KRITIKEN 2011/2012



Leipzig

TONSTÖRUNGEN UND WELTDISHARMONIEN

Impressionen vom 21. Theaterfestival euro-scene Leipzig


Tonstörung, das diesjährige Motto der euro-scene Leipzig, meine nicht allein Missklänge in der Musik, sagt Festivaldirektorin Ann-Elisabeth Wolff: Allgemeiner gehe es darum, Störungen in der Gesellschaft, der ästhetischen Form von Kunst aufzuzeigen. Mit 12 Gastspielen aus 12 Ländern in 25 Vorstellungen auf den Bühnen von 10 Spielstätten war die 21. Ausgabe des Festivals für Theater, Tanz, Performance, Experiment zur Beweisaufnahme angetreten. Ob alle Gastspiele, mit rund 7200 Zuschauern zu fast 96 Prozent ausgelastet, den gesteckten Rahmen ausfüllten, darüber darf gestritten werden; vielfältige Annährungen an das Thema gab es allemal zu sehen. So verblüfften Dragana Bulut aus Belgrad, Maria Baroncea und Eduard Gabia aus Bukarest mit ihrer Performance „E.I.O“, was immer das heißt. Kurzerhand drehten sie den Spieß um: Die Besucher waren gefragt, Zuschauer oder Akteur zu sein. Den Akteuren stand eine Szene voller Utensilien zu Gebote: Holz, Schlauch, Matte, Klebeband, Farbe, Papier, mit denen sie kreativ umgehen mussten. Am Schluss des einstündigen, bei einem türkischen Festival preisgekrönten Happenings hatten die Spieler in demokratischem Miteinander den Raum in eine so nie wieder herstellbare Installation verwandelt, sich erfahren und immer mehr Publikum spontan einbeziehen können. Klammer und gleichsam Störung: ein junger Mann, der mit stürzendem Körper die diversen Gebilde demolierte. Chaos als Endzustand der Welt.

Diese Philosophie setzte „Antiza“ fort, Branko Brezovec‘ Musiktheater aus der mazedonischen Stadt Prilep. Der kroatische Regisseur erzählt in vier Akten vom Mädchen Antiza, das einem alten reichen Mazedonier gegeben werden soll, doch einen armen jungen Albaner liebt. Obwohl ein literarisches Genre vom Ende des 19. Jahrhunderts die Basis bildet, glaubt man sich in einem Gegenwartsstück: So aktuell werden ethnische Konflikte zwischen Mazedoniern, Griechen, Albanern, Türken abgehandelt. Marjan Nekak hat für den Stoff eine plastisch pathetische Komposition geschaffen, die, auch durch Kire Miladinoskis Choreografie, die Inszenierung mit der Kraft eines Oratoriums, der Wucht einer griechischen Tragödie ausstattet. Für das Spiel auf drei Ebenen war die Sakralarchitektur der Peterskirche idealer Ort. Eines der stärksten Theatererlebnisse der letzten Jahre: Chorische Archaik trifft auf überwältigende Bildfindung und überzeugende schauspiel-sängerische Leistungen.

Aus Prag kam die in London geborene Andrea Miltnerová mit zwei unterschiedlichen Choreografien. „Pentimento“ meint Veränderung und steht hier für den Umgang von fünf Frauen mit der barocken Tanzform. Zu einer Sonate von Jean-Baptiste Barrière geht es um die Anverwandlung typischer Handgestik, das Spiel von Frage und Antwort im Tanz, den Raumklang der Körper untereinander, ihre Stellung im choreografischen Fluss. Die Rückkehr der Frauen in die Gegenwart, unter Abwerfen der bauschenden Röcke und zu Musik von Jan Komárek, bringt keine neuen Erkenntnisse: Ähnlich bleibt das Bewegungsmaterial. Die Störung gemäß dem Motto des Festivals vollzieht Miltnerová mit „Fractured“, dem brillanten Solo, das sie in engem Lichtkarree als vorgebeugt gebrochenen Körper zeigt, fast nackt im zuckenden Spiel ihrer aufgestützten Extremitäten. Das Extreme testender Mensch ist sie und Insekt bei der Ortung im Raum. Klang, Licht, Bewegung, Interpretation schufen die surreale Studie eines höchst realen Gestörtseins.

Gestört ist auch Ilsebill in ihrem permanenten Unzufriedensein und damit, außer Grimms Märchenfigur, Mensch unserer Tage. So jedenfalls hat Berndt Stübner „Der Fischer und seine Frau“ als frisches, bezauberndes Kindertheater inszeniert. Als ihrem Mann Bill der Goldfisch an die Angel gerät, will Ilsebill Lehrerin, Königin, dann, geschrumpft, Kaiserin werden, ohne geeignet zu sein. Das merken auch die Zuschauerkinder rasch und agieren rege mit. Werner Stiefel führt den Goldfisch und hat Melanie Schmidli, Alexander Range turbulent choreografiert. Singend zu Tilo Augstens eingängig angejazzter Musik live vom Klavier und ambitioniert spielend befördern sie glaubhaft die Story mit der unaufdringlichen Moral.

Was lief noch? Josef Nadj aus Orléans begab sich auf Zeitreise in die Welt der Samurai und des Zen-Buddhismus; die Bitternis des Krieges thematisierte das SounDrama Studio Moskau in einer Frau, der nichts geblieben ist als das Maschinengewehr ihres gefallenen Sohnes; von brutalen Sexmorden erzählte mit Mensch und Puppen Gisèle Vienne aus Grenoble; mit Flamenco entflammte Israel Galván aus Sevilla. She She Pops „Testament“ umspielt König Lear; Tanz aus Aarhus kombiniert zwei Männer und Musik von Mahler; Guilherme Botelhos grandioses „Sideways rain“ war finaler Tanzglanzpunkt.

Weniger glänzend fiel die Eröffnung aus: Für Matjaz Faric und Ivo Dimchev war das Gewandhaus eher kein perfekter Ort. Den richtigen hatte Direktorin Wolff im brachliegenden Ring-Café entdeckt. Hier präsentierten sich von den 88 internationalen Bewerbern jene 20, die sich fürs „Beste deutsche Tanzsolo“ qualifiziert hatten. Christine Borch, Dänin aus Berlin, gewann mit einer existenziellen Etüde aus Röcheln und nacktem Fleisch; dem Publikum gefielen in hochkarätiger Konkurrenz am meisten die Kölner Koreanerin In-Jung Jun und ihr auch gedanklich furioses Spiel mit Zimbeln.

Veröffentlicht am 18.11.2011, von Volkmar Draeger in Kritiken 2011/2012

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