KRITIKEN 2011/2012



Eisenach

DER MIT DER AXT TANZT

Eine Ballettpremiere und drei Nachrichten aus Eisenach


  • Das Ensemble des Theater Eisenach in Andris Plucis „Le Sacre du Printemps“ Foto © Carola Hölting
  • Mar Ameller, Maximilian Diedrich, Habid Badillo und Frederic Schötschel in „Verklärte Nacht“ von Foto © Carola Hölting
  • Maximilian Diedrich, Rai-Hilmar Kirchner und Ensemble in Andris Plucis „Le Sacre du Printemps“ Foto © Carola Hölting

Die Stadt Eisenach am Fuße der Wartburg wirbt mit dem Slogan „Tolle Burg, tolle Stadt“. Derzeit eigentlich ganz im Zeichen Johann Sebastian Bachs, der hier 1685 geboren wurde, wurden am Wochenende die Thüringer Bachtage eröffnet. Am Sonnabend gab es auch eine Premiere am Landestheater Eisenach, einen Abend mit zwei choreografischen Uraufführungen von Ballettchef Andris Plucis. Auf dem Programm standen Werke denen besondere Bedeutung zukommt − in der Musikgeschichte und in der Geschichte des modernen Balletts.
Arnold Schönbergs frühe Komposition „Verklärte Nacht“ von 1899 und Igor Strawinskys Ballett („Das Frühlingsopfer“). Jenes 1913 in Paris durch die legendäre Ballet Russes in der Choreografie von Waslaw Nijinsky uraufgeführte Ballet, das beim Publikum total durchgefallen war. Im Einzelnen sei es an der Musik gelegen; der Komponist Arthur Honegger sprach von der „Atombombe der neuen Musik“. Doch inzwischen zählt „Le Sacre du Printemps“ zu den ganz großen Erfolgen im Konzertsaal und in den Ballett- und Tanztheatern. Es gibt drei Nachrichten aus Eisenach, eine schlechte, eine fast gute und eine wirklich gute, alle drei haben mit dem Theater zu tun, mit dem Ballett und mit der Premiere vom vergangenen Sonnabend.

Die schlechte Nachricht kam zwei Tage vor der Premiere: Das Theater in Eisenach wird geschlossen! Die Stadt kann ihren Beitrag von derzeit 1, 87 Millionen Euro, demnächst wegen der anstehenden Tariferhöhungen, rund 2 Millionen, nicht zahlen, Gesamtetat des Theaters: 4,9 Millionen. Das hieße im Klartext, mit Saisonende 2012/13 wär Schluss. Thüringen hätte dann vor allem die Tanzsparte so gut wie weggespart, von ursprünglich einmal 8 Kompanien auf dem Gebiet des heutigen Freistaates gäbe es dann künftig nur noch das Staatsballett in Gera und vielleicht auch noch das sehr kleine Tanzensemble in Nordhausen. In Weimar sind die Tanzgastspiele generell gestrichen worden. Ein neu installiertes Festival für den zeitgenössischen Tanz ist erfreulich aber kein Ersatz. Eines der ältesten deutschen Tanzfestivals, die Geraer Balletttage, ist erst mal nach dem dortigen Finanzdebakel auf unbestimmte Zeit ausgesetzt.

Die nächste, die fast gute Nachricht, dann am Tag der Premiere: Am Sonnabend waren spontan 500 Menschen in Eisenach auf der Straße, für den Erhalt des Theaters. Im Gottesdienst zur Eröffnung der Bachtage hat man sich mit dem Theater solidarisiert und nach der Ballettpremiere vor ausverkauftem Haus hat Thüringens Kultusminister Christoph Matschie nicht nur beschwichtigt, sondern auch glaubwürdig versichert, dass parteienübergreifende Einigkeit bestünde, das Theater so wie es ist, mit Landeskapelle, Ballett und Jugendtheater zu erhalten: „Ich sehe mich in der Verpflichtung, dafür zu sorgen“, so der Minister.

