KRITIKEN 2011/2012



München

WHATEVER THIS IS...

Der britische Performer Nigel Charnock stellt in München mit „One Dixon Road“ die Muffathalle auf den Kopf


  • Nigel Charnock "One Dixon Road" © © Hugo Glendinning

Wie könnte man Nigel Charnock beschreiben? Laut, schräg, getrieben. In seinem neuen Solo-Abend „One Dixon Road“ – der Name steht für den Ort seiner Kindheit – jagt der britische Performer quer durch seine Vergangenheit, persönliche und tänzerische Lebensstationen und allerlei europäische Klischees. Als einsamer Saxophonspieler, in Trainingsklamotten gehüllt, taucht er auf, um eine Stunde lang in abenteuerlichsten Verrenkungen von einem zum anderen Kostüm zu wechseln und in einer Mischung aus Tanz, Musik und Comedy die Grenze zwischen Realität und Fiktion zu verwischen.

Rechteckige Scheinwerferkegel exponieren ihn mal als Balletttänzer mit weit aufgerissenem Mund und wild gestikulierenden Armen, mal als Neugeborenes am Boden liegend – das sind die einzigen ruhigen Momente in seiner One-Man-Show, Augenblicke des Rückzugs und der kurzen Besinnung. Denn schnell durchbricht er diese wieder, füllt die Bühne mit seiner Energie und lässt keine Möglichkeit der Reflexion aufkommen. Eine Sensation folgt der nächsten in diesem Spektakel. Punkmusik dröhnt aus den Lautsprechern, Leuchtstäbe fliegen durch die Luft, Wasserpistolen richten sich auf das Publikum und wie es zu einem echten Rocker gehört, wird der nackte Arsch in die Luft gereckt. Ein Wahnsinniger mit zerstörerischer Kraft.

Und viel Humor, dafür sind sie ja bekannt die Briten. So geleitet Charnock denn auch durch den Abend: In einer Mischung aus englisch und deutsch (was er ja eigentlich gar nicht spricht) macht er allerlei Anspielungen – Nazis, Shakespeare, Lady Di – und erzählt von seiner Zeit in Paris bei den „arty intelectuals“, dazu gibt es ein paar Nijinsky-Faun-Handbewegungen. Am Ende entschuldigt er sich augenzwinkernd für seinen Rassismus.

Dazwischen liegen massenweise Lieder, quer durch alle Musikgenres: Punk, Klassik, Jazz, Beatles, Mary Poppins, Musical. In der Disko seines Lebens zeigt er als gewiefter Entertainer seinen Weg zum Tanz in all seinen Facetten. Ballett, Riverdance, Show, Headbanging. Was er überhaupt hier will? Er suche nach Liebe, erklärt der Mitbegründer des DV8 Physical Theatre. In Form einer Gummipuppe – die man bereits aus deren Film „Enter Achilles“ kennt – hat er sie, besser ihn, bereits gefunden. Dieses Kapitel darf natürlich nicht fehlen: Abwechselnd mimt er den Schwulen oder die Transe in Glitzer-Stöckelschuhen und Langhaarperücke. Albern wirkt er jedoch nie. Dafür nimmt er sich viel zu wenig ernst, ruft „Life is a cabaret“ aus und verzerrt jede Begebenheit ins Groteske.

Fast zu lange hat er die Nerven manch eines Zuschauers strapaziert, als der Satz „I'm dancing, you fuckers!“ kommt. Schnell fügt er einige Schritte und Sprünge an. Das Fachpublikum soll ja auch auf seine Kosten kommen, die Erwartung bei einer Tanzperformance Tanz zu sehen, muss erfüllt werden. Nicht einmal darüber wird man sich nach diesem Abend beschweren können. Am Ende durchschüttelt es seinen ganzen Körper, die Zeitreise ist vorbei. Und er verschwindet, wie er gekommen ist, als einsamer Saxophonspieler in Trainingsklamotten.

Über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten. Man mag sich verarscht, als dumm verkauft fühlen (weshalb wohl auch einige Zuschauer während der Performance aufstehen und gehen), doch unterhalten kann er über eine Stunde lang. Und das Publikum dankt es ihm mit Standing Ovations.

www.jointadventures.net

Veröffentlicht am 27.01.2012, von Miriam Althammer in Kritiken 2011/2012

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