KRITIKEN 2011/2012



Dresden

EIN IRRER DUFT VON FRISCHER POESIE

Eine Uraufführung des Tanztheaters DEREVO in HELLERAU-Europäisches Zentrum der Künste Dresden


  • „Ketzal II Naoah`s Ark“ von DEREVO Foto © Elena Yarovaya
  • „Ketzal II Naoah`s Ark“ von DEREVO Foto © Elena Yarovaya
  • „Ketzal II Naoah`s Ark“ von DEREVO Foto © Elena Yarovaya
  • „Ketzal II Naoah`s Ark“ von DEREVO Foto © Elena Yarovaya
  • „Ketzal II Naoah`s Ark“ von DEREVO Foto © Elena Yarovaya
  • „Ketzal II Naoah`s Ark“ von DEREVO Foto © Elena Yarovaya

Was schert sie ein Trend, was kümmert sie ob ihre Arbeiten ein Etikett erhalten, klassifiziert werden können als modernes oder postmodernes Tanztheater, Konzepttheater oder weiß der Teufel was. Die Mitglieder vom Tanztheater DEREVO, zu Hause in der Welt, mit „Wohnsitzen“ in Dresden und St. Petersburg, gehorchen wohl allein dem, was ihnen ihre Herzen zu sagen haben, was die Sensoren ihrer Seelen wahrnehmen und fabulieren daraus die Abfolgen ihrer transzendenten Bildwelten. Das ist gut so, denn das ist selten geworden.

„Ketzal II Naoah`s Ark“ heißt ihre neueste Produktion als Weiterführung ihres Stückes „Ketzal“ von 2004. Führte das erste Kapitel in eine von mexikanischen Mythen geprägte Landschaft, in eine Zeit die lange vor jener liegen mag, die wir als Vorher bezeichnen, so liegt jetzt die Sintflut, die irgendwann danach gekommen war, lange zurück. Auf dem Gebirgsmassiv des stillen Vulkans Ararat ragen wie das Skelett eines Urtieres noch Reste der Arche Noah aus dem Torfboden. Zunächst queren Wesen in seltsamen Haltungen die Bühne. Es mutet an, als probierten Menschen, die aus dunklen Höhlen kommen, den aufrechten Gang, solange, bis sie bald in ihren dunklen Anzügen beinahe modern wirken, aber immer noch wunderbar animalisch hüpfend ihren so individuellen, wie unschuldig verspielten Bewegungstrieben folgen.

Immer wieder kommt eine seltsame Gestalt ins Spiel, ein Wesen mit dem Knochenschädel eines Schafes, mal als Lumpensammler Gottes, mal als Figur aus den zeitlosen Endzeitphantasien eines Pieter Brueghel. Dann wieder sind wir im Zirkus, die Hüpfenden vor der golden angeleuchteten Scheibe, als ginge es um das grausige Vergnügen zuzusehen, wie auf eine wehrlose Kreatur Messer und Pfeile abgeschossen werden. Donnernd rast der Zug der Zeit akustisch durch die Szene und vom Himmel regnet es Plastemüll. Und immer wieder Reminiszenzen an den Zirkus, surreale Wesen mit Kistenköpfen, Menschen als Affen oder Affen als Menschen. Eine so sanfte wie zarte Szene zeigt Clowns, deren Gesichter im warmen Schein eines Feuers leuchten, dazu der behutsame Sound eines Glockenspiels. Überhaupt, der Sound von Daniel Williams, das Licht von Igor Fomin, alles fügt sich zu den Ideen von Elena Yarovaya und Anton Adassinsky, der auch als künstlerischer Leiter fungiert und gemeinsam mit Oleg Zhukovskiy, Makhina Dzuraeva, Anastasiya Ponomarova, Pavel Alekhin und Aleksei Lanskoi diesen Zaubertanz in poetischer Konzentration vollführt, dass für mehr als eine Stunde im voll besetzten großen Saal des Festspielhauses Hellerau gespannte Aufmerksamkeit herrscht.

Unmöglich die phantastischen Details dieses der Realität verpflichteten irrealen Zauberspiels aufzuzählen, die so unterschiedlichen, oftmals minimalistischen Überraschungen der Bewegungen des Tanzes, oder der humorvollen, augenzwinkernden Anspielungen aufzuzählen. Manches ist schlicht, und in der Schlichtheit treffend und direkt, etwa die bildhafte Aussage, dass solange ein Mensch noch auf dem Eimer sitzen kann, längst nicht alles im Eimer sein kann. Der Menschheitstraum vom Fliegen findet seine positive Entsprechung im Auftritt eines sagenhaften Vogelwesens, seine negative im akustischen Lärm eines Helikopters und dem Klang bedrohlichen Militanz.

Manchmal stehen die schlotternden Gestalten der Kompanie in erbärmlicher Einsamkeit wie verlorene Kinder in der Kälte des Universums. Dann besiegen sie im kindhaften Tanz alle Einsamkeit und Kälte, dann gräbt das Wesen mit dem Schafsschädel, dieser ewige Clown Gottes, ein Fragment des Regenbogens aus, es regnet aus dem Bühnenhimmel auf den Torf der Theatererde und in den Zuschauerraum zieht ein betörender, wunderbarer, frischer Duft von neu erwachender Natur. So sinnlich, so schlicht, so authentisch, vor allem schutzlos und ehrlich, kann Theater, Tanztheater, sein.

Und dann, zum angemessen verhaltenen Schlussapplaus, springen alle Protagonisten ausgelassen und linkisch wie junge Schafe, denen auf dem Theater wenigstens nicht das Messer des Schächters droht. DEREVOS zärtlichen Optimismus wider allen Augenschein ganz und gar nicht optimistischer Alltagserfahrungen kann man an diesem Abend sehen, hören, fühlen und riechen. Theater als Ritual, eine der sinnlichsten und ältesten Traditionen dieser Kunst der Stellvertretung. Premiere war am Karfreitag. Ein Totentanz war es nicht. Eher, bei aller Düsternis, wohl doch schon eine Liebeserklärung an das Leben, und somit ein außergewöhnliches Ostergeschenk.

Veröffentlicht am 08.04.2012, von Boris Michael Gruhl in Kritiken 2011/2012

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Kommentare zu "Ein irrer Duft von frischer Poesie"



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