KRITIKEN 2012/2013



Hamburg

AUS DEM VOLLEN GESCHÖPFT

„Onegin“ in der zweiten und dritten Besetzung in Hamburg


  • Hélène Bouchet und Carsten Jung als Tatjana und Onegin im Schluss-Pas de Deux des 3. Aktes in Crankos „Onegin“ Foto © Holger Badekow
  • Anna Laudere und Edvin Revazov in der Geburtstagsszene im 2. Akt Foto © Holger Badekow
  • Alexandre Trusch als Lenski und Carsten Jung als Onegin im 2. Akt Foto © Holger Badekow
  • Alexandre Trusch als Lenski mit Hélène Bouchet als Tatjana (links) und Florencia Chinellato als Olga (rechts) im 2. Akt. Foto © Holger Badekow
  • Mariana Zanotto als Olga und Lennart Radtke als Lenski im 1. Akt. Foto © Holger Badekow

Sechs Vorstellungen, drei Besetzungen – das Hamburg Ballett konnte aus dem Vollen schöpfen bei der Auswahl der TänzerInnen für die Hauptrollen in „Onegin“. Die erste Besetzung der A- und B-Premiere haben wir schon besprochen (siehe hier), interessant war jetzt der Vergleich mit der zweiten und dritten Besetzung. Die zweite, das waren Hélène Bouchet als Tatjana, Carsten Jung als Onegin, Florencia Chinellato als Olga und Alexandre Trusch als Lenski. Die dritte bestand aus Anna Laudere und Edvin Revazov (Tatjana/Onegin) sowie Mariana Zanotto und Lennart Radtke (Olga/Lenski).

Hélène Bouchet – groß, schwarzhaarig, langgliedrig – ist sicher eine der besten Tatjanas, die man sich denken kann. Sie vermag ganz aus sich selbst heraus die magische Dichte auf der Bühne herzustellen, die diese hochdramatische Rolle erfordert, ganz zu schweigen von ihrer makellosen Technik. Technisch brillant ist auch Anna Laudere, aber ihr fehlt das innere Staunen, das den Wandel des bücherlesenden Mädchens zur jungen Frau begleitet und erst glaubwürdig macht. Die scheue, unsichere Tatjana im 1. Akt gelingt ihr hervorragend, da ist sie ganz und gar in der Rolle. Aber schon im Spiegel-Pas de Deux lässt sie die innere Veränderung vermissen, da ist sie von Anfang bis Ende gleichermaßen verliebt – genau in diesem Pas de Deux aber erlebt sie erstmals die Macht der Liebe, das sollte sich auch in ihrer Darstellung spiegeln. Hélène Bouchet gelingt das wunderbar, sie steigert in ihrer Tatjana das anfangs noch zögernde Überraschtsein von Onegins Präsenz und Zuneigung zu einer jubelnden Hingabe am Ende. Anna Laudere dagegen ist schon zu Beginn des Pas de Deux ganz hingerissen und überwältigt und vergibt deshalb diese Klimax. Im 2. Akt findet sie wieder zu sich zurück – vor allem in der Verletztheit über Onegins Zurückweisung. Im wichtigen Schluss-Pas de Deux jedoch wirkt sie leider überwiegend theatralisch-übertrieben und – offenbar im angestrengten Bemühen, der Rolle gerecht zu werden – fast schon manieriert, auch indem sie erkennbar die Gestik der legendären Marcia Haydée übernimmt. Schade – es wäre so viel berührender, wenn sie ihre eigenen Gesten finden würde. Immer dann, wenn sie das Schauspielern vergisst und ganz sie selbst ist – immer mal wieder geschieht das aus Versehen! –, hat sie nämlich durchaus das gewisse Etwas, das große Charakterdarstellerinnen ausmacht. Es ist Anna Laudere so sehr zu wünschen, dass sie endlich den Mut findet, diese Authentizität in ihren Rollen zu leben und zu sich selbst zu finden.

Carsten Jung gibt der Titelfigur etwas sehr bodenständig Männliches, er ist im 1. und 2. Akt mehr ignoranter Macho als arroganter Edelmann – und entsprechend leidenschaftlich und feurig im Schluss-Pas de Deux, wo ihm Hélène Bouchet an Intensität in nichts nachsteht. Es tut einem in der Seele weh, dass Tatjana ihm die Tür weist – gerade bei diesem Paar hätte man sich ein Happy End gewünscht... Offenbar war auch der Inspizient so gebannt von dieser Darstellung, dass er den Vorhang wenige Sekunden später schloss als gewöhnlich – was der furiosen Schlusspose Tatjanas eine noch größere Magie verlieh, zumal es James Tuggle mit den Philharmonikern verstand, die Spannung zu halten. Großartig! Edvin Revazov ist ein hoch gewachsener, fast schon majestätischer Onegin – und er hat enorm an Ausdruckskraft gewonnen. Wie ihm die Bewunderung Tatjanas anfangs schmeichelt, ihm dann aber mehr und mehr auf die Nerven geht, wie er nachgerade angeödet ist von ihrer Schwärmerei... und dann im 3. Akt doch erkennt, was Liebe ist und wie viel ihm Tatjana bedeutet – da zeigt dieser Tänzer, was in ihm steckt, wenn er nur zulässt, es auch nach außen hin zu offenbaren. Das gelingt ihm seit einiger Zeit mehr und mehr – und sein Tanz gewinnt damit auf höchst erfreuliche Art an Dynamik und Tiefe. Da vermag er sogar seine Partnerin kurzfristig so mitzureißen, dass ihr Hören und Sehen vergeht – und dann sind die beiden wunderbar miteinander.

