Crescendo der Gefühle

Schwedischer Premieren-Abend feiert mit Eks „A sort of...“ und Ingers „Walking Mad“ in Nürnberg großen Erfolg

Nürnberg, 23/04/2012

Mit minutenlangem Applaus bedankte sich das Publikum für die grandiosen Ballettpremieren am Nürnberger Opernhaus. Ballettdirektor Goyo Montero hat es wieder einmal geschafft, hochkarätige Gäste in die Franken-Metropole zu holen und sich die Gunst des Publikums (die Ballett-Abonnements haben sich seit Monteros Ankunft mehr als verdoppelt!) zu sichern. Nach Jiří Kylián sind es nun die schwedischen Choreografen Mats Ek und Johan Inger, die das Repertoire des Nürnberger Balletts mit ihren Werken bereichern.

Mats Eks „A sort of...“ überlässt bewusst die Vervollständigung dem Zuschauer und dessen Fantasie. Reich an Symbolen stellt es die menschliche Natur aus. Ek skizziert Bilder, deren grotesk-humorvoller Unterton uns lächeln lassen, die aber auch Emotionen ins uns hervorholen können. Zur experimentellen Musik des Polen Henryk Mikolaj Górecki, die mal eindringlich, mal nervenaufreibend-verstörend wirkt, hat der schwedische Tanz-Großmeister ein Werk geschaffen, das sich seinen Platz in der Tanzgeschichte verdient hat.

Hervorragend verinnerlichten die Tänzer das unverwechselbare, bewegungsreiche Movement-Material Mats Eks und mischten diesem ihre individuelle emotionale Expressivität bei. Mit wachem Geist und vollem Körpereinsatz gaben sich die Nürnberger Tänzer ebenfalls der anspruchsvollen Choreografie von Johan Inger hin. Inger folgte 1990 dem Ruf Jiří Kyliáns ans Nederlands Dans Theater, wo er sich u.a. durch das 2001 kreierte „Walking Mad“ als Choreograf einen Namen machte.

Leise ertönen in „Walking Mad“ die Bolero-Schleifen von Maurice Ravel. Dessen aus so simplen Grundmustern bestehendes wie raffiniertes Prinzip von übereinandergeschichteten Melodietönen entwickelt eine Art Klangspirale. Analog dazu führt uns Johan Inger in drei Episoden allgemeingültiges, nämlich menschlich-verschraubtes Verhalten vor Augen.

Inger spielt ähnlich wie Ek mit schlichten, aber wirkungsvoll eingesetzten Bühnenelementen. So ist neben der musikalischen Vorlage ein multi-funktionales Wand-Konstrukt Ausgangs- und Mittelpunkt seiner Inszenierung. Dieses bietet mit seinen versteckten Türen und Scharnieren den Hintergrund zu ausgelassenen Albernheiten, wenn mit roten Spitzenhüten und rollenden Beckenbewegungen eine Gruppe Männer ihre Dominanz auf der Bühne manifestieren möchten. Schnell aber werden die Holzplatten zum Gefängnis. Wie aus der Ferne scheinen nun die Bolero-Melodien zu erklingen, als die „dritte Frau“ (Sophie Antoine) in der Ecke steht. Mit zitternden Beinen wirkt sie wie ein kleines Kind, das Angst vor seinem eigenen Schatten hat. Jegliche Versuche über das Hindernis zu springen oder mit verzweifelten Schlägen das Material und zuletzt auch das eigene Ich zu zerschlagen, scheitern. Die Frau im roten Kleid rutscht an der Wand herunter − und schiebt, halb liegend, halb sitzend, ihr Kleid hoch und ertastet Beine und Hüfte. Darauf folgen wilde, kraftvolle Sequenzen mit wechselnden Partnern, aus deren Umrahmungen und Griffen sich die Eingeschüchterte entwindet. Schließlich sitzt sie auf dem Holzkonstrukt und fällt nach heftigen Zuckungen hinten über.

Ähnlich ergeht es auch Max Zachrisson, der durch „Walking Mad“ wie eine Art Erzähler durch das Stück führt. Auch er macht Bekanntschaft mit der verrückten Wand, fällt, liegt auf ihr, springt auf, hängt daran und muss sich gegen Ende dem hektischen Treiben des Ensembles einfügen. Zu Arvo Pärts melancholischen „Für Aline“ endet der surreale Trip des Wanderers. Der Mann beginnt einen einfühlsamen (Wieder-)Annäherungsversuch mit seiner Partnerin. Mit gesenktem Kopf und behutsamen Gesten und Hebungen, trägt, hebt und stützt Max Zachrisson seine Liebste beinah sprichwörtlich auf Händen. Sie jedoch blickt in die Ferne, entzieht sich der Versöhnung und der Verinnerlichung der Gefühle. Mag er auch auf Knien um ihre Aufmerksamkeit flehen, und sie in ihrer Off-Balancen stützen, so muss er schließlich das Scheitern der Beziehung einsehen. Er klettert auf das Wandgebilde und springt. Sein Schicksal endet abrupt und jäh wie Ravels Bolero-Crescendo.
 

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