KRITIKEN 2012/2013



Chemnitz

ABSCHIED UND TRIUMPF

Am Sonnabend früh starb der Choreograf Jochen Ulrich, am Abend feierte sein Ballett „Nussknacker und Mausekönig“ in Chemnitz Premiere


  • Das Ballett Chemnitz in “Nussknacker und Mausekönig“ Foto © Dieter Wuschanski / Die Theater Chemnitz gGmbH
  • Das Ballett Chemnitz in “Nussknacker und Mausekönig“ Foto © Dieter Wuschanski / Die Theater Chemnitz gGmbH
  • Das Ballett Chemnitz in “Nussknacker und Mausekönig“ Foto © Dieter Wuschanski / Die Theater Chemnitz gGmbH

Einer der bedeutenden deutschen Choreografen ist tot. Am Sonnabend, in den frühen Morgenstunden, starb in Linz Jochen Ulrich im Alter von 68 Jahren. Er war 1971 als Mitbegründer, seit 1979 als Leiter des Tanzforums Köln bekannt geworden, jener ersten und wegweisenden Kompanie eines Städtischen Theaters, die sich vom klassischen Ballett löste und sich auf den Weg in die Moderne des Tanzes in Deutschland begab. Obschon er als Choreograf klassisch grundierte Formen verwendete, setze er immer stärker artistische Ansprüche durch und öffnete sich zeitgenössischen Einflüssen um psychologischen Begründungen von Situationen und Charakteren in seinen handlungsorientierten Balletten Raum zu geben.

Der Chemnitzer Ballettdirektor Lode Devos tanzte unter der Leitung von Jochen Ulrich als Solist in Köln. In seiner jetzigen Funktion hatte er Ulrich als Gastchoreografen bereits zweimal nach Chemnitz geholt. Am Sonnabendabend hatte dessen Ballett „Nussknacker und Mausekönig“ mit der Musik von Peter Tschaikowsky Premiere. Eine Arbeit von 1989 aus Köln, jetzt überarbeitet, in Koproduktion mit dem Landestheater Linz neu einstudiert von Darie Cardyn. Von Marius Petipas St. Petersburger Parade der Divertissements samt Zuckerfee und Schneeflocken ist diese Deutung weit entfernt. Dafür ist sie sehr nahe am Original, der Erzählung „Nussknacker und Mausekönig“ von E.T.A. Hoffmann, besonders mit den Motiven des angstschaudernden Blickes in die Untiefen der fiebernden, angstbesetzten Traumwelten eines junge Mädchens an der Schwelle zum Erwachsenwerden. Was die Ängste im Hinblick auf sexuelle Überwältigungsfantasien angeht, da hat Siegmund Freud die choreografische Gedankenwelt beflügelt, die auch geradewegs ins Unterbewusste führt.

Das beginnt mit dem grandiosen Bühnenbild von Tony Westwood. Eine eisige Gebirgslandschaft, ein Magier, der es blitzen lässt, ein Salon in surrealer Landschaft und ein überdimensionaler Uhrschrank. Die Zeiger stehen immer kurz vor Zwölf, im Innern rumoren die Geister, die Puppen, die Mäuse, die Soldaten, der Nussknacker, der Prinz. Das ist Maries herzlose Welt. Nichts als Kunst und Mechanismen. Ein Elternpaar in selbstverliebter Eleganz. Blitzblanke Militanz für den Sohn, rosarote Puppenfeen für das Mädchen und ein guter Bekannter, Drosselmeier, tags sittsamer Kinderfreund, nachts kindsgeiler Mausekönig. Die rote Nussknackerpuppe aus Holz wird für Marie zur rettenden Projektionsfigur und findet lebendige Entsprechung in Drosselmeiers Neffen, wie ihn E.T.A. Hoffmann erfand, und der bei Jochen Ulrich als Neffe nicht weit vom Onkel entfernt ist. In Maries verliebten Augen ist er der rettende Prinz in Weiß, in der Logik dieser Geschichte ein Mausekönig in spe.

Eine harte Nuss zu Tschaikowskys Musik, gespielt von der Robert-Schumann-Philharmonie unter der Leitung von Tobias Engeli mit angemessen sachlichem Anspruch. Getanzt wird grandios. Da ist die schwungvolle, starke Marie der Agnes Schmetterer, glaubhaft in ihrer Verstörung aus Angst und Neugier, leicht in tänzerischer Anmut mit Leonardo Fonseca als Traumprinz vor lichtem Himmelsblau in einer traumhaft getanzten Vision der Freiheit. Emilijus Miliauskas ist Drosselmeier und Mausekönig, mit raumgreifender, beherrschender Geste im Salon, mit gierigen Sprüngen, animalisch und dumpf im nagenden Traumreich der Nacht.

Herr und Frau Konsul, Kurt Erkan und Anne-Frédérique Hoingne dürfen hier nicht nur wie üblich schreiten: sie dürfen tanzen, aber eben selbstbezogen und unerreichbar für die Nöte ihrer Tochter. Es sind die Bilder, die Tänzer, die Musik, die den Abend prägen. Die choreografische Erzählweise bleibt mitunter mehr Konzept, als dass sie zu einer sinnlich überzeugenden Sprache der Bewegung führen könnte, was etwa bei wiederholten Auftritten der Mäuse sogar in den tänzerischen Leerlauf führen kann.Das Publikum feiert die Premiere jenes Märchens für Erwachsene, dessen Blick zurück in die Träume der Kindheit nicht frei ist von Zorn, dafür aber völlig frei von Verklärung und Kitsch.

Nächste Aufführungen: 20., 30.11.; 07., 09., 11., 18., 21., 26. 12.; 13., 20., 25., 27.01.; 02.03.2013; www.theater-chemnitz.de

Veröffentlicht am 12.11.2012, von Boris Michael Gruhl in Kritiken 2012/2013

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