dann Hélène Bouchet in der Vorstellung am 26. Dezember. Da blieben keine Wünsche offen – und anders als ihre russische Kollegin drehte sie die obligatorischen Fouettés sogar zur Hälfte double. Hélène Bouchet hat in den vergangenen ein bis zwei Jahren eine phänomenale Entwicklung genommen – nicht nur hinsichtlich ihrer technischen Virtuosität, sondern vor allem auch darstellerisch, wo sie jede Rolle mittlerweile mit einer seelischen Tiefe auszuloten vermag wie nur noch sehr wenige andere im Hamburg Ballett.

Reizvoll war der Vergleich der Vorstellungen auch in anderen Partien: In der Rolle des weißen Schwans glänzten Silvia Azzoni (20.12.) und Anna Laudere (26.12.). Letztere nahm diese Zitterpartie einer jeden Tänzerin noch eine Spur langsamer und getragener, ohne in den Balancen auch nur den Hauch einer Unsicherheit ahnen zu lassen, gepaart mit einer wunderschönen Linie. Das war Augenschmaus pur. Exzellent auch die vier kleinen Schwäne von Mayo Arii, Florencia Chinellato, Yuka Oishi und Lucia Solari. Da saß jeder Schritt und jede Geste! Alexandre Riabko als Partner von Diana Vishneva war ein phänomenaler König, sowohl in darstellerischer wie in technischer Hinsicht, mit riesigen Sprüngen, dass er in der Luft zu schweben schien. Ihm absolut ebenbürtig: Thiago Bordin als Partner von Hélène Bouchet. Mariana Zanotto und Alexandre Trusch gaben Prinzessin Claire und Graf Alexander Frische und Jugendlichkeit und zeigten dann beim Maskenball im rhythmisch wie tänzerisch schwierigen „Khorovod“, dass sie auch anders können: feurig, schmissig, frech. Am 26.12. gelang ihnen das noch ein kleines bisschen besser als bei der ersten Vorstellung am 20.12., wo sie überraschend einspringen mussten.

Bemerkenswert auch, dass drei Asiatinnen (Mayo Arii, Futaba Ishizaki, Xue Lin) den „Bolero“ des Maskenballs mit noch mehr Attacke tanzten als die ohnehin schon furiosen „Westlerinnen“ (Florencia Chinellato, Leslie Heylmann, Lucia Solari). Das einzige Ärgernis war Dario Franconi als „Mann im Schatten“ am 26.12. Diese Figur muss – und Carsten Jung zeigte das am 20.12. beispielhaft – dem König ein Gegenüber sein, mehr noch: eine zwingende, fast schon dämonische Macht, die Ludwig immer wieder bezwingt, die aber ebenso als alter Ego zu ihm gehört, und die sich seiner liebevoll erbarmt und aus den Fluten des Sees ins Jenseits holt, in dieser grandiosen Schluss-Szene des Balletts. Bei Franconi ist der Mann im Schatten ein farbloses Etwas, und man fragt sich, was er da eigentlich soll auf der Bühne. Noch nicht einmal in dem Schluss-Pas de Deux mit dem König zeigt er Format – und Thiago Bordin hat alle Mühe, ihm wenigstens die Präsenz abzuringen, die notwendig ist, damit nichts schiefgeht bei den schwierigen Hebungen. Richtig ärgerlich wird es jedoch, wenn er der Rolle gegenüber so gleichgültig ist, dass er wichtige Effekte verpasst und somit verpatzt – wie am 26.12. nicht nur ein Mal geschehen.

Einen Lichtblick gibt es jedoch aus dem Orchestergraben zu vermelden: Mit Konradin Seitzer verfügen die Philharmoniker endlich wieder über einen Konzertmeister, der die schwierigen langsamen Passagen der Solo-Violine dankenswerterweise nicht nur virtuos, sondern vor allem beseelt zu streichen vermag. Und nach einem eher blamablen Einstieg am 20.12. fanden seine Kollegen im Orchester unter der Leitung von Simon Hewett dann am 26.12. wieder zu einem Klang, der sich zu hören lohnte – da war wohl vorher zu wenig oder gar keine Zeit zum Proben gewesen.

Die nächste Vorstellung von „Illusionen – wie Schwanensee“ gibt es erst wieder im Rahmen der Ballett-Tage am 21. Juni 2013.

Noch gibt es Karten: telefonisch unter 040-356868 oder im Internet unter www.staatsoper-hamburg.de

Veröffentlicht am 28.12.2012, von Annette Bopp in Homepage, Kritiken 2012/2013

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