KRITIKEN 2012/2013



New York

FARBENPRÄCHTIGER INDIANERSOMMER

Die Herbstsaison des American Ballet Theatre im New York City Centre


  • Polina Semionova und Marcelo Gomes in „Symphony Nr. 9 “ von Alexei Ratmansky Foto © Gene Schiavone
  • Hee Seo und Roberto Bolle in “The Leaves Are Fading” von Antony Tudor Foto © Rosalie O'Connor
  • Julie Kent und Marcelo Gomes in Limóns “The Moor's Pavane” Foto © Gene Schiavone
  • Marian Butler in „Rodeo“ von Agnès de Mille Foto © Gene Schiavone

Das American Ballet Theatre kann sich glücklich schätzen: ihm ist es nicht nur gelungen, mit Alexei Ratmansky einen der derzeit begabtesten jungen Choreografen als „Artist in Residence“ an sich zu binden, sondern es zählt auch eine Reihe von Weltklassetänzern zu seinen Ersten Solisten. Jüngster Neuzugang ist Polina Semionova, der Ratmansky die Hauptrolle in seiner neuesten ABT-Kreation auf den Leib choreografierte. Diese Uraufführung fand nur einige Häuserblöcke vom Lincoln Center entfernt statt, wo am selben Abend Semionovas früherer Chef Vladimir Malakhov bei einer Gala auftrat. Semionova machte in Keso Dekkers attraktivem schwarz-grau-rötlichem Kostüm neben dem nicht weniger schnittigen Marcelo Gomes eine fabelhafte Figur.

Ratmansky, der sich in Balletten wie „Das bucklige Pferdchen“, „Psyché“ und „Anna Karenina“ als talentierter Erzähler zeigte, erweist sich in dieser Choreografie als Meister des abstrakten Faches. Das Stück heißt einfach „Symphony Nr. 9“, nach der aus dem Orchestergraben erklingenden Schostakowitsch-Komposition – im nächsten Jahr sollen zwei weitere Schostakowitsch-Ballette folgen. Ratmansky fühlt sich hier ganz in die wechselhaften Stimmungen der Symphonie ein und lässt seine Tänzer in einer ganz eigenen choreografischen Sprache mit ihr kommunizieren, die das klassische Vokabular humorvoll bricht. Doch handelt es sich keineswegs um eine Ballettparodie, sondern Ratmansky erzeugt seine immer wieder diskret aufscheinende Komik durch einfache Mittel wie Beschleunigung oder kommentierende Gegenüberstellung der Tänzer, oder durch Eigenarten wie hängende Köpfe und leicht verschobene Achsen in einer sonst klassischen Ballettpose. Mehrmals werden Männer gehoben oder legen bei einem Penché die Hand auf den Boden. Bei einer musikalischen Klimax sinken Tänzer mit größter Sorgfalt zu Boden. Das Publikum, das ob des inkongruenten Zusammensackens in Heiterkeit ausbricht, wird von Marcelo Gomes mit warnend erhobenem Zeigefinger ermahnt, bevor er forschend in den Zuschauerraum stiert.

In die oft sehr schnellen Corps de Ballet-Szenen, denen das Auge zeitweise kaum mehr folgen kann, baut Ratmansky mehrere „Störenfriede“ ein, die gegen den Rest des Ensembles antanzen. Hier begeisterte besonders Herman Cornejo durch mit größter Leichtigkeit ausgeführte Virtuositätsakte, beispielsweise eine atemberaubende Serie von Entrechats, mit denen er sich wie ein Springteufel von der Bühne katapultierte. Dies war allerdings nur einer der Höhepunkte der nur fünf Tage dauernden ABT-Herbstsaison. Zu den weiteren Erfolgen zählte die Wiederaufnahme von Antony Tudors Meisterwerk „The leaves are fading“. Vor dem Hintergrund eines lichtdurchfluteten Waldes treffen sich in diesem höchst poetischen Stück einige Paare in weiß-rosafarbenen bis weiß-orangefarbenen Kostümen (Bühnenbild Ming Cho Lee, Kostüme Patricia Zipprodt), die sie ebenso zart umfließen wie die Musik von Antonín Dvořák. Trotz des Titels ist die Stimmung des Balletts keineswegs durchgehend herbstlich oder melancholisch. Die Ersten Solisten Hee Seo und Roberto Bolle vermitteln eher den Eindruck einer jungen Liebe und wirken ganz erstaunt über das Glück ihrer Begegnung. Die zarte Koreanerin und der virtuose Italiener bilden ein sehr harmonisches Paar sowohl im verspielten ersten Pas de deux, in dem Seo in Bolles Armen fliegt wie ein Blatt, das vom Wind umhergetragen wird, als auch im langsameren, ernsteren zweiten Pas de deux. In diesem offenbart sich Tudors choreografischer Einfallsreichtum unter anderem in einigen originellen und schwierigen Hebungen – beispielsweise, wenn Bolle die auf seinen Oberschenkeln kniende Seo mehrmals über den Kopf hebt und sie wieder auf seinen leicht angewinkelten Beinen absetzt. Bolle erweist sich hier als sicherer Partner und verstärkt damit noch den Eindruck von Seos fast körperloser Leichtigkeit.