Enttäuschend dagegen die Olga von Florencia Chinellato. Sie wirkt oft auf befremdliche Art schwerfällig, wo sie luftig und leichtfüßig sein müsste. Auch findet sie keinen rechten Kontakt zu ihrem Lenski, und so bleibt sie in dieser Rolle leider blass und farblos.

Ganz anders der Lenski von Sascha Trusch. Tänzerisch untadelig verleiht er diesem jungen Dichter eine selten gesehene, russische Schwermut, etwas Widerspenstiges auch. Da werden Assoziationen wach zu Kostja in „Die Möwe“, das hat etwas Revoluzzerhaftes, Aufbegehrendes, auch gegen den Freund Onegin, dessen Hochmut ihm fremd ist. Die Duell-Szene gewinnt bei Sascha Trusch noch einmal eine andere, tiefere Bedeutung – indem er Onegin ohrfeigt, fordert er die ganze russische Aristokratie zum Duell, und natürlich unterliegt er. Es wäre spannend, die Besetzungen noch einmal durcheinanderzuwirbeln und diesen Lenski zu paaren mit der mädchenhaften Anmut der Olga Mariana Zanottos und der Noblesse des Onegin von Edvin Revazov (was auch optisch seinen Reiz hätte: blond und sehr groß der eine, kleiner und dunkelhaarig der andere).

Bei Olga ist die dritte Besetzung die beste von allen dreien: Mariana Zanotto verkörpert die Leichtigkeit und Unbeschwertheit, die diese Rolle erfordert. Das macht auch die eine oder andere Unsicherheit im Pas de Deux im 1. Akt wieder wett, denn im 2. Akt ist ihre Olga die dynamischste von allen drei Besetzungen. Wie sie da mit Onegin flirtet, auf eine naiv-unschuldige, aber doch sehr weibliche Art, das hat Klasse und Rasse. Ihre Olga stolpert da nicht ganz unschuldig in das Unheil, das sie da mitanrichtet, sondern sie hat durchaus Freude daran, Lenski ein bisschen zu provozieren, nicht ahnend, welche Reaktion sie damit heraufbeschwört. Lennart Radtke (Gruppentänzer beim Hamburg Ballett) hat mit Lenski seine erste große Solistenrolle bekommen und näherte sich dieser Aufgabe mit großem Respekt. Sein Lenski steht in völligem Kontrast zu der Interpretation Sascha Truschs: er ist ein Jüngling, der an das Gute und Schöne glaubt, und der aus einer unsicheren Trotzhaltung heraus Onegin zum Duell fordert. Er tut damit etwas, was seinem Wesen zutiefst widerstrebt, was ihm aber doch unausweichlich erscheint, weil es sein Ehrenkodex eben gebietet. Lennart Radtke tanzt das sehr innig, aber verständlicherweise noch ein wenig unsicher. Es ist dennoch ein respektables Debut – von diesem Tänzer dürfen wir sicher noch einiges erwarten.

Hervorzuheben ist in diesem Zusammenhang auch die Leistung des Corps de Ballet. Die rasante Choreografie, die schnellen Kostümwechsel, die großen Ensembles, das alles erfordert ein hohes Maß an Koordination, Präzision und Hingabe. Die ganze Truppe wird dieser schwierigen Aufgabe bestens gerecht – und einige stechen sogar mit besonderem Engagement und hoher Musikalität heraus, womit sie sich ebenfalls für künftige Solistenaufgaben empfehlen: bei den Mädchen zum Beispiel Hannah Coates, Miljana Vracaric und Natalie Ogonek (die aus dem Bundesjugendballett kommend in dieser Spielzeit neu in die Kompanie aufgenommen wurde), bei den Jungen vor allem Christopher Evans, ebenfalls noch neu im Ensemble, aber von vielversprechender Bühnenpräsenz.

Eine letzte Vorstellung von „Onegin“ in dieser Spielzeit gibt’s noch: am 16. Dezember um 19 Uhr in der ersten Besetzung. Restkarten an der Abendkasse.

Veröffentlicht am 13.12.2012, von Annette Bopp in Kritiken 2012/2013

Dieser Artikel wurde 5564 mal angesehen.



