KRITIKEN 2012/2013



Regensburg

BEFREMDLICH BEKANNTE KATASTROPHEN

„Thomas Noone Dance“ aus Barcelona zeigt eine der besten Choreografien der Regensburger Tanztage


  • Alba Barral und Javier G. Arozena Foto © Lugares

Geköpft, zertreten, ermattet. Rote Rosen, Ausdruck intensiver Liebe und Leidenschaft, zerstückelt über die Bühne verteilt. Ein desaströser Anblick. Erwachsen aus der Wut, der Rage der Tänzerin (Alba Barral) auf ihren verklemmten, verstockten, begehrten Mann (Javier Arozena), dem sie den Strauß und gleich noch einige andere zart blühende Liebesbeweise aus der Hand eines Anderen um die Ohren gehauen hat. Und gleichzeitig – genüsslich ausgekostetes Klischee – auch der leuchtende Teppich, das Bett für die Hingabe, für erregende Aus- und Zusammenbrüche. Drei Tanzpaare der spanischen Kompanie „Thomas Noone Dance“ haben diese mit furioser Eleganz, Geschmeidigkeit und beinahe atemberaubender Dynamik auf die Bühne des Regensburger Studententheaters gebracht.

„Lugares extranamente desastrosos“ – befremdliche bekannte Katastrophen – ist eine dichte, rasante Choreografie des Engländers Thomas Noone über Paare und ihre Beziehungen. Totlangweilig könnte man meinen. Ein Thema ausgelutscht und tausendfach abgegriffen. Was lässt sich da noch herauspressen, was man nicht selbst schon, bei Bekannten, im Freundeskreis oder den doofen Nachbarn erlebt hat. Genau darum geht es dem britischen Katalanen und seiner nach ihm benannten Tanztruppe auch – dass sich Zuschauer identifizieren, sich selbst in der eigenen Extravaganz, Schrulligkeit und komischen Selbstüberschätzung sehen und erdulden können. Erkenntnis, Selbsterkenntnis im besten Fall und dennoch meilenweit entfernt, eine Lektion oder Parabel zu sein.

Die drei Paare, Typen wie man sie kennt und überall findet, tanzen die scheinbar universell verständlichen Katastrophen nicht nur grandios und in verblüffenden Einfällen aus. Mimisches und gestisches Spiel verbinden sich mit durchgängig verständlichen Bewegungsabläufen und –formen und einer abwechslungsreichen, modernen Musik zu einem komplexen Ganzen. Der hinter einer elektronischen Instrumentenkanzel, seitlich auf der Bühne verschanzte Musiker Jim Pinchen, ein Multitalent, setzt mit seinem stark rhythmisch betonten Spiel auf Cello, Gitarre, Trompete, elektronischen Instrumenten und zudem singend immer wieder durchschlagende Impulse. Dynamisch manchmal an der Grenze, aber blubbernde Dancefloorrhythmen zu eindeutigen Stoß- und Kreisbewegungen – grell und komisch wie bei Pedro Almodovar – können einfach nicht leise säuselnd daherkommen.

In einer solchen, auch musikalisch romantisch gezeichneten Seite einer frischen, aufkeimenden Beziehung gleitet des „junge“ Paar (Silvia Albanese, Jerónimo Forteza) neckisch verspielt, verträumt von einer Seite auf die andere, aneinander vorbei, touchiert sich, trollt sich. Die „prollige“, gewalttätige Leidenschaft, verkörpert vom athletischen Paar (aufregend Elena Montes und Arnau Castro), geht in einem entfesselten, erregenden Wirbel über Rücken, Brust und Hüften bis ans Messer. Die wie „Frankensteins Braut“ aufgetakelte Tänzerin – ihr fehlt nur noch der Knochen im Haar zur blutschleckenden Kannibalin – fuchtelt beidhändig die Mordwerkzeuge gegen sich und den grandios vom Obermacho zur Tunte variierenden Begehrten.

In seiner grotesken Komik genauso abstoßend wie anrührend drollig das „bürgerlich-konventionelle“ Paar (Barral, Arozena). Grässlich verzerrt eröffnet es mit lautlosen Schreien – schlagen und richtig laut werden ist verpönt in diesen Kreisen – den 75-minütigen Reigen von Anziehung und Abstoßung, Ignoranz und Unfähigkeit, wilder Ekstase und vergeblichem Bemühen. Ihr kindlich-böses Spiel hinterm Tisch/Schreibtisch und wie SIE sich in reizender Einfalt als süße Köstlichkeit auf dem Teller zum Vernaschen darbietet, gehört zum Umwerfendsten was dieser außergewöhnliche Abend zu bieten hatte.

Das spürbar mitgerissene Publikum, geschüttelt von Lachsalven und Heiterkeitsausbrüchen, schien das Ende der „absonderlichen Katastrophen“ gar nicht abwarten zu können. Ein Beifallssturm, jedes weniger klischeehafte Bild verbietet sich in diesem Fall, brach sich Bahn, bevor die letzten Tänzer im absinkenden Dunkel die Bühne verlassen hatten. Alles bleibt wie es war, bis hin zum lautlos aufbegehrenden Schrei, den am Ende alle gemeinsam ausstoßen. Bis dahin aber haben sich sattsam bekannte Erfahrungen und Eindrücke neu in Körper und Hirn eingeschrieben. Eine der besten und intensivsten Choreografien, die bei den Tanztagen zu sehen waren. Großartige Auswahl.

Veröffentlicht am 08.11.2012, von Michael Scheiner in Kritiken 2012/2013

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Kommentare zu "Befremdlich bekannte Katastrophen"



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