KRITIKEN 2011/2012



Berlin

A WIE ANFANG, B WIE BERLIN UND T WIE TANZBAU

Mit A + B Tanzbau stellt sich im Berliner Dock 11 ein neues Ensemble vor


  • Mercedes del Rosario Appugliese von A + B Tanzbau "Plan C" Foto © Dieter Hartwig
  • Florian Bilbao in "Jukebox 1" Foto © Dieter Hartwig
  • Florian Bilbao und Mercedes Appugliese in "Die Ausnahme" Foto © Dieter Hartwig

Wer A sagt, muss bei der neuen Tanzkompanie auch B sagen: A wie Mercedes del Rosario Appugliese, B wie Florian Bilbao. „Zwischen Kaffee, Kuchen und Träumen”, so heißt es auf dem Programmzettel, haben sich die beiden gleichaltrigen Tänzer/Choreografen gefunden und mit A + B Tanzbau stante pede ein Duo gegründet, das auf das Publikum als „Mitentwickler” von Tanzstücken „baut”. Dabei geht es nicht nur um Entwicklungs- und Finanzierungsansätze wie „co-creation” und „crowd funding”, die die Arbeit der beiden auf eine stabile Basis stellen sollen. Erklärtes Ziel ist es, „persönliche und gesellschaftliche Themen durch den zeitgenössischen Tanz zu reflektieren, um konventionelle Grenzen mit den Zuschauern aufzulösen.” Davon kann bei der „Abendperformance”, mit der sich Mercedes del R. Appugliese und Florian Bilbao im Dock 11 zum ersten Mal der Öffentlichkeit stellen, noch keine Rede sein. Die Grenze zwischen Publikum und Performer ist nach wie vor gewahrt, während die zwischen den beiden Tänzern bereits ins Fließen kommt. Das erste Stück, „Plan C” genannt, hat die Argentinierin aus Mendoza noch für sich allein choreografiert. Das zweite Solo, „Jukebox I”, trägt die Hand- und Fußschrift des Franzosen aus Libourne. Doch bei der „Ausnahme” ist die eine von dem anderen nicht mehr zu trennen. Vereint werden alle Beiträge durch Yuko Matsuyama, die in jungen Jahren Mitglied der renommierten Musical-, Revue- und Tanzkompanie Takarazuka gewesen ist und das Geschehen live mit Musik, Gesang und Geräusch begleitet.

Den Anfang macht die Tänzerin. Am Boden kauernd, schreibt sie sich in ihn gleichsam ein, mal mit der rechten Hand, mal mit der linken: ein ewiges Kreisen um sich selbst, während die Sängerin ins Mikrophon flüstert. Eingeengt, bricht sie schließlich aus ihrem Gefängnis aus. Doch der eigene Bann ist noch nicht gebrochen. Wie ein Kaugummi klebt er zwischen den Zähnen. Die Haare fallen ihr ins Gesicht. Der Oberkörper scheint wie weggedrückt aus der eigenen Mitte. Keine Ahnung, was Mercedes del R. Appugliese ängstigt, aber mehr und mehr steigert sich hinein in eine heftige Choreografie, die erst nach wilden Konvulsionen eine neue Freiheit findet.

Ohne erkennbaren Übergang tritt Bilbao auf den Plan: ein eher gedrungener, dabei überaus virtuoser Tänzer, der seit zehn Jahren nicht mehr wegzudenken ist aus der Freien Szene Berlins. Wie ein Reptil verharrt er an der Wand, von Sebastian Ellrich in ein Glamour-Trikot gesteckt, das in den schönsten Farben schillert. Anders als Mercedes del R. Appugliese sucht er in „Jukebox I” nicht sein inneres Gleichgewicht. Er steht zwischendurch vielmehr Kopf und hangelt sich solange an der Wand lang, bis er ein anderes Kostüm entdeckt.

Auch wenn wenig später signalhaft der Tango „La Marcha nupcial” von Rodolfo Biagi ertönt, fällt den beiden in Teil III die Entscheidung schwer. Halbnackt sinken Mercedes del R. Appugliese und Florian Bilbao in eine Hochzeitsnacht, die beide als eine Abfolge verquerer Schlafhaltungen choreografieren: eng aneinander gekuschelt und doch über Kreuz. Das ist nicht nur ungemein witzig, originell gemacht und hinreißend getanzt, sondern entspricht tatsächlich dem gemeinsamen Konzept, nämlich Perspektiven aufzuzeigen einer „Welt der Entscheidung und Ambivalenz”. Der Schlagabtausch endet versöhnlich, und das ehemalige Mitglied der Compañía Tangokinesis zeigt, dass man den Tango nicht so schnell vergisst. Weich und mit lasziver Langsamkeit tanzt ihn Mercedes del Rosario Appugliese, und das lässt für A + B Tanzbau noch einiges erwarten.

www.tanzbau.eu

Veröffentlicht am 29.05.2012, von Hartmut Regitz in Kritiken 2011/2012

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Kommentare zu "A wie Anfang, B wie Berlin und T wie Tanzbau"



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