KRITIKEN 2011/2012



Chemnitz

DER TOD TANZT MIT

„Anna Karenina“ als opulentes Handlungsballett in Chemnitz


Gleich zu Beginn ein tödlicher Unfall. Anna Karenina kommt in Moskau auf dem Bahnhof an und ein verunglückter Arbeiter stirbt zu ihren Füßen. Später, als das Liebesdrama im unlösbaren Dreieckskonflikt zwischen Anna, ihrem Mann und dem Offizier Wronski schon in unaufhaltsamem Unglück dahinjagt, stirbt auf einem ländlichen Sommerfest der unglückliche Trinker Nikolai. Am Ende, wir hören nur das Herannahen eines Zuges, stürzt sich Anna Karenina in den Tod.

In Jochen Ulrichs Ballett, uraufgeführt vor einem Jahr am Landestheater Linz und jetzt mit dem Ballett des Theaters Chemnitz neu einstudiert, hat Anna von Beginn an einen Begleiter. Enrico Plavarini tanzt diesen sonderbaren Typen, dessen Anwesenheit eigentlich in kein Bild der vielen Stationen des Ballettdramas nach Leo Tolstois Roman passt, als kraftvoller Charakterdarsteller. Mal richtet er auf, was umgeworfen wurde, mal übernimmt er den Part eines Begleiters, manchmal aber ist er nur da. Während alle anderen Tänzerinnen und Tänzer in edler Eleganz der Kostüme von Marie-Therese Cramer glänzend posieren dürfen, verdeckt bei ihm nur ein so gut wie durchsichtiges, dunkles Material die nackte Haut. Dass alle anderen unter ihren Roben zu verbergen wissen, wie verletzlich sie sind, wie sie ihre Haut zu schützen suchen und sich doch immer wieder bloß stellen, wird im Verlauf der Stationen dieses Dramas deutlich. Alexandra Pitz hat dafür einen halbrunden Einheitsraum gebaut, durch dessen hohe Fensterfront der Blick weit hinaus gehen kann, und in dem Raum ist für die vielen Schauplätze. Ein Bahnhof, ein Salon, ein Ballsaal, das Haus der Karenins oder ein ländliches Sommerfest von Tschechows Gnaden, werden durch wenige Requisiten, Kostüme oder bewegte Zeichen phantasievoll markiert.

Wichtiger aber ist, dass sich hinter den Fenstern, in der Weite der Bühne des Chemnitzer Opernhauses eine Klanglandschaft ausbreitet. Hier spielt die Robert-Schumann-Philharmonie unter der Leitung von Domonkos Héja die zweite und dritte Sinfonie von Sergej Rachmaninow und zu den letzten Bildern des zweiten Aktes dessen Sinfonische Dichtung „Die Toteninsel“. Drei eher elegische Werke mit dunklem Grundgestus erklingen in der ersten Aufführung nach der Premiere in hervorragender Interpretation. Hier wird so sensibel musiziert, dass die Musik die Menschen zu umhüllen scheint, dass im Zusammenklang der Melodik und der Bewegung die konkrete Handlung sich öffnet und die Gedanken auf ein weites Feld der Assoziationen geführt werden.

Auch wenn nicht alle der Gesellschaftsszenen auf den Bällen oder auf dem Lande von gleicher, überzeugender choreografischer Form sind, die drittgrößte Kompanie Sachsens mit ihren 24 Tänzerinnen und Tänzern zeigt sich bestens und meistert die gewählten Formen, die sowohl der neoklassischen Tradition ohne Spitzentanz, als auch gelungenen Kombinationen expressiver Varianten moderner Ausdrucksformen, verpflichtet sind. Dies gilt besonders für Anne Frédérique Hoingne in der Titelpartie. Beherrschte Eleganz, verzweifelte Zerrissenheit, Überschwang des Gefühls in Begegnungen mit dem geliebten Wronski und tödliche Ausweglosigkeit weiß sie bewegend und technisch versiert darzustellen. Lässig und sportiv, im Wechsel von Unnahbarkeit und verführerischem Draufgängertum, tanzt Erkan Kurt als Wronski den Mann, dem ihre nicht zu erfüllende Sehnsucht gilt. Große Momente hat Emilijus Miliauskas als Karenin, immer in distanziertem Schwarz, auch in den wohlüberlegten Gesten zwanghafter Genauigkeit mit dem Höhepunkt seines Tanzes zu den Toteninselklängen, wenn er mit harten, eckigen Bewegungen die Schmerzen seiner Einsamkeit schneidend und scharf akzentuiert. Eine anrührende, tragische Charakterstudie gibt Leonardo Guilherme da Silva als todgeweihter Trinker Nikolai Lewin. Trotz kleiner Einwände, ein großer Abend für das Ballett in Chemnitz mit seiner ganz eigenen Farbe im weit gespannten sächsischen Spektrum des Tanzes.

Nächste Aufführungen: 05.11., 16.11., 09.12., 17.12.

Informationen: www.theater-chemnitz.de

Veröffentlicht am 01.11.2011, von Boris Michael Gruhl in Kritiken 2011/2012

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