KRITIKEN 2011/2012



Zürich

VOM DORN- ZUM DROGENRÖSCHEN

Das Zürcher Ballett tanzt „Dornröschen“ von Mats Ek zu Tschaikowskys Musik


Heinz Spoerli hat seit 1996 mit seinem Zürcher Ballett die meisten abendfüllenden Klassiker des 19. Jahrhunderts neu choreografiert und maßvoll erneuert: Zunächst „Giselle“, dann „Nussknacker“, „Coppélia“, „Schwanensee“, „Don Quixote“, „Raymonda“. Noch fehlte „Dornröschen“. Wer nun aber glaubte, Spoerli werde mit diesem 1890 von Marius Petipa uraufgeführten Tschaikowski-Werk in seiner letzten Spielzeit das Repertoire noch abrunden, der täuschte sich. „Dornröschen“ hatte zwar am 24. September am Zürcher Opernhaus Premiere – aber in der eigenwilligen Fassung des Schweden Mats Ek.

Dieses von Ek 1996 für das Hamburg Ballett kreierte, seinerzeit mit Bravos und ebenso vielen Buhs quittierte Werk, wurde bald einmal vom schwedischen Cullberg Ballet übernommen. Sonst stand es aber selten auf einem Spielplan (im Gegensatz zu Eks legendärer „Giselle“ von 1982). Erschien es den Programmgestaltern zu poppig, zu verquer, zu unmusikalisch? Und nun das: Eks „Dornröschen“, inzwischen etwas überarbeitet, weckte am Zürcher Opernhaus helle Begeisterung.

Eks „Dornröschen“ beginnt in den Fünfzigerjahren des letzten Jahrhunderts. Das Königspaar, dem ein Kind – in Form eines weißen Eis - geboren wird, wirkt kleinbürgerlich, aber tanzlustig und erotisch animiert. Neben dem Kind und dem Liebemachen sind Ausfahrten mit einem alten VW-Käfer sein größtes Vergnügen. Das heranwachsende Mädchen muss mit, gebärdet sich aber ziemlich bockig. Statt die Natur zu genießen, sammelt es mit jungen Männern erste Erfahrungen, die auch aus eigenem Antrieb nicht so keusch sind wie bei Petipas Aurora. Dazu erklingt das berühmte Rosen-Adagio.

Wie im Märchen begleiten mehrere Feen mit ihren guten Wünschen das Kind. Sie tanzen in wechselnder Gestalt an. Vor der Geburt als Frauen in goldenen, silbernen, smaragdgrünen oder rubinroten Kleidern (Balanchines „Jewels“ lassen grüßen), später als Krankenschwestern, Schneeräumerinnen oder Animierdamen. Auch die böse Fee Carabosse fehlt nicht. Sie verurteilt Dornröschen ja dazu, dereinst von einer Nadel gestochen und in tödlichen Schlaf versetzt zu werden. Das geschieht dann auch – durch die Nadel einer Rauschgiftspritze. Angefixt wird die 16-Jährige durch einen Mann namens Carabosse, der das Mädchen nicht nur von Drogen, sondern auch von seiner dämonischen Liebe abhängig macht.

Das Paar Aurora/Carabosse war bei der Zürcher Premiere wunderbar besetzt: Aurora mit Yen Han, dieser hoch klassischen Ballerina, die sich Eks Tanzsprache wie schlafwandlerisch angeeignet hat, und dem virilen Vahe Martirosyan. Auch die andern Tänzerinnen und Tänzer haben sich Eks Stil einverleibt, darunter die vier Feen (Sarah-Jane Brodbeck, Constanza Perotta Altube, Irmina Kopaczynska, Giulia Tonelli) oder die drei Kavaliere (Ty Gurfein, Artur Babajanyan, Jiayong Sun). Die meisten Rollen wurden übrigens doppelt einstudiert. So wird auch die junge Schweizerin Nora Düring die Aurora tanzen. Ihr und Vahe Martirosyan hatte Heinz Spoerli in der letzten Spielzeit die Hauptrollen in seiner Choreografie „Der Tod und das Mädchen“ anvertraut.
An Eks Stil fällt sein schräger Expressionismus auf, die breitbeinigen unterleibsbetonten Bewegungen, die bodennahen Sprünge oder Hebungen. Dazu fährt vibrierende Energie kreuz und quer durch die Körper und bis in die Fingerspitzen. Die Tänzerinnen tragen Sneakers oder Schläppchen, sind manchmal auch barfuß oder brillieren auf Spitze – letzteres allerdings nur parodistisch in einem weißen Pas de six.

Die Choreografie enthält auch etliche Komik – etwa den Auftritt einer Großmutter (Vittoria Valerio), welche die Pause ankündigt und später samt neun gleich aussehenden Kolleginnen mit ihrer Handtasche herumfuchtelt. Da erinnert man sich unwillkürlich an Mats Eks Mutter, die große Birgit Cullberg, die immer mit einer Riesentasche unterwegs war und dort ihr halbes Leben versteckt zu haben schien.

Und wie spielt sich „Dornröschens“ zweiter Teil ab? Ziemlich schlimm, ohne Happy End. Aus dem Publikum rennt ein Mann namens Prinz Désiré auf die Bühne, stößt faschistische Sprüche aus. Später streckt er Carabosse mit vielen Schüssen nieder, eignet sich Aurora an, heiratet sie. Und ist dann doch einigermaßen entsetzt, als deren Kind – wiederum in Form eines Eis – so bläulich ist wie Carabosses Pullover. In der Hamburger Uraufführung war das Ei übrigens schwarz, weil der damalige Carabosse Gamal Gouda dunkelhäutig ist.

Immer noch gewöhnungsbedürftig ist die Verwendung von Peter Tschaikowskys „Dornröschen“-Ballettmusik. Denn Ek stellt nicht nur die Abfolgen um, sondern verlangt auch einen recht rabiaten Einsatz der Instrumente. In Hamburg und beim Cullberg Ballet begnügte man sich mit Tonbandaufnahmen. In Zürich dagegen spielt das Opernorchester unter Rossen Milanow live, so unzimperlich wie verlangt, aber trotzdem sinnlich und farbig. Auf das Motiv der Drogensucht, der Aurora verfällt, soll Mats Ek übrigens in Zürich gekommen sein. In den frühen Neunzigerjahren hatte ihn der damalige Ballettchef Bernd Roger Bienert zweimal für eine Stück-Einstudierung ans Opernhaus eingeladen („Gras“ und „Alte Kinder“). Dabei lernte Ek in der Stadt die damalige offene Drogenszene kennen, die ihn aufwühlte. Inzwischen ist diese Szene in Zürich kleiner oder zumindest versteckter geworden.

www.opernhaus.ch

Veröffentlicht am 26.09.2011, von Marlies Strech in Kritiken 2011/2012

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Kommentare zu "Vom Dorn- zum Drogenröschen"



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