KRITIKEN 2012/2013



München

AM TANZHIMMEL SCHIMMERND

Rosas mit "Drumming live" zu Gast auf dem Münchner DANCE-Festival


  • De Keersmaekers Tanzkompanie Rosas in “Drumming Live“ Foto © Herman Sorgeloos
  • De Keersmaekers Tanzkompanie Rosas in “Drumming Live“ Foto © Herman Sorgeloos

Ja, der Vergleich ist nicht unpassend: Mit einem Feuerwerk läutete das diesjährige Münchner Festival DANCE Samstagabend sein Ende ein. Anne Teresa De Keersmaeker war mit Rosas aus Brüssel angereist, um gemeinsam mit dem Ictus Ensemble „Drumming Live“ zu geben: ein zwei mal zwölf Künstler-Projekt, das aus Steve Reichs gleichnamigem Percussion-Werk aus den Jahren 1970 – 71 und ihrer eigenen Choreografie aus dem Jahr 1998 ein Ereignis zauberte, das einen Schwellen überschreiten ließ.

Entwickelt aus einer einzigen Bewegungsfolge, die eine der Tänzerinnen in weißem Hängerchen und Überwurf in sanften orangenem Ton vollführte, entspann sich bald zu Reichs Sogwirkung entfaltende Komposition eine komplexe, sich ständig verändernde und mehrere Ebenen und unterschiedliche Dynamiken einschließende Ordnung, die viel Platz für Menschliches ließ: Das Atmen vor Anstrengung, die Freude über die kurzen Begegnungen, das gemeinsame Tanzen, das wieder Auseinandergehen, das kurze Verschnaufen allein am Bühnenrand, ein Blickkontakt, Lächeln, Genießen, da Sein, dazwischen Parts, die sich wie Episoden deuten ließen: die Frau im Silberkleidchen mit drei Männern, oder die andere, blond, immer ruhig und souverän bleibend, eine Lady in weiten weißen Hosen und langem offenem Hemd, oder die drei Männer, die ganz mit offenem Herzen zu tanzen schienen. Hinter ihnen: hochkonzentriert die einen, nie aufblickend auf die Xylophone schlagend; die Sängerinnen unentwegt mit dem Blick auf den Körpern.

Spezifisch wird das Tanzwerk „Drumming Live“ wegen seiner Anliegen: Zum einen, wie De Keersmaeker im angeschlossenen Künstlergespräch ausführte, weil Tanz und Musik in vielen Traditionen eins sind und nur irgendwann in der Tanzmoderne eine Trennung erfahren haben. In Reichs Komposition habe sie vor knapp fünfzehn Jahren endlich wieder einen Komponisten gefunden, der den Tanz mitgedacht hatte und durch seine Kunst ein Stück Musik zur abendfüllenden Bearbeitung zur Verfügung gestellt hatte. Das zweite Anliegen liegt in De Keersmaekers unendlicher Faszination für die Klarheit und Einfachheit der Bewegungsästhetik des amerikanischen Postmodern Dance, wie ihn Lucinda Childs und Trisha Brown mitgeschrieben haben.

„Drumming Live“ baut unübersehbar darauf auf: lange, klare Linien der Arme, oft imaginär eine Fläche beschreibend, das einfache Heben und Senken des Beins, eine Drehung auf flachem Fuß, Unmengen an hohen Hüpfern und Sprüngen, kontinuierlich aus Pendelbewegungen heraus initiiert, ein Auslaufen lassen der Bewegung im Leeren, neu ansetzen – später erzählt die Choreografin auf Nachfrage, dass die Zusammenarbeit mit Trisha Brown ein Jahr vor der Entwicklung der Choreografie mit ihrer Compagnie Rosas in Brüssel am Beispiel von deren „Set and Reset“ aus dem Jahr 1982 die Initialzündung für ihre Arbeit an „Drumming Live“ gegeben hatte. Nicht nur ein ähnliches Bewegungsvokabular fand Eingang in die Choreografie von „Drumming Live“, sondern auch die Art ihrer Herstellung, Instruktionen und Absprachen in permanenter Folge umzusetzen, aus denen das Werk jenes Samstagabends heraus erst entstand: Unverzichtbar und als Bestandteil des europäischen zeitgenössischen Kanons am Tanzhimmel schimmernd.

Veröffentlicht am 07.11.2012, von Alexandra Karabelas in Kritiken 2012/2013

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