Kommentare zu "Aus dem Vollen geschöpft"



    • Kommentar am 15.12.2012 16:08 von Annette Bopp
      Liebe Frau Sonnenburg, ich weiß nicht, woher Sie Ihre kruden Unterstellungen und Behauptungen nehmen – aber sie entsprechen in keiner Weise den Tatsachen. Weder schreibe ich am liebsten Backstage-Reportagen (was auch immer Sie darunter verstehen) noch hat mir irgendjemand diesbezüglich je einen Korb gegeben - weder die Pressestelle noch ein/e Künstler/in. Ich habe auch keinerlei Ressentiments gegen Anna Laudere oder irgendein anderes Mitglied des Hamburg Ballett. Was die Einschätzung der Leistung der TänzerInnen betrifft, so nehme ich mir die Freiheit, dies auf der Grundlage meiner über vierzigjährigen Erfahrung mit Ballett und Tanz zu tun und aufgrund dessen, was ich in einer Vorstellung wahrnehme. Das mag sich nicht immer mit Ihrer Meinung decken oder mit der anderer KritikerInnen bzw. der ZuschauerInnen, aber das ist ja nichts Besonderes, sondern das Wesen der Kritik. Ich würde mir nie anmaßen, für alle BesucherInnen einer Vorstellung zu sprechen, wie Sie es tun. Kritiken sind immer subjektiv. Was jedoch immer verlangt werden kann, ist, die Einschätzung zu begründen. Diesem Leitsatz bin ich seit jeher gefolgt und werde es auch weiterhin tun. Die Anzahl der Blumensträuße war für mich dafür allerdings noch nie maßgeblich. Sie dürfen gerne anderer Meinung sein. Mit freundlichem Gruß Annette Bopp

Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



 

AKTUELLE KRITIKEN


STILLER PULS

Das neue schwere reiter eröffnet mit Stephan Herwigs „The Lovers“
Veröffentlicht am 25.09.2021, von Peter Sampel


GIPFELTREFFEN

Livestream des Triple Bills „Tänze Bilder Sinfonien“ beim Wiener Staatsballett
Veröffentlicht am 25.09.2021, von Anna Beke


FRAGEN DER ZUGEHÖRIGKEIT

"Ok boomer" von Golschan Ahmad Haschemi und Banafshe Hourmazdi in Berlin
Veröffentlicht am 24.09.2021, von Gastbeitrag



AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



ECTOPIA

Choreographie Richard Siegal 2021, aufgeführt mit SHOOTING INTO THE CORNER (2008-09) von Anish Kapoor

Seit 2015 bringt das Tanztheater neben Stücken aus dem Repertoire von Pina Bausch auch Kreationen verschiedener Gastchoreograph*innen auf die Bühne.

Veröffentlicht am 16.09.2021, von Anzeige

LETZTE KOMMENTARE


INTENDANTENWILLKÜR AUCH IN MAGDEBURG

Vermutlich baldiges Ende für Gonzalo Galguera in Magdeburg
Veröffentlicht am 30.04.2021, von Volkmar Draeger


ZUSAMMENARBEIT

Staatliche Ballett- und Artistikschule Berlin und Staatsballett Berlin schließen Kooperationsvertrag
Veröffentlicht am 10.07.2021, von Pressetext


EIN SCHWERER VERLUST

Ismael Ivo ist gestorben
Veröffentlicht am 09.04.2021, von tanznetz.de Redaktion

MEISTGELESEN (7 TAGE)


„DAMALS LEBTE ICH NOCH IM PRÄSENS“

Skoronel Reloaded/Judith Kuckart: „Die Erde ist gewaltig schön, doch sicher ist sie nicht“ in der „Wartburg“ Wiesbaden

Veröffentlicht am 20.09.2021, von Gastbeitrag


KINDERBRILLE AUFSETZEN!

Tanzplan veröffentlicht "Tanzkind" von Andrea Simon und Achim Reissner

Veröffentlicht am 17.08.2021, von Sabine Kippenberg


AUSZEICHNUNGEN FÜR IVAN LIŠKA UND JIŘI KYLIÁN

Die Republik Tschechien ehrt verdiente Choreografen.

Veröffentlicht am 18.09.2021, von Pressetext


VORWÜRFE GEGEN TANZDIREKTORIN

Eine Compliance-Kommission prüft Vorwürfe von Tänzer*innen gegen Mei Hong Lin am Landestheater Linz.

Veröffentlicht am 17.09.2021, von tanznetz.de Redaktion


„TO SEE, TO HEAR, TO KISS, TO TOUCH, TO DIE …“

Theater- und Tanz-Performance über Elisabeth I. von England von Angelika Neumann und Krisztina Horvàth im Haus Eden in Lübeck

Veröffentlicht am 22.09.2021, von Renate Killmann



BEI UNS IM SHOP