KRITIKEN 2011/2012



Lausanne

DAS BÉJART BALLET LAUSANNE REKONSTRUIERT „LIGHT“ (1981)

Schweizer Premiere: Schön, aber noch nicht auf dem letzen Stand


Vor fünf Jahren starb Maurice Béjart. Seither leitet sein früherer Stellvertreter und Startänzer Gil Roman die Geschicke des Béjart Ballet Lausanne (BBL). Neben der Kreation neuer Choreografien gehört es zu den Aufgaben der Kompanie, frühere Béjart-Ballette, die aus dem Repertoire verschwunden sind, wieder zu beleben. So geschah es bisher mit „Serait-ce la Mort“ oder „Cantate 51“.

Jüngstes Beispiel einer solchen Neueinstudierung ist „Light“. Béjart, inspiriert von der Schönheit Venedigs und der Musik Antonio Vivaldis, kreierte das Stück 1981 für sein damaliges Ballet du XXième Siècle. Zu den Stars bei der Uraufführung im Brüssler Cirque Royal gehörten so illustre Tanzende wie Jorge Donn, Yann le Gac, Patrice Touron, Yoko Morishita, Shonach Mirk, Kyra Karkevitch. Aber auch Gil Roman war als blutjunger Tänzer schon dabei. Nun rekonstruierte er „Light“ mit dem heutigen BBL. Bei der Premiere im Palais de Beaulieu in Lausanne am 5.Mai gab es allerherzlichsten Applaus dafür.

Beklatscht wurden die wunderbar brillanten Pas de Deux und Soli von Kateryna Shalkina und Julien Favreau, die eindrücklichen Szenen mit Elisabet Ros, die eleganten Kapriolen von Oscar Chacon und Gabriel Arenas Ruiz. Und dazu alle andern der insgesamt 35 Mitwirkenden, die als Edelleute und Bettler, als Commedia-dell‘ Arte-Figuren oder musizierende Nönnchen, als Farb- und Lichtsymbole die Bühne bevölkern. Der auf klassischem Ballett basierende Béjart-Stil, der alle möglichen zeitgenössischen, historischen oder exotischen Elementen kollagiert: Ihn empfinden wir heute als ebenso spannend wie selbstverständlich. 1981 war das noch anders, ungewohnt, für viele ärgerlich.

„Light“ bedeutet leicht oder Licht, beides macht Sinn: Venedig als Lichtstadt oder Stadt des Leichtsinns. Von Vivaldi erklingen via Tonträger Auszüge aus Konzerten und Gesangswerken. Der geniale Komponist erscheint manchmal auch selbst auf der Bühne, in verschiedener Aufmachung. Im Programmheft fehlt ein genaues Verzeichnis der verwendeten Vivaldi-Werkauszüge. Irgendwo ist festgehalten, dass zwei Bands aus San Francisco, The Residents und Tuxedomoon, auch noch einen Teil zur Musikkollage beigetragen haben.
San Francisco? In der Programmheft-Inhaltsangabe zu „Light“ wird zitiert, was Béjart 1981 in seiner blumigen französischen Schreibweise ungefähr so umschrieb: „Zwei Städte im Wasser. Venedig, und weit entfernt, San Francisco. Zwischen den Städten eine Brücke, ähnlich der Rialto-Brücke. Ein Regenbogen, auf dem Jungen und Mädchen tanzen“. Undsoweiter, lauter Hinweise darauf, dass ein Teil des Balletts jenseits des Atlantiks spielte. Und dass mit Lichteffekten gearbeitet wurde, die in der Lausanner Rekonstruktion (noch) fehlen.

Das BBL zeigt in Lausanne offenbar nur eine Vorpremiere von „Light“. Das Werk taucht denn auch erst nächstes Jahr wieder in Paris auf. Das ist nicht weiter schlimm, müsste aber deklariert werden. Béjart war da ehrlicher, etwa bei „Le Presbytère“: Er zeigte dieses große Queen-Spektakel als „Avant-Première“ in etwas reduzierter Form schon 1996 in Lausanne, der Stadt, die seine Kompanie bis heute beherbergt und großzügig subventioniert; die Pariser „Premiere Mondiale“ dagegen fand erst 1997 statt.

Nicht nur die Informationspolitik des heutigen BBL ist unzuverlässig. Auch seine Programmhefte, so reich bebildert sie sein mögen, wirken etwas unprofessionell. Da werden unwichtige Béjart-Zitate - wegen ihres Überschwangs seit je eher belächelt als bewundert - groß wiederaufbereitet, während man manche fundamentale Informationen vergeblich sucht.

Trotzdem: Die Fahrt nach Lausanne lohnt sich.

„Light“ in Lausanne bis 13.Mai.

www.bejart.ch

Veröffentlicht am 07.05.2012, von Marlies Strech in Kritiken 2011/2012

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