Eine ganz andere, athletische Seite zeigte die Kompanie in Twyla Tharps „In the Upper Room“. Tharp mischt hier klassisches Ballett mit Gymnastik, Aerobic und Hip hop – dementsprechend gibt es Tänzerinnen auf Spitze und in Turnschuhen, Fouettés und Kicks, Pirouetten mit gebeugten Knien und Boxgesten. Die Kostüme – ständig wechselnde Variationen von schwarz-weißen Streifen und rot von Norma Kamali – werden immer knapper, die Schweißtropfen fliegen immer höher, die Musik von Philipp Glass und der Rauch auf der schwarzen Bühne (Bühnenbild Stacy Cadell) umhüllen Tänzer und Zuschauer immer dichter bis zum mitreißend dynamischen Finale.
Mark Morris steuerte mit seinem 1988 uraufgeführten „Drink to me only with thine eyes“ ein äußerst musikalisches, lyrisches Ballett bei. Das Ensemble, das in diesem Werk im Mittelpunkt steht, vermittelt den Eindruck übersprudelnder Lebensfreude. Herman Cornejo glänzt hier abermals durch ein spanisch angehauchtes Pirouettensolo, in das alsbald eine Reihe der sehr guten männlichen Solisten einfällt, über die die Kompanie in erstaunlicher Fülle zu verfügen scheint.

Eine Glanzbesetzung erweckte José Limóns Othello-Ballett „The Moor’s Pavane“ zu neuem Leben. Limóns zwanzigminütiges Werk versucht nicht, Shakespeares Tragödie tänzerisch nachzuerzählen, sondern erweckt nur lose Assoziationen an das Stück, vor allem durch das Taschentuch, das zwischen den vier Protagonisten – Mohr, Freund und deren Frauen – wandert und schließlich in den Händen des Freundes zu einer tödlichen Waffe wird, die den Mohren zum Mord an seiner Gattin treibt. Zu Musik von Purcell, arrangiert von dem Pianisten Simon Sadoff, bewegen sich die vier Tänzer anfangs mit den gemessenen Schritten eines Hoftanzes, bevor sich die Charaktere der Protagonisten unmissverständlich herauskristallisieren. Marcelo Gomes’ in schweren dunkelroten Brokat gehüllter Mohr ist herrschaftlich und aufrecht, doch sind all seine Handlungen durch seine Liebe zu seiner strahlend weiß gekleideten, zärtlichen Gattin (Julie Kent) bestimmt. Diesem reinen, erhabenen Paar steht die sinnlichere Beziehung zwischen dem verführerischen, intrigierenden Freund (Cory Stearns) und seiner Frau (Veronika Part) gegenüber. Letztere macht aus dem Diebstahl des Taschentuches ein kokettes Spiel, um ihrem Gatten zu gefallen; dieser versucht immer wieder, den Mohren zu Boden zu ziehen, was ihm schließlich gelingt.

Anders als bei Shakespeare scheinen am Ende alle Protagonisten den Tod der rührend unschuldigen Kent zu beklagen, was Fragen zu Absicht und Motivation des Freundes aufkommen lässt. Als Handlungsballett ist das Werk weder klar verständlich noch kohärent, doch geht es hier weniger um realistische Erzählung als um die Darstellung der unterschwelligen symbolischen Schicht – so tragen beispielsweise der Freund und seine Gattin das gestohlene Taschentuch eine Weile für alle sichtbar, anstatt es zu verbergen. Der Kampf der menschlichen Leidenschaften wird von den vier exzellenten Protagonisten packend dargestellt.
Mit Agnès de Milles „Rodeo“, das vor genau siebzig Jahren von den Ballets Russes uraufgeführt wurde, kam eine humorvolle und entschieden amerikanische Note in das Programm. Man kann nur schmunzeln bei der Vorstellung, wie die ursprünglichen Interpreten vor dem gewollt kitschigen Ranchdekor mit Stiefeln und Cowboyhüten den holprigen Ritt auf wilden Pferden nachstellten. Die Hauptrolle schuf de Mille für sich selbst und ließ es dabei nicht an Selbsthumor mangeln. Xiomara Reyes, die die Rolle in dieser Wiederaufnahme tanzte, war unwiderstehlich als burschikoses Cowgirl in Hosen und Reitstiefeln, die dem Mann ihrer Träume im Galopp folgte, auch wenn sie physisch und psychisch mehrmals unsanft abgeworfen wurde.

„Das ist doch kein Ballett!“ sollen die Russen empört ausgerufen haben, als de Mille das Stück choreografierte, und ihre kühle Antwort war: „Das habe ich auch nicht behauptet.” So baut sie munter nicht nur komische Zähmungstänze mit unsichtbaren Pferden in ihr Werk ein, sondern auch ein langes Steppsolo und einen Square Dance; Spitzenschuhe hingegen sind nicht nur für das wenig feminine, zeitweise an eine Mats Ek-Figur erinnernde Cowgirl tabu.

Amerika kam auch zu Ehren in dem kurzen Pas de deux aus „Stars and Stripes“ in der Eröffnungsgala, der vom halsbrecherisch pirouettierenden Daniil Simkin und der koketten Sarah Lane zu Trommelwirbeln und Trompetenstößen charmant dargeboten wurde. Weniger bekannt als dieses bewährte Galastück hingegen war der Pas de deux aus James Kudelkas „Cruel World“. Selbst ohne den Kontext zu kennen wurde man mitgerissen von der wunderbar poetischen Julie Kent, die anfänglich steif wie eine Puppe von Marcelo Gomes bewegt und umhergeworfen wird und dann äußerst zart, aber auch wie gebrochen in seine Arme sinkt. Man fragt sich, woher die seltsam melancholische, altertümliche Atmosphäre des Duetts kommt. Der Pas de deux und die gesamte allzu kurze Herbstsaison machen Lust auf mehr: mehr American Ballet Theatre!

www.abt.org

Veröffentlicht am 22.10.2012, von Julia Bührle in Kritiken 2012/2013

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