KRITIKEN 2011/2012



Salzburg

LOUISE LECAVALIER ROCKT LOCK

Fulminanter Festivalstart mit Lecavaliers “So blue” und “A Few Minutes of Lock” in Salzburg


  • Louise Lecavalier mit Ausschnitten aus ihrem neusten Werk "So blue" Foto © Wolfgang Kirchner
  • Louise Lecavalier mit Ausschnitten aus ihrem neusten Werk "So blue" Foto © Wolfgang Kirchner

Was sind das für Gene, die Frauen wie Rockstar Madonna oder wie die Super-Tänzerin Louise Lecavalier, Edouard Locks Muse und „La La La Human Steps“-Ikone aus Kanada, scheinbar kaum altern lassen? Wo nehmen Frauen, die die 50 überschritten haben, diese Kraft und Disziplin her, die alle David Kirschs in dieser Welt erblassen lassen würden? Lecavalier, die ab den 1980er Jahren unter Lock in dessen hochenergetischen Choreografien die Grenzen zwischen Tanz, Sport und Akrobatik auslotete, hat in all den Jahren nichts an Bühnenpräsenz und Ausdruckskraft eingebüßt.

Im Gegenteil: Mit einem mehrteiligen Ausschnitt aus ihrem neuen Solo “So blue”, welches in voller Länge Anfang Dezember am Düsseldorfer tanzhaus nrw zu sehen sein wird, manifestiert sie ihren Ruf. Zusammen mit ihrem künstlerischen Beirat Benoit Lachambre eröffnete die Frankokanadierin die diesjährige sommerszene Salzburg. Ein wahrhaft eindringlicher Festivalstart, denn die Elektro-Beats von Mercan Dede, zu denen Lecavalier sich verausgabt, gehen durch Mark und Bein. Zur bis auf weiße breite Bodenstreifen ansonsten nackten Bühne entwirft Lecavalier eine High-Motion-Choreografie. All die cyborg-artigen Shakes und Zuckungen, all die gepressten und geboxten Bewegungen, all die Repetitionen, die nuanciert in neue motion-loops übergehen, verlangen höchste Konzentration und Können. Die blasse, kleine Frau ist dabei auch in ruhigen Tanzsequenzen in ständiger Spannung und Hunter-Haltung. Im schwarzen Sport-Anzug und ihrer punkigen Kurzhaarfrisur á la David Bowie schleudert Lecavalier ihre Extremitäten aus dem Rumpf kraftvoll heraus. Sie bringt einzelne Körperteile kontrolliert in Isolation, und scheint durch den treibenden Elektro-Rhythmus sich und die Zuschauer in eine Trance-artige Stimmung zu versetzen. Diese wird durch die musikalischen Einspielungen aus christlichen Chorälen und fernöstlichem Mediationssummen zusätzlich verstärkt.

Höhepunkt der knapp 30minütigen Performance ist eine Sequenz, in der Lecavalier minutenlang im Kopfstand verharrt. Das Trainingshemd rutscht dabei nach unten, so dass der Blick auf ihre Bauchmuskeln frei wird. Mit hörbarem Atmen (die vorherige schnelle Sequenz war physisch extrem anstrengend) mutieren Six-Pack, Faszien, Haut und Lunge wie zu einem autarken Lebewesen.

Im zweiten Teil der Vorstellung holt Louise Lecavalier zusammen mit ihren Partnern Keir Knight und Patrick Lamothe die 1980er und 1990er Jahre zurück auf die Bühne. „A Few Minutes of Lock“ zeigt Ausschnitte aus „Salt“ und „2“, in denen zur Musik von Iggy Pop die schnellen Flips, die horizontal gedrehten Jumps, der rapid-präzise tänzerische Schlagabtausch – eben der typische Rock-Lock-Stil – wieder lebendig werden. Nach minutenlangem Applaus und standing ovations geben die drei Performer – wie in ironischer Anspielung auf das Festival-Motto – eine kurze „Zugabe“.

http://szene-salzburg.net/sommerszene

Veröffentlicht am 09.07.2012, von Anke Hellmann in Kritiken 2011/2012

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