KRITIKEN 2012/2013



Berlin

TANZ ZWISCHEN TAG UND TRAUM

Beim Festival „Foreign Affairs“ erobert sich Anne Teresa De Keersmaeker das Mittelalter


Streng perspektivisch verjüngt sich der Raum, wie ihn Michel François der Bühne im Haus der Berliner Festspiele eingebaut hat, und läuft in Dunkelheit aus. Links eine Bank. Erhellt wird die Szene durch eine Scheinwerferbatterie über der Rampe. Dicht am Zuschauer erklingt atemzehrend eine Flötenkomposition, die aus einem sich spaltenden Dauerton besteht und immer höhere Tonlagen erobert. Dies ist Anne Teresa De Keersmaekers Einstieg zum Stück „En Atendant“, das die belgische Choreografin für ein Festival im Papstpalast zu Avignon entworfen und dort im Freien aufgeführt hat: am Abend, wenn das Licht allmählich nachlässt. Diese Atmosphäre muss im Theater kreiert werden. Als Partner treten Gesang und Musik hinzu: hier erklingen vertonte Balladen der Ars subtilior, eines komplexen Musikstils zwischen 1377 und 1420. Entstanden in einer Zeit der verheerenden Pestepidemien, des hundertjährigen Kriegs und, fast aufs Jahr genau, des abendländischen Schismas von 1378 bis 1417, als neben den Päpste in Rom Gegenpäpste in Avignon traten. An deren Hof wie an Höfen in Aragon, Kastilien und Zypern erklang jene Ars subtilior, die Ereignisse der bewegten Ära aufgriff.

Eines ihrer Lieder, „En atendant“ von Filippo da Caserta, mit schlankem Sopran gesungen von Annelies Van Gramberen, lieh dem 90-minütigen Abend auch den Titel. Was da „in Erwartung“ steht, hat Keersmaeker so ins Allgemeine formuliert, dass jeder seine Interpretation verteidigen kann. Formal setzt sie auf die stets wiederkehrende Reihenformation ihrer acht Tänzer, die sich jeweils in andere Gruppenpartikel auflöst. Parallele Duette, deren Partner einander wie auch die anderen Duos beobachten, so Kontakt halten und den Raum mit einem Gewirr aus unsichtbaren Linien ausspannen. Getanzt wird meist auch parallel zur Rampe, überwiegend mit verschiedenen Arten des Gehens und aus ihm heraus. Mein Gehen ist mein Tanzen, umreißt Keersmaeker mutig ihr Prinzip, das den Bewegungsvorrat begrenzt und konzentriert. Im Zusammenklang mit den Bewegungsmöglichkeiten des Oberkörpers sowie Wendungen und Richtungswechseln entsteht dann doch ein vielfältiges Tanzvokabular, das ab der Mitte Raumhöhe im Sprung und den Boden einbezieht.

Ausgangspunkt der Recherche im engen Widerspiel mit der live begleitenden Musik, Fiedel und Blockflöten, ist ein Solo von Chrysa Parkinson, das in den Raum hineintastet, Bewegungsmotive wie das Heben des Beins vorzeichnet, das Dunkel der Bühnentiefe als gestaltendes Moment einführt. Nach und nach gesellen sich die übrigen Tänzer ihr bei, brechen aus der Reihe aus, fallen, stützen einander, durchleben Kipppunkte. Soli stellen Energie aus, wie sie differenziert aus dem Körper hervorbricht und unabhängig vom eigenen Wollen scheint. Verwoben wie Musik und Gesang sind die Raumstrukturen, die zu Ballungen führen, sich aufdröseln und verwirrend verwinkeln. Als all das Ausscheren aus dem Kollektiv, das Sich-Angleichen, Eintakten, Stehen, Belauern kein Ende nehmen will und die Aufmerksamkeit des Zuschauers zu erlahmen droht, fügt Keersmaeker Bilder aus der bildenden Kunst ein. Etwa das des toten Adonis, als ein Tänzer sich nackt im erlöschenden Licht dehnt. Der torkelnden Variation einer möglichen Chloé folgt das Solo eines nackten, dezent ins Finstere gerückten Tänzers: Nur sein tierhafter Atem ist zu hören, bis auch der verstummt. Die Nacht hat den Tag und seine Bukolik geschluckt.

„Cesena“, Keersmaekers zweites Stück des Diptychons, spielt im Morgengrauen und feiert das Tagwerden, vom Mittelalter hin zur Renaissance. Wer nach den Vorstellungen nur Musik hören möchte, dem hilft der Italiener Marino Formenti. In seinem „Mobile House“, das ihm der Japaner Kyohei Sakaguchi aus Fundholz auf die Wiese neben dem Spielort gebaut hat, lebt und musiziert er eine dreiwöchige Klavierperformance aus John Cage, Morton Feldman und Louis Couperin. Nächste Gäste dann im Haupthaus: der Argentinier Fernando Rubio mit der Erinnerung an Menschen über ihre Kleidungsstücke, eine Klang-Performance aus Südkorea, ein Monolog des Berliner Schauspielers Fabian Hinrichs.

Bis 26.10., Haus der Berliner Festspiele, Schaperstr. 24, Kartentelefon 254 89 100

www.berlinerfestspiele.de

Veröffentlicht am 14.10.2012, von Volkmar Draeger in Kritiken 2012/2013

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Kommentare zu "Tanz zwischen Tag und Traum"



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