KRITIKEN 2011/2012



München

EIN ABEND DER KLEINEN DETAILS

Die Candoco Dance Company eröffnet die Tanzwerkstatt Europa



Zunächst saugt Rachid Ouramdane mit „Looking Back“ das Publikum hinein in seine dunkle Welt. Dann lässt die integrative Kompanie Trisha Browns „Set and Reset“ von 1983 so spielerisch, leicht und gleichzeitig mit großer Intensität aufleben.


  • Candoco Dance Company: "Looking Back" von Rachid Ouramdane Foto © Hugo Glendinning
  • "Set and Reset" von Trisha Brown Foto © Hugo Glendinning

Ungewöhnlich ist der Ort, an dem die diesjährige Tanzwerkstatt Europa eröffnet – normalerweise ist die TonHalle ein Konzertraum der Kultfabrik im Münchner Osten, nun zieht der zeitgenössische Tanz für eine Woche dort ein und begibt sich auf die Suche nach seinen eigenen Spuren und Geschichten. Denn mit Werken wie Trisha Browns „Set and Reset“, Olga de Sotos Recherchen zu „Der grüne Tisch“ von Kurt Jooss und Martin Nachbars Auseinandersetzung mit dem Bewegungszyklus „Affectos Humanos“ der Ausdruckstänzerin Dore Hoyer werden Meilensteine der Tanzgeschichte der letzten Jahrzehnte und zugleich der heutige Umgang mit diesen gezeigt.

Doch zunächst saugt der Choreograf Rachid Ouramdane mit „Looking Back“, das eigens für die integrative Candoco Dance Company entstand, das Publikum hinein in seine dunkle Welt, die ähnlich früheren Stücken wie „Loin...“, aus schlichter Technik und dem menschlichen Körper besteht. Das Surren der Verstärker und E-Gitarrenklänge durchzieht den Raum, Schallplatten und Kabel sind akkurat über die Bühne verteilt, die Tänzer erscheinen und verschwinden wieder. Das Schwarz ihrer Kleidung verschwimmt mit jenem des Raumes, ausgestellt sind vor allem die Körper.

Es sind interessante Körper des aus behinderten und nicht-behinderten Tänzern bestehenden Ensembles. Keiner gleicht dem anderen, kleine Details werden exponiert. Tattoos, funkelnde Silberringe, aber auch die Armprothese zieht die Aufmerksamkeit auf sich. Körper, die sich in Zeitlupe gruppieren und mithilfe von Live-Videostills aus verschiedenen Perspektiven eingefangen werden. Wie Momentaufnahmen reihen sich die Sequenzen aneinander. Ein Lächeln, ein nachdenklicher Blick. Alltägliche Gesten. Mal scheint der Körper unvollkommen und deformiert, verrenkt sich und kämpft um sein Gleichgewicht, dann marschieren sie im Gleichschritt und lassen einen faszinierenden Stampfrhythmus entstehen im Zusammenklang mit den energiegeladenen E-Gitarrenklängen der Musik von Jean Baptiste Julien.

Trisha Browns „Set and Reset“ wird durch Anfügen eines weiteren „Reset“ zur Neueinstudierung der Candoco Dance Company, die das Stück der Postmodern Dance Choreografin von 1983 so spielerisch, leicht und gleichzeitig mit großer Intensität aufleben lässt. Bezeichnet als eines der Meisterwerke Trisha Browns ist es eines der ersten Stücke mit Musik, denn über lange Jahre ließ sie Tanz im Stillen stattfinden – ein Diktum, das aus der Rebellion des Judson Dance Theater gegen einen traditionellen Umgang mit Musik im Tanz herrührt. Der Tanz emanzipierte sich. Und so stehen sich bei „Set and Reset“ Visuelles und Akustisches weitgehend unabhängig gegenüber.

Laurie Andersons Komposition entstand auf Basis des entwickelten Bewegungsvokabulars und so wiederholt die verzerrte Stimme immer und immer wieder die Worte „long time no see“ vermischt mit einer gellenden Feuerglocke und anderen elektronisch erzeugten Geräuschen. Schwer zu fassen sind die Bewegungen, die während der 28 Minuten beständig dieselbe Bewegungssequenz durchlaufen, so flüchtig scheinen die Körper von Moment zu Moment zu springen. Ein sich perpetuierender Tanzfluss von der einen zur anderen Bühnenseite. Durch die Kombination einer nicht festgelegten Choreografie mit den klaren Regeln (Line up / Play with visibility and invisibility / Travel the edge of the space / Act on instinct / Keep it simple), die Trisha Brown formulierte, ergibt sich ein Spiel mit Impulsen und Instinkten, deren deutliche äußerliche Rahmung keine reine Rekonstruktion, sondern durch die Möglichkeit neue Formen zu kreieren, eine interessante Spannung zum Original herstellt.

http://www.candoco.co.uk www.jointadventures.net

Veröffentlicht am 04.08.2012, von Miriam Althammer in Kritiken 2011/2012

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