KRITIKEN 2012/2013



Paris

SPANISCHES TEMPERAMENT IN DER OPÉRA BASTILLE

Rudolf Nurejews „Don Quichotte“ in neuen Besetzungen


  • Ludmila Pagliero in „Don Quichotte“ Foto © Julien Benhamou/ Opéra National de Paris
  • Ludmila Pagliero in „Don Quichotte“ Foto © Julien Benhamou/ Opéra National de Paris
  • Ludmila Pagliero in „Don Quichotte“ Foto © Julien Benhamou/ Opéra National de Paris

Im Dezember sieht man an der Pariser Oper meist gleichzeitig einen großen Nurejew-Klassiker und einen moderneren Ballettabend (letztes Jahr wurde dieser durch Crankos „Onegin“ ersetzt). Dieses Jahr wird in der Opéra Bastille „Don Quichotte“ gezeigt, während im Palais Garnier ein anspruchsvoller „Forsythe/ Brown“-Abend mit Werken wie „In the Middle, somewhat elevated“ läuft. Diese Konstellation, die die über die Winterferien nach Paris strömenden Touristen entzückt, ist nicht immer einfach zu organisieren für die Direktion: selbst in einer Kompanie wie Paris kann es schwierig werden, zwei stilistisch völlig gegensätzliche Abende mit großem Personalaufwand gleichzeitig zu besetzen.

So werden gerade um Weihnachten gerne Gäste geladen: dieses Jahr beispielsweise Svetlana Zakharova, die bereits vor einigen Monaten als höchst grazile Nikiya in Nurejews „Bayadère“ zu sehen war, sowie die beiden Wiener Solisten Maria Yakovleva und Denys Cherevychko.

Die verletzungsbedingten Ausfälle sind oft eine Chance für junge Tänzer: so sprang in einer Galavorstellung am Sonntag, den 09.12. der erst neunzehnjährige François Alu als Basilio ein. Der Preisträger des Prix AROP und des Prix Carpeaux hatte erst im vorigen Monat beim Wettbewerb der Pariser Oper eine Sensation ausgelöst, indem er mit beeindruckender Leichtigkeit die berüchtigte Coda im dritten Akt von Nurejews „Bayadère“ absolvierte. Sein unerwartet frühes Rollendebüt als Basilio an der Seite der bühnenerfahrenen Halbsolistin Mathilde Froustey zeigte einen ungewöhnlich vielversprechenden jungen Tänzer, der Nurejews höchst anspruchsvolle Choreografie beinahe einwandfrei absolvierte und dabei mit erstaunlicher Gelassenheit noch einiges Star-Potential enthüllte, vor allem in den sehr sauberen Pirouetten und den hohen und leichten Sprüngen. Kein Zweifel, dass man von diesem frisch gebackenen Halbsolisten noch einiges hören wird.

Neben solchen Höhepunkten kommt es allerdings auch vor, dass nicht alle Rollen angemessen besetzt werden und sich selbst in den etablierten Besetzungen Müdigkeit und Vorsicht bemerkbar machen. In diesem Fall erscheinen Nurejews trickreiche Variationen plötzlich sehr unvorteilhaft und gewisse Längen und Inkohärenzen des Stückes fallen schwerer ins Gewicht: beispielsweise der schlecht beleuchtete, nicht enden wollende Prolog, der schon von der 10. Reihe aus unnachvollziehbar wird, der Tanz der Zigeunerinnen und die darauf folgende langwierige Pantomimeszene mit Puppentheater und Monstern, die durchlöcherte Regenschirme schwingen, die Scharen schnipsender Jünglinge, die Basilio während seines ersten Solos weniger wie Kameraden als wie Cheerleader umschwärmen oder das Finale, in dem alle schnipsend und kreiselnd die Beine in die Luft werfen oder dem Publikum gebückt den Hintern zuwenden.

Andererseits fügte Nurejew in seine Version viele zusätzliche rein tänzerische Sequenzen ein. Dabei handelt es sich vor allem um mehrere Variationen für Basilio (ein Eingangssolo und ein Solo vor dem Pas de trois im ersten Akt, sowie ein kürzeres Solo im 2. Akt) und um einen Pas de deux der Liebenden zu Beginn des 2. Aktes zu Musik aus „La Bayadère“. Es braucht technisch höchst versierte Solisten, um in den mit Schwierigkeiten gespickten Soli und Pas de deux eine gute Figur zu machen. Zu diesen gehören Ludmila Pagliero und Mathieu Ganio, der vor einigen Jahren selbst als blutjunger Halbsolist in „Don Quichotte“ überraschend zum Danseur Etoile ernannt wurde.

Die Argentinierin Ludmila Pagliero, die im Frühling als Gamzatti in „La Bayadère“ zur Etoile nominiert wurde, gibt eine energiegeladene, sehr bodenständige Kitri. Ihre Veränderung seit ihrer „Paquita“ an Ganios Seite vor zwei Jahren ist unübersehbar: damals noch ein schüchternes und bescheidenes Mädchen mit lupenreiner Technik, wirkt sie nun selbstsicher beinahe bis zur Grobheit auch gegenüber Basilio, den sie oft eher als ihren Besitz als mit Liebe zu betrachten scheint. Pagliero glänzte besonders in der Visions-Szene im 2. Akt, in der auch Charline Giezendanners reizvolle Cupido sich positiv bemerkbar machte. Mathieu Ganios Basilio ist eleganter, mit einigen humorvollen Pointen in seinem Spiel. Er erwies sich als aufmerksamer und sicherer Partner und überzeugte unter anderem durch seine harmonische Linie und eine exzellente Coda im dritten Akt. Als Brautjungfer fungierte seine Schwester Marine Ganio, die sich kürzlich den Rang der Halbsolistin ertanzte.

Das Corps de Ballet zeigte sich trotz einiger Unebenheiten in guter Form und genoss das opulente Kostümfest (Kostüme: Elena Rivkina) offensichtlich in vollen Zügen. Auch das Orchester unter Kevin Rhodes spielte Minkus’ sehr tänzerische Partitur mit Schwung, und das schon zum zweiten Mal am selben Tag. Zahlreiche Vorstellungen werden noch folgen, mit einigen Rollendebüts – somit bleibt „Don Quichotte“ ein wichtiger Prüfstein für Generationen von Solisten und Etoiles.

Besuchte Vorstellung: 08.12.12

www.operadeparis.fr

Veröffentlicht am 10.12.2012, von Julia Bührle in Kritiken 2012/2013

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