KRITIKEN 2011/2012



Hamburg

REFLEXIONEN ÜBER DIE ZWEIHEIT

Die Hamburger Tänzerin und Choreografin Antje Pfundtner zeigt auf Kampnagel ihr neuestes Stück: „Vertanzt“


  • Antje Pfundtner und Silke Hundertmark Foto © Kampnagel

Als „Spiel mit der Zahl Zwei“ wird Antje Pfundtners neuestes Werk angekündigt – am 17. November hatte es in der Hamburger Kampnagelfabrik Premiere. Und tatsächlich steht der Dualismus in allen Schattierungen im Mittelpunkt der 75-minütigen Produktion für zwei Tänzerinnen: Antje Pfundtner selbst und Silke Hundertmark, ebenfalls aus Hamburg.

„Der menschliche Körper besitzt viele Körperteile zweimal, wir wurden in zwei Geschlechter geteilt, Zwei ist die magische Zahl in der Kernphysik, Zwei ist die erste Mehrheit und daher die erste wirkliche Zahl, die Zwei führt den Dualismus ein, die Zwei weist auf die Doppelnatur des Menschen hin und zu zweit soll es gewöhnlich schöner sein“, heißt es zur Begründung für das Stück im Programmzettel.

Dennoch beginnt es mit dem Satz „Aller guten Dinge sind drei“, und es endet in der Einsamkeit des Alleinseins – da setzt sich Antje Pfundtner auf einen Eisenträger, der aus der Wand der ehemaligen Maschinenfabrik ragt, wie ein Vögelchen auf der Stange, punktförmig angestrahlt von einem Scheinwerfer. Zwischen diese beiden Pole reiht Antje Pfundtner gemeinsam mit Silke Hundertmark eine Kette von Beispielen über das, was das Leben zu zweit so mit sich bringt, und zwar in allen Schattierungen. Das Verbindende, Gemeinsame, Kongruente wird ebenso beleuchtet wie das Trennende, Abstoßende, Widersprüchliche. Antje Pfundtner entfaltet dabei eine witzige, bodennahe Bewegungssprache, die dem Stück bei aller Tiefgründigkeit eine seltsame Heiterkeit verpasst.

Eine besondere Rolle spielt ein Stoffpapagei, der zwischen den beiden Tänzerinnen hin- und hergeworfen wird und als Projektionsfläche dient für alles, was sich nicht in Bewegung und Sprache ausdrücken lässt. Mal sitzt er bei einer der Protagonistinnen auf der Schulter, mal wird er quer durch den Raum gepfeffert, oder er thront am Rande eines kleinen Spiegels. Ansonsten kommt das Stück mit wenig Requisiten aus: Ein Polstersessel begrenzt die Bühnenfläche links hinten, drei dünne, mit schwarzer Folie umwickelte Baumgerippe an der rechten Seite. Die Tänzerinnen bewegen sich anfangs wie Schulmädchen in dunkelblauer Bluse und ebensolchem Rock, dessen sie sich im Verlauf des Stücks dann entledigen. Einzige Kleidungsattraktion ist ansonsten ein langer Umhang mit Schleppe, den zahlreiche Hühner- und Pfauenfedern zieren und den von beiden Tänzerinnen würdevoll durch den Raum tragen.

Immer wieder durchzieht Antje Pfundtner ihr Stück mit Wortspielereien, mal witzig, mal nachdenklich, mal nonsense. Meist enden sie in stakkatohaften Satzfetzen, die sich ständig wiederholen, mit der Stimme verzerrt und auf diese Weise musikalisch-lautmalerisch eingesetzt werden und die Bewegungen unterstreichen: „Once upon a time there was a dead bird. There it comes again, the dead bird.“ – „Immer wenn du da bist... und dann bist du tot“, „Das machen Vögel, weil sie denken, dass sie dann nicht so alleine sind“, „Wir sind da in etwas hineingeraten, wir fangen nochmal an“, „Redest du mit mir?“, „Ich komme wieder“, „Und auf den Bäumen vor dem Schloss regte sich kein Blättchen mehr“, „Ungefähr so muss sie es gemacht haben“, „Ich erinnere das anders“, „Nscho-Tschi, sagt Winnetou, wo bist du nur gewesen?“, „Ich suchte meinen Umhang in der Prärie“, „Das ist eine Szene, auf die können wir immer zurückgreifen“...

Es ist ein Stück, aus dem man ebenso heiter wie nachdenklich wieder herauskommt – und gerne noch weiter über die Fragen der Zweisamkeit sinniert. Warum Antje Pfundtner dafür den Titel „Vertanzt“ gewählt hat, erschließt sich jedoch nicht so recht, und es war letztlich auch egal. Die Zuschauer in der gut gefüllten K1 applaudierten begeistert.

Weitere Vorstellungen: 23.-26.11., jeweils 20 Uhr in der Kampnagelfabrik Hamburg, Jarrestraße 20, Kartentelefon 040-27094949 (www.kampnagel.de), sowie von 26.-28. Januar 2012 (jeweils 20 Uhr) in Düsseldorf im FFT Juta, Kasernenstraße 6, Kartentelefon 0211-87678718 (www.forum-freies-theater.de).

Veröffentlicht am 20.11.2011, von Annette Bopp in Kritiken 2011/2012

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