KRITIKEN 2011/2012



Leipzig

DIE LEICHE IM ORCHESTERGRABEN UND DAS HAUS AUF BEINEN

„Mörderballaden“ von Mario Schröder beim Leipziger Ballett


  • "Möderballaden" von Mario Schröder Foto © Andreas Birkigt
  • "Möderballaden" von Mario Schröder Foto © Andreas Birkigt
  • "Möderballaden" von Mario Schröder Foto © Andreas Birkigt

Gleich zu Beginn wird gemordet was das Zeug hält. Ein Märchenwald, ein Zauberwald in schönster Illusionskulisse, und hinter jedem Baum lauert ein Mörder. Ganz hinten werden Leichen in blauen Müllsäcken hereingezerrt und gleich darauf mit riesigen Äxten lustvoll zerhackt. Und zwischendrin irrt eine Frau in Silberglitzer wie das verschreckte „Sterntalerchen“ durch den Mörderwald.

Dann fährt der Wald hoch, die Bühne ist leer, vorbei mit allem Theaterzauber, und auch erst mal mit dem mordsmäßigen Humor, der aber glücklicherweise an diesem Abend nicht verloren gehen wird.

Jetzt geht’s zur Sache! Das sind jetzt keine Märchenwesen mehr, es sind normale Leute, mit ziemlich mörderischem Potenzial, salopp gesagt, jetzt geht die Post ab, wenn fünfzehn bestens trainierte Kerle kraftmeiernde Schlägerfestspiele veranstalten. Einer verdrischt den anderen, dann zwei auf einen und so weiter bis am Ende alle auf einen stürzen, dessen Hut ist so groß, dass er auch wirklich von jedem eins drauf bekommen kann. Und wenn die Girls dazu kommen, dann bleiben sie in Sachen Schlagfertigkeiten den sportiven Kerlen, die scheinbar geradewegs aus dem Fitnessstudio auf die Opernbühne gekommen sind, ganz und gar nichts schuldig.

Und da wo sonst die Damen und Herren des Leipziger Gewandhausorchesters ihren Platz haben, im Orchestergraben, da ist jetzt Wasser, da werden Menschen zu Seerosen, da kann man rasch hineinfallen, übermütig springen und planschen, aber eben auch ertrinken oder sich in großer Not mit letzter Kraft heraus retten. Andreas Auerbach und Paul Zoller haben die große Leipziger Bühne in diesen surrealen Raum verwandelt, in dem Menschen unter den Bodenplatten verschwinden und lediglich ihre Köpfe körperlos seltsame Tänze vollführen.

Wenn der Märchenwald ein zweites Mal herunterfährt und in einem Manöver optischer Täuschungen sich zwischen Himmel und Erde auf und nieder bewegt wird es eiskalt, dann fällt der Theaterschnee in Massen. Wie in der romantischen „Giselle“ irren die Willis in ihren abgerissenen Tüllröcken durch diese Landschaft zwischen mörderischen Tagträumen und nächtlichen Albträumen. Nur dass es nicht mehr nur die Frauen sind, die an Liebe und Treulosigkeit zu Grunde gehen, Herzbruch kennt bei Mario Schröder kein Geschlecht und so schwirren die weißen Röckchen auch auf kräftigen Männerbeinen durch den Totenwald bis am Ende alle als Wasserleichen enden, man wird künftig manches Seerosenambiente mit kleinem Schauer sehen.

Es sind die Motive der Balladen, der Moritaten, der Leichen im Fluss, die zu solchen Bildern führen und dazu regt natürlich nicht zuletzt die Musik von Nick Cave an, dessen Album „Murder Ballads“ eingespielt wird und auch den Titel für den Abend gibt. Caves religiös motivierte Balladen umkreisen die Frage ob der Tod das Ende ist und beschäftigen sich mit den Spielarten des Mordes, an denen wir nicht auf der Stelle sterben, die aber doch dem Leben unablässig Verletzungen zufügen. Die Musik ist durchzogen von Melancholie und doch nicht düster, was Schröder in seiner Choreografie aufnimmt und somit zwar immer wieder freundliche Fingerzeige gibt im Hinblick auf die Verletzbarkeiten von Körper und Seele, aber den Zeigefinger erhebt er nicht. Es liegt auch so etwas wie ein Lächeln über allem Mordsgebaren, und manche Bilde die dabei gelingen sind so einfach wie überzeugend. Dass wir auf Erden keine bleibende Statt haben ist eine Wahrheit, dass aber ein Eigenheim auf mindestens dreißig Beinen durch den Raum tanzt und dass die vermeintliche Sicherheit der eigenen vier Wände zu einer dünnen Haut mutiert, gerade noch gut genug einen gespensternden Überwurf abzugeben ist schön anzusehen und doch ist er wieder da, der leise Schauer.

„Mörderballaden“ ist für die Tänzerinnen und Tänzer ein Abend mit mörderischen Anforderungen. Keine Frage, die Leipziger Kompanie ist gut aufgestellt, sie kennt sich aus in vielen Stilen. Zeitgenössisches Bewegungsmaterial bestimmt den Abend mit komplizierten Kombinationen, etwa bei Hebungen, Kampfszenen, Spielen mit Materialien und Menschen oder einer riesigen Waffe. Positionen werden blitzschnell verändert, unterschiedliche Stile kommen dazu, Elemente der Show ebenso wie der Pop- und Rockszene, nicht zuletzt hinreißender Step-Dance.

Als Zuschauer braucht man Freiheit, Offenheit, sich einzulassen und zuzulassen, dass vieles nicht dem entspricht, was man vielleicht im Ballett, aber auch im zeitgenössischen Tanz erwartet. Schröder interessiert sich nicht für Kategorien, für Klassifizierungen oder Zuschreibungen. Er sagt, das ist jetzt mein Thema, nämlich die Endlichkeit und Begrenztheit des Lebens, der Anfang und der Schluss und die vielen Rätsel dazwischen, und damit beschäftige ich mich. Und ich lade Euch ein dabei zu sein. Der Abend ist so ehrlich wie persönlich, daher auch schutzlos und machtlos gegenüber möglichen Anfeindungen und daraus folgender Ablehnung, was letztlich aber für diese Arbeit spricht.

Veröffentlicht am 14.03.2012, von Boris Michael Gruhl in Kritiken 2011/2012

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