Auf der Suche nach dem aufrechten Gang

Kompanie Alias eröffnet mit „Sideways rain“ das Festival „Tanz!Heilbronn“

Heilbronn, 10/05/2012

Der Aufprall eines Wassertropfens, akustisch vergrößert zum Urknall, der den Lauf des Lebens in Gang setzt. Monoton überqueren die ersten Vierfüßler die Bühne, immer neue tauchen auf, ziehen im matten Licht schicksalsergeben ihre Bahn, unablässig von links nach rechts. Das Ensemble Schweizer der Kompanie Alias aus Genf wirkt wie ein Heer von Wiedergängern, die mal bäuchlings robbend, mal über die Seite rutschend, kriechend, krabbelnd, rollend und kreisend noch Jahrtausende vom aufrechten Gang entfernt zu sein scheinen.

Der aufrechte Gang lautet das Motto der vierten Auflage des Festivals „Tanz!Heilbronn“; hieße das Werk des brasilianischen Choreografen Guilherme Botelho nicht „Sideways rain“, könnte es den Titel: „Auf der Suche nach dem aufrechten Gang“ tragen. Selten hat eine Choreografie die Entstehung der menschlichen Bewegung so konsequent im Fokus und so radikal auf die Bühne gebracht, wie der, vom Publikum im ausverkauften Großen Haus des Heilbronner Theaters, mit Bravorufen und stehenden Ovationen gefeierte Festivalauftakt.

Der Tanz kehrt zurück an den Ursprung von Bewegung, Beweglichkeit und Leben. Noch unberührt von Fragen nach Form und Inhalt, ist es ein feines Gespinst aus Energie, Dynamik und abstrakt strukturellen Elementen, das im Zusammenspiel mit Musik (Fernando Corona) und Licht (Jean-Philippe Roy) den Tanz prägt. In der Wiederholung des immer Gleichen entwickelt die Choreografie eine enorme Sogkraft. Hypnotisiert von der einen und einzigen Bewegungsrichtung, die, wie ein Crescendo der minimalistischen, elektronischen Musik, minutenlang andauert ohne zu langweilen, erscheint der plötzliche Stillstand einer Person, umgeben vom Fluss des unermüdlichen Fortschreitens wie ein Zurückgleiten. Der Raum verschwindet, die Zeit atmet, das Licht blendet.

Bewundernswert ist die fantastische Technik, die den vierzehn Tänzerinnen und Tänzern erlaubt, auch in unbequemsten Lagen so zu beschleunigen, dass der Eindruck eines rotierenden Knäuels, eines rollenden Steins oder eines flüchtenden Insekts entsteht. Die federnde Sprungkraft, mit der sie am Ende, wie nackte Athleten triumphal über die Bühne laufen, erinnert an griechische Vasenmalerei und die ersten fotografischen Bewegungsstudien von Edward Muybridge. Für Skeptiker bleibt die Frage: Ist der aufrechte Gang ein evolutionärer Irrtum? Kaum in der Vertikalen kippt der Mensch, tut er nicht den einen, entscheidenden Schritt, um den Körper aufzufangen, wird ihn die Schwerkraft wieder zu Boden zwingen und das Spiel beginnt aufs Neue. Determinismus oder freier Wille? Das ist eine der Fragen, die das Stück im Subtext aufwirft.

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