KRITIKEN 2012/2013



Nürnberg

ZU VIEL GEREDET

Goyo Monteros Faust-Version


  • Ensemble des Balletts am Staatstheater Nürnberg in Goyo Monteros „Faust“ Foto © Jesús Vallinas
  • Saúl Vega und Marina Miguélez in Goyo Monteros „Faust“ Foto © Jesús Vallinas

„Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne ...“ – vier Jahre ist es her, dass Hesses Spruch für die Ewigkeit kaum besser auf den Beginn von Goyo Monteros Tätigkeit als Direktor und Chefchoreograf des Balletts am Staatstheater Nürnberg gepasst hätte. Bereits während seines ersten Abends „Benditos Malditos – Gesegnete Verdammte“, damals noch in der Tafelhalle, lag jenes elektrisierende Flirren in der Luft, das es im Tanz nur dann gibt, wenn jemand mit außergewöhnlicher Kraft, starkem Willen und einer großen Prise intuitiven Könnens am Werke ist, konkret: Körper in einer Weise zu formen, zu bewegen und zu inszenieren, dass sie vom ganzen Leben erzählen. Montero hatte an jenem Abend damals auch sein bis heute virulentes Grundthema vorgegeben – der gottgleiche, grandiose, von Leidenschaft, Macht, Gier, Liebes- und Kreationshunger getriebene, jedoch unerlöste, zwischen Gut und Böse hin und her stolpernde Mensch. Dienten ihm bislang der spanische Maler de Goya, Merimées Carmen, Don Juan, Beethoven, aber auch die traditionellen Ballettfiguren Nussknacker, Prinzessin Aurora oder Romeo und Julia als Spiegelflächen, griff er jetzt mit dem von Goethe, Thomas Mann oder William Blake bearbeiteten Faust-Mythos zu den Sternen über Deutschland, jener Schlüsselerzählung der Moderne über das Scheitern des Wissenschaftlers an sich selbst und an der Liebe zur Frau, die dann die schrecklichen Konsequenzen tragen muss. Wie lässt sich dieses monumentale, Ehrfurcht erregende und auch so deutsche Wortwerk mit den Mitteln des Bühnentanzes greifen?

Wie bereits in seiner vorherigen Produktion „Don Juan“, die als Vorbereitung der jetzigen Premiere gelesen werden kann, ließ sich Montero von den dramaturgischen Möglichkeiten der gesprochenen Sprache nicht nur führen, sondern auch verführen. Das ist in dem Fall schade, und zwar nicht, weil seine Choreografie, Inszenierung und dieses exquisit von ihm entwickelte Tanzensemble – allein deswegen lohnt sich immer wieder der Besuch dieses Balletts - hinsichtlich der Stärke ihrer Ausstrahlung im Gegensatz zur Wortsprache abgefallen wären. Vielmehr nutzte der Choreograf dieses Mal – beispielsweise im Vergleich zu seiner großartigen Interpretation des „Nussknacker“ vor einem Jahr - zu wenig die Gelegenheit, die Faust-Erzählung über ihre reine Darstellung und Aufarbeitung sämtlicher hinlänglich bekannter Motive hinaus zu heben, sprich: sie einem Aspekt zuzuführen, den nur der Tanz, der tanzende Körper zu vermitteln vermag.

Insofern zog sich leider die Erkenntnis durch: Was eindeutig gesagt und gezeigt wurde, muss nicht mehr vieldeutig vertanzt werden - auch wenn wohlgemerkt die Bewegungssprache, die Montero beispielsweise für den überragenden, Mut zur Hässlichkeit beweisenden Saúl Vega als Meister gerade kongenial zum gesprochenen Wort gefunden hatte, wie immer von großer Feinheit, Logik und Präzision gekennzeichnet war. Ebenso erwiesen sich auch die Duette zwischen Faust, dargestellt von Carlos Lázaro, und Margarete, getanzt von Marina Miguélez, als schlicht wunderschön und jeweils sehr spezifisch.

Zum Einsatz kam also erneut die mehrfach ausgezeichnete Schauspielerin Julia Bartolome, die Montero dieses Mal in der Rolle des Mephisto als kalte Spielemacherin in langem dunklem Rock eingesetzt hatte. Bestechend, wie sie mit ungeheurer Präsenz und Intensität durchs Stück führte. Musikalisch gehorchte diese ganz eigenständigen, auch sperrig-spröden, wunderschönen Musik der Pianistin Lera Auerbach, die Montero ihr Werk zur Verfügung gestellt hat und selbst in die Tasten griff.

Durch Bartolomes Rolle zeigte sich Monteros „Faust“ als Spiel im Spiel, das alle Gattungen zwischen Gothic Oper, Fantasyfilm, Gruselkabinett, Melodram, Groteske und Thriller streifte. Zum Schreien, wie sie zu Beginn des zweiten Teils das Bühnenspektakel unterbrach, an den Bühnenrand trat und das Zwischenspiel als nervende Talk Show in Gang setzte, mit einer perfekt johlendem Gruppe rechts und links. Da war Montero einmal ganz zeitgenössisch geworden – mehr davon hätte man sich auch im großen Rest gewünscht.

Veröffentlicht am 11.12.2012, von Alexandra Karabelas in Kritiken 2012/2013

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