KRITIKEN 2012/2013



Berlin

EINHEIT DES VERSCHIEDENEN

Im EDEN***** zeigen Riki von Falken und Naim Syahrazad ihr Duett „ECHO“


  • Naim Syahrazad in "ECHO. It‘s just a temporary thing." Foto © Dieter Hartwig
  • Riki von Falken und Naim Syahrazad in "ECHO. It‘s just a temporary thing." Foto © Dieter Hartwig

Ein Raum wie ein asiatisches Sushi-Restaurant. Auf dem Boden des EDEN*****, der Pankower Edel-Spielstätte des Dock 11, sind über 100 weiße Teller geometrisch penibel in Reihen angeordnet. Davor und dahinter liegt weiteres Geschirr malerisch verteilt. Auch der zur Hälfte schwarz und weiß ausgekleidete Raum zeigt auf hellem Grund im Großvideo das geschäftige Treiben in der Küche einer Gaststätte, dann Speisende auch. Zum Rattern eines Zuges treten sie gemeinsam vor das Video, Riki von Falken, die seit 1981 bereits mit Stücken in Berlin wirkt, und der junge Naim Syahrazad aus Malaysia. Kennengelernt haben sie einander bei mehreren Gastunterrichten in Kuala Lumpur und bemerkt, dass beider Auffassungen von Raum und Tanz so weit entfernt nicht sind. Als Folge gemeinsamen Wollens entstand das Duett „ECHO. It’s just a temporary thing“. Es verarbeitet, was jeder an ganz Eigenem einbringt, und addiert, was er vom anderen gelernt hat, gewissermaßen als Echo auf den Dialogpartner. Riki von Falken steht eher für die streng reduzierte, bisweilen spröde Bewegung als Konzentrat langer Recherche, Naim Syahrazad hat modernen Tanz studiert, aber auch traditionelle malaiische, indische und chinesische Techniken, beherrscht ebenso malaiische Kampfkunst. Eine spannende Begegnung.

Sie beginnt mit einer Folge maschinell ruckhafter Bewegungen im Vorwärtsgang, bei der Armführungen besonderes Gewicht zufällt. Perfekt synchron läuft dieser Einstieg ab, wird oft wiederholt, jedes Mal mit kleinen Veränderungen, bis der Mann aussteigt und allein neu beginnt. Die Frau folgt ihm nach. So verschiebt sich der Tanz, differenzieren sich Persönlichkeiten. Kulinarische Köstlichkeiten präsentiert das Video verzehrbereit auf Tabletts und lenkt damit auf die live ausgelegten Teller hin. Während er vor ihnen sitzt und noch mehrere Reihen anbaut, fühlt sie sich zurückgeworfen auf ihr „altes“ Bewegungsmaterial: eine sparsame Beziehungssuche zum Raum im Ausfallschritt, ohne dabei aus sich herauszukommen, weil etwas sie jeweils stoppt. Dann kehrt sich die Situation um. Sie sitzt wartend, er tanzt geschmeidig und tastend trippelnd über die angestrahlte Tellerlandschaft wie über einen Geschicklichkeitsparcours, wippt Teller in der Hand, baut nochmals um und zerstört dabei die Ordnung, bahnt sich mit Tellern einen Weg zur Partnerin, die indes nicht reagiert. Für ein Miteinander scheint sie noch nicht bereit.Vielmehr verfällt sie sitzend in ein Solo der veränderten Lagen und Balancen, der Klappung, Torsion, Stürze ihres Oberkörpers. In diese eher europäische Bewegungsmetapher aber steigt er ein und nimmt so zu Gongklang ihr Echo auf. Fast tierhaft verdrehen und lenken sich beider Oberkörper aus, Motive tauchen auf. Als der Muezzin zum Gebet ruft, der Film Straßentreiben, weiße Türmchen, Architektur, Passanten, Palmen, Hochhäuser ablichtet, türmt auch der Tänzer seine Teller. Immer wieder entfernen sich die zwei Akteure voneinander, ziehen sich auf ihr nationales Bewegungsidiom zurück. Wenn sie Gemeinsames versuchen, etwa als Silhouetten den Tanz mit vogelhaften Krallenhänden, bleibt bei aller Gleichheit doch die Verschiedenheit erhalten. Nicht jede Szene erhellt sich, spiegelt choreografisch Riki von Falkens Erlebnisse in Malaysia und Neuseeland, von denen der Zuschauer ausgeschlossen bleibt.

Was sich jedoch mitteilt, ist der Dialog zweier ebenbürtiger Künstler mit kulturell anderem Hintergrund und der Wille, respektvoll voneinander zu lernen. Auch sein kampfsportliches Spiel mit Tellern bringt der Mann ein, baut architektonische Gebilde aus ihnen. Wenn sie sich an seiner Art Tanz versucht, kommt auf liebenswerte Weise sogar Witz auf. Am Ende kehrt das Paar zum Gang des Anfangs zurück; freier, eigenständiger und raumgreifender ist er jetzt. Die Einheit liegt eben in der Verschiedenheit. Riki von Falken ist der Kontakt mit dem jungen Kollegen offensichtlich gut bekommen, gelöst und fröhlich wirkt sie, weniger versunken in die Suche bloß im eigenen Körper. Naim Syahrazad tanzt mit bestens trainiertem Körper so präzis und prägnant, dass man sich ihn fest in Berlin wünschte. Den Compagnien von Sasha Waltz oder Toula Limnaios stünde er gut zu Gesicht.

Wieder 28.10., 1.-3.11., 20 Uhr, EDEN*****, Berliner Str. 43, Pankow, Kartentelefon 030-35 120 312, www.dock11-berlin.de

Veröffentlicht am 27.10.2012, von Volkmar Draeger in Kritiken 2012/2013

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