KRITIKEN 2011/2012



Dresden, Hellerau

DIE GENIALEN WIEDERVERKÄUFER

„For Rent“ als surrealer Gebrauchtwarencocktail der belgischen Kompanie Peeping Tom in Hellerau


  • "For Rent" von Peeping Tom Foto © Herman Sorgeloos
  • "For Rent" von Peeping Tom Foto © Herman Sorgeloos
  • "For Rent" von Peeping Tom Foto © Herman Sorgeloos

Sie lassen nichts umkommen, die grandiosen Protagonisten der Kompanie Peeping Tom. Jetzt als deutsche Erstaufführung in Hellerau, dem Europäischen Zentrum der Künste auf Dresdens grünem Hügel der Moderne, „For Rent“ von Gabriela Carrizo und Franck Chartier.

Der Name der Kompanie ist Programm, sie sehen alles durch die Augen der Angst, denn unter diesem Titel kam 1960 der englische Film „Peeping Tom“ von Michael Powel in die Kinos und löste einen heftigen Skandal aus. Heute ist es gute Sitte auf dem Theater mit Spanneraugen in die Abgründe der Seelen zu blicken, alle möglichen Arten von Lust und Angst, von Einsamkeit, Gewalt, Erniedrigung, Identitätsverlust mal als Horrortrip und mal als Comedy auf die Bühne zu bringen.

Alles nicht neu, alles schon mal da gewesen sagen die Leute von Peeping Tom aus Brüssel, wir verkaufen euch noch mal, was ihr eigentlich schon kennt aus dem Kino, aus der Musik, aus den Vexierbildern surrealer Kunst, aus den mystischen Zauberspielgelbildern des M.C. Escher oder eben immer wieder aus dem Gruselkino, dem guten alten britischen Krimi, den erotischen Analysen der Gesellschaft eines Pier Paolo Pasolini, gemischt mit Mystery und Horrormotiven von David Lynch.

Und, auch das ein toller Wiederverkaufseffekt der genialen Belgier, wir machen wieder richtiges Theater. Wir verkaufen wieder Illusionen: Roter Samt, ein geheimnisvoller Raum von unbestimmbarer Tiefe oder Höhe, eine Durchgangsstation zwischen Opernfoyer und Gespensterschloss mit vielen Türen, Treppen, die ins Nichts führen und einem schwarz-weiß karierten Boden den man gar nicht lange ansehen muss und schon verschwimmen alle Konturen. Was ist da noch ungewöhnlich, wenn ein Mensch zur einen Tür heraus geht und gleichzeitig am anderen Ende des Raumes zur anderen wieder herein kommt. Wenn ein Objekt der Begierde vollends untern den gierigen Fingern seiner Herrschaft zur Materie wird und sich in lieber bis zur völligen Unsichtbarkeit mit dem Bezugsstoff eines Sofas vereint um so jeder anderen möglichen Vereinigung zu entgehen oder gar am Ende auf totales Säuglingsmaß zurückschrumpft.

In „For Rent“ ist eine sonderbare Gesellschaft beisammen, Doppelgänger und Wiedergänger, Vierbeiner und Zweibeiner, denen ihre Beine auf höchst artistische Weise wegknicken und die es anderen vermitteln ihre Gangart zu übernehmen, was nicht gut ausgehen kann. Hier stürzt ein Mensch aus großer Höhe aus dem Rahmen, hier greift die Herrin nach dem Personal und ein gut gebauter Knabe mit nichts bekleidet als einen Slip aus konturdurchlässigem Feinrippmaterial hat es einem älteren Herrn angetan, der offensichtlich nach bürgerlichen Regeln mit einer Sängerin zu tun hat. Diese wiederum hat ihren Zenit – so sie je einen hatte – längst überschritten und eilt noch immer, mehr oder weniger korrekt bekleidet, von Konzert zu Konzert, von einem Vorsingen zum anderen.

Ein Gespensterschloss mit stummen Gästen und einem fast verstummten Personal, mit einem alten Geist als faltiges Spiegelbild des jungen Mannes im Slip, der aber dem Flügel jungen, neuen Geist eingibt und alles wie in einer Endlosschleife.

Und auch das beherrschen die belgischen Surrealisten des großartigen Tanztheaters, deren so halsbrecherische wie artistische Techniken beinahe beiläufig für Verblüffung sorgen; sie kennen ihr Maß. Im Gegensatz zu vielen ihrer Kollegen überziehen sie nicht, nach 75 Minuten geht das Licht aus, genau in dem Moment wo man sagt, schade, es hätte noch ein Weilchen spuken können. Nein Maß und Rhythmus gehören zum Tanztheater, der Traum wird angeheizt, wir müssen weiter träumen, gerne! Denn auch das zeichnet diese Kompanie mit ihren Protagonisten Jos Baker, Eurudike De Beul, Leo De Beul, Marie Gyselbrecht, Hun-Mok Jung, Seol Kim, Simon Wessel samt den acht Statisten aus der Dresdner freien Szene aus, sie bleiben freundlich. Weil sie mit Herzblut arbeiten muss auf der Bühne kein Blut fließen und doch stockt es mitunter in den Adern der Zuschauer, gepaart mit dem Erschrecken darüber, bei welcher Lust wir uns erwischen, wenn es darum geht dem Unglück der anderen zuzusehen.

Veröffentlicht am 12.03.2012, von Boris Michael Gruhl in Kritiken 2011/2012

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