KRITIKEN 2011/2012



Ludwigsburg

EIN FALL FÜR EXEGETEN

Ballet Preljocaj mit „Und dann tausend Jahre Stille“ („Suivront mille ans de calme“) zu Gast in Ludwigsburg


Zwei Männer, einander gegenüber stehend, zum Kampf bereit, doch statt zum Schlag auszuholen stehen sie einfach da, blicken sich an, eine kleine Ewigkeit, ein Kuss, ohne viel zu tun. Kein großes Kino, kein Drama, nichts, nur ein Kuss unter Männern, sonderbar berührend. Ein Kuss, wie ein Sechser im Lotto oder die berühmte Stecknadel, die man im Heuhaufen sucht. Der Heuhaufen, das sind die vielen Aktionen, die mit allen Wassern gewaschene Tanztechnik und der Bildreichtum, den der Choreograf Angelin Preljocaj, von elektronischer Musik (Laurent Garnier) getrieben und zusammengeschweißt, dem Publikum hundert pausenlose Minuten bietet.

Tosender Applaus und viele Fragen nach dem Gastspiel „Und dann tausend Jahre Stille“ („Suivront mille ans de calme“) des Ballet Preljocaj im Forum Ludwigsburg. Der französische Choreograf hatte 2010 in einer französisch-russischen Kooperation mit 20 Tänzern, jeweils zehn seines eigenen Ensembles und zehn des Bolschoi-Balletts eine Choreografie zur Apokalypse des Johannes erarbeitet. Die Uraufführung in Moskau (September 2010), sei eingeschlagen wie ein „Elektroschock ohne Blitzableiter“, so die russische Presse. Nach der Gastspielreise mit der Originalbesetzung ist nun eine adaptierte Version des Stückes auf Tour, in der ausschließlich das Ensemble des Choreografen aus Aix-en-Provence tanzt.

Nur wenig sei verändert worden, hört man im Nachgespräch von den Tänzern, die im steten Wechsel von Gruppenauftritt und Duett einen Bilderbogen ritualisierter Handlungen aufblättern und tänzerisch verfremden. Stühle, um die sich Sekretärinnen schlängeln und winden, während ein nackter Mann mit offenem weißen Hemd schreiend über die Bühne springt, ein Wesen zwischen gefallenem Engel und Amokläufer. Bücher, je drei pro Tänzer, die ihnen zwar den Mund stopfen und die Hände binden, aber nichts von ihrer Sprungkraft nehmen können. Chromblitzende Töpfe und Siebe zu einem Kopfputz arrangiert, unter dem drei zierliche Tänzerinnen auf Plateauschuhen, eingerahmt von wandgroßen, bewegten Metallkästen, balinesischen Tempeltänzerinnen gleich, das hohe Lied der Kochkunst und Erotik verkörpern. Ketten, die aus dem Bühnenhimmel pfeilgrade niederprasseln, Symbol der Fessel und Gefangenschaft von der Gruppe zu einem ästhetischen Klangerlebnis umgedeutet. Und immer wieder Flaggen, mal über den Kopf gestülpt, wie ein Cape um den Körper wehend, irren die (nationalistisch, ideologisch) Verblendeten umher, finden sich in Gruppen zu Sexposen arrangiert wieder.

Im Finale ein großes Reinigungsritual der Nationalflaggen mit fulminanter Wasserschlacht und Rutschpartien. Anders als im Original, wo am Ende zwei Lämmer über die Szene tapsen, laufen und tanzen im Remake zwei Kinder mit den Tänzern Hand in Hand – ein Paradigmenwechsel vom Opferlamm und Friedenssymbol zur hoffnungstragenden Metapher einer möglichen, menschlichen Zukunft.

Der Choreograf als Prophet und Hoffnungsträger? Das Stück sei zwar nach einer intensiven, systematischen Lektüre der Apokalypse entstanden, so Preljocaj, aber es gehe ihm nicht um die Illustration des alten Textes, nicht um das „zwingende Aufbranden von Katastrophen, von irreparabler Zerstörung und vom unmittelbar bevorstehenden Ende der Zeit“, vielmehr interessiere ihn die dem Begriff Apokalypse innewohnende Bedeutung des Enthüllens. Aufspüren was sich unseren Blicken entziehe, was sich in den Windungen unserer Existenz verkrochen habe, was im Gedächtnis unseres Leibes programmiert sei. Symbolisch aufgeladen vom Titel bis zum Finale bedarf es guter Exegeten, da unterscheidet sich das choreografische Experiment nicht von der überlieferten Schrift.

Veröffentlicht am 29.02.2012, von Leonore Welzin in Kritiken 2011/2012

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