Und dann die richtig gute Nachricht, dem Ballett in Eisenach ist ein bemerkenswert interessanter Abend gelungen. „Verklärte Nacht“ zur hochromantischen Musik Schönbergs gibt es als melancholische Traumsequenz einer isolierten Gesellschaft in einer Art Theateridylle, in der Zeiten und Stile sich durchmischen, wo so etwas wie ausgesprochen friedliche Stimmung im Abendlicht herrscht, und doch, bei genauerem Hinsehen, kein Mensch zum anderen findet. Man tanzt und schlittert höchst kunstvoll im Sand der verrinnenden Zeit, alles ist luftig, alles ist leicht, und doch beschleicht mich als Zuschauer ein verstörendes Gefühl, Menschen beim Zelebrieren sinnentleerter Rituale zu beobachten. Man wird da in diesen schönen Schein regelrecht hinein gezogen, zumal das einmal von der Musik ausgeht und vor allem von den so elegant wie leicht agierenden Tänzerinnen und Tänzern. Und natürlich ist man gespannt auf „Le Sacre du Printemps“, „Das Frühlingsopfer“, die „Bilder aus dem heidnischen Russland“, das Werk mit der eruptiven Musik, an dessen Ende ein Mensch geopfert wird.

Gerade weil es schon so grandiose Deutungen dieses Jahrhundertwerkes gibt, kann man gar nicht ohne eine gewisse Skepsis einer Neudeutung entgegensehen. Es gibt ja Deutungen, die im Gedächtnis sind: Maurice Bejarts Interpretation, die Sicht des Moskauer Bolschoi-Balletts, die von der Ostberliner Staatsoper übernommen wurde, John Neumeiers Choreografie oder Uwe Scholz mit seinem autobiografischen Solo für Giovanni die Palma in Leipzig, die legendäre frühe Arbeit von Pina Bausch und nicht zu vergessen ein Film von Walt Disney mit einer von Vulkanen durchzuckten Erde und Tieren im Todeskampf.

Also was kann da noch kommen. Und dann die Überraschung in Eisenach! Andris Plucis als Choreograf und Beatrix Sassen als Bühnenbildnerin verlegen das Stück mit den Kostümen von Danielle Jost in die Zeit seiner Entstehung, kurz vor dem ersten Weltkrieg. Kein heidnisches Russland, im Gegenteil, christlich sozialisiertes Bürgertum in dem die Symbole der Opferriten seiner Religion, wie der Kelch und die Hostienschale, zu Theaterrequisiten geworden sind. Eine mörderische Gesellschaft blutrünstiger Kannibalen in einer Art Sekte mit militanten Verhaltensregeln. Hier regiert die Axt und nicht die Nächstenliebe. Nicht nur ein Opfer, sondern Massensterben. Am Ende der Mörder allein mit einer Frau, unerlöst, keiner mehr da, der ihn erschlagen könnte. Welch Hohn, er klaubt aus groben Latten ein dürftiges Kreuz zusammen, fesselt sich daran so gut es selber geht und stilisiert sich so zum Opfer. Eine grausige aber schlüssige Lesart, die der unausweichlichen Wucht der Musik entspricht.

Und diese Nachricht aus Eisenach hat auch einen zweiten Teil: Es wird gut getanzt, Andris Plucis verlangt seinen Tänzerinnen und Tänzern einiges ab, was Expression angeht, aber auch Präzision, besonders bei den Hebungen und Sprungvarianten, sanft im ersten Teil, von brutaler Kraft im zweiten. Der Tänzer Johann Hebert, in „Le Sacre“, der Mann im Mordrausch, soll genannt sein inmitten des insgesamt gut aufgestellten 16-köpfigen Ensembles das vom Publikum stürmisch gefeiert wird, ebenso das in seiner Kammerbesetzung zu bewundernde Orchester unter der Leitung von Oleg Ptashnikov. „Tolle Burg, tolle Stadt“, so der Werbeslogan, die Stadt zumindest wäre nicht ganz so toll, hätte sie ihr Theater nicht, und mit dem Theater das Ballett.

Veröffentlicht am 05.04.2012, von Boris Michael Gruhl in Kritiken 2011/2012

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