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Berlin

SPRACHE, GEMEINSCHAFT UND BEWEGUNG

Mit mehr als 30 Produktionen lockt das 24. Festival „Tanz im August“


Großes wirft seinen Schatten voraus. Im nächsten Jahr wird der „Tanz im August“, neben Danse Montpellier und den Tanzwochen Wien mittlerweile eines der großen europäischen Tanzfestivals, ein viertel Jahrhundert alt. Das lädt gleichermaßen zu Vor- wie Rückschau ein. Dann wird sich auch die künstlerische Leitung um drei Fünftel verändert haben: Matthias Lilienthal und Pirkko Husemann sehen neuen Herausforderungen entgegen, Marion Ziemann geht in den Ruhestand. Wer Ulrike Becker und André Thériault, dem harten Kern seit Anbeginn, zur Seite stehen wird, darf man gespannt erwarten, auch, welche Änderungen das mit sich bringt. Vorerst aber verantwortet das Fünfer-Team noch die 24. Ausgabe und präsentiert, zeitlich früher als gewohnt, 30 Produktionen der internationalen Szene an zwölf Spielorten, darunter neben festen Positionen wie Hebbel am Ufer, Podewil, Sophiensaele und HALLE auch Schaubühne, Volksbühne und, besonders erfreulich, Akademie der Künste. Keinen geografischen Schwerpunkt, etwa die Präsentation der Szene eines bestimmten Landes, hat es diesmal, wohl aber zwei thematische Linien.
Wie Sprache und Bewegung zusammengehen können, durchaus keine neue Fragestellung, untersucht die eine. Daniel Linehan etwa ironisiert in „Zombie Aporia“ eine Gesellschaft, die Formate an die Stelle von Originalität setzt; Ishmael Houston-Jones lässt in „Them“ zu düsteren Texten über Sex und Tod Männer ihre Angst vor AIDS ausdrücken. Und Antony Rizzi ist in Jan Fabres Monolog „Drugs kept me alive“ ein Lebenskünstler unter Obhut von Rausch und Drogen. Sprache als elementares menschliches Mittel der Verständigung treibt in Gunilla Heilborns „This is not a love story“ auch ein Paar bei der Zielsuche um. Dialoge, inspiriert von Sebastian Brants schon für den Film genutzter Moralsatire „Das Narrenschiff“, fließen in Niv Sheinfelds & Oren Laors Trio „Ship of Fools“ ein. Wortspiele und Gesten schließlich führen Sofia Dias & Vítor Roriz zusammen, während in „(M)IMOSA“ von Bengolea, Chaignaud, Harrell, Freitas Geschlechtergrenzen in einer schrillen Nummernrevue aufgehoben werden. Nicht eigene Rede ist es, die Lisbeth Gruwez zum Ausgang einer tänzerischen Annäherung wird, sondern die TV-Tirade des ultra-konservativen US-Predigers Swaggart hin zu einer entfesselten Trance. Nach einer 18-seitigen Partitur aus Wort, Klang und Bewegung als Rohmaterial formuliert Deborah Hay, eine der Pionierinnen des Postmodern Dance, ihr Solo „No Time to fly“.
Dass es in Zeiten des die Menschen eher separierenden Internet eine Sehnsucht nach gemeinschaftlichem Erleben gibt, leuchtet ein. „Tanz im August“ greift dies als zweite Linie auf. Juan Dominguez zum Beispiel imitiert auf der Bühne Fernsehserien mit Protagonisten, ihren Skype-Partnern und Zuschauern, die per Internet-Forum kommentieren und mitgestalten dürfen. Um das Verhältnis von Individuum und Kollektiv in unterschiedlichen politischen Systemen dreht sich die Publikums-Performance „On trial together“ von Ana Vujanović & Saša Asentić. Ehud Darashs Langzeitprojekt „Constructing Resilience“, mit Stationen in Israel und New York, endet in Berlin: Durch kollektives Begehen von Straßen entstehen dabei im öffentlichen Raum zeitlich und lokal begrenzte Gemeinschaften.
Wer jenseits all dieser Experimente einfach „nur“ Tanz sehen möchte, kommt bei hochkarätigen Gastspielen auf seine Kosten. Gleich den Festivalauftakt bestreitet mit Saburo Teshigawara einer der bedeutendsten Choreografen unserer Zeit: Sein „Mirror and Music“ spielt als multimediales Spektakel durch Zerstörung und Metamorphose mit Gegensätzen und Spiegelungen. Zweiter im Bund der Großen ist Akram Khan, der diesmal selbst auftritt. In „Gnosis“ verarbeitet er Motive älterer Kathak-Soli im Dialog mit internationalen Musikern; im zweiten Teil gestaltet er mit der Ex-Graham-Tänzerin Fang-Yi Sheu eine Legende des indischen Nationalepos Mahabharata in zeitgenössischer Bewegungssprache. Auf einem Untergrund aus Kieseln tragen die Tänzer von Aïcha M’Barek und Hafiz Dhaou ihre vom Kharbga, dem nordafrikanischen Strategiespiel, angeregten „Kharbga – Power Games“ aus. Witzig hinterfragt Ambra Senatore in „Passo“ Geschlechterklischees mit unisex gekleideten Darstellern. Arco Renz greift in „Crack“ auf, was während des Pol-Pot-Regimes beinah verlorengegangen wäre: Aus einer alten Form des Khmer-Tanzes entwickeln seine kambodschanischen Interpreten Neues, wie es einer neugierigen jungen Generation ansteht. Radikaltanz bietet wieder Benoît Lachambre, diesmal mit „Snakeskins“ als Versuch einer Häutung. „Corps de Walk“ endlich nennt die Israelin Sharon Eyal eine Gruppenchoreografie, die an Szenen aus Ballettklassikern nach der Erotik der Masse fragt und sie mit rhythmischen Aufmärschen in Techno-Clubs konfrontiert.
Zusatzangebote wie Tanzfilmnacht, „Sideshow“ im Podewil sowie Kooperation mit der zeitgleich stattfindenden Tanznacht Berlin ergänzen den „Tanz im August“.

Veröffentlicht am 01.08.2012, von Volkmar Draeger in Themen

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Kommentare zu "Sprache, Gemeinschaft und Bewegung"



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