LEUTE



Hamburg

DIE SONNE IN SICH SELBST FINDEN

Interview mit Joëlle Boulogne


  • "7 Haiku of the Moon": Alexandre Riabko, Joëlle Boulogne und Thiago Bordin.Foto Foto © Holger Badekow
  • "Othello", Joëlle Boulogne als Emilia, Ivan Urban als Jago Foto © Holger Badekow
  • "Ein Sommernachtstraum" als Hippolyta/Titania, mit Ivan Urban Foto © Holger Badekow
  • "Die Kameliendame" Foto © Holger Badekow
  • Als Blanche in "Endstation Sehnsucht" mit Dario Franconi Foto © Holger Badekow
  • "Illusionen - wie Schwanensee" Foto © Holger Badekow
  • Joëlle Boulogne als Hamlets Mutter in "Hamlet", mit Ivan Urban als Hamlet Foto © Holger Badekow

Am 10. Juli 2011, bei der Nijinsky-Gala zum Abschluss der letzten Spielzeit, öffnete sich der Vorhang der Hamburgischen Staatsoper zum letzten Mal für Joëlle Boulogne (43), die langjährige Erste Solistin des Hamburger Balletts. 17 Jahre lang war sie eine der wichtigsten Charakterdarstellerinnen. Wie fühlt sie sich jetzt, wenn sie zurückschaut auf diese große Karriere? Was hat sie vor, wie bewältigt sie den Übergang von der gefeierten Primaballerina in ein neues, ganz anderes Leben? Fragen, auf die sie im Gespräch mit Annette Bopp sehr offene Antworten gab.
Joëlle, wie kam es zu dem Entschluss, im Sommer 2011 der Bühne Adieu zu sagen? Es war im Grunde eine Erkenntnis, die sich über mehrere Monate hinweg angebahnt hat. Schon in der Weihnachtszeit, wo wir immer besonders viele Vorstellungen tanzen, war ich sehr müde. Das steigerte sich dann bis Februar noch weiter, ich habe in dieser Zeit so viel getanzt wie in der ganzen Spielzeit davor nicht – über 40 Vorstellungen, darunter viele große und anspruchsvolle Rollen: Prinzessin Natalia in „Illusionen – wie Schwanensee“, Blanche in „Endstation Sehnsucht“, „Dances at a Gathering“ von Jerome Robbins, Louise im „Nussknacker“. Ich war einfach müde, unendlich müde. Das ist im Februar allerdings immer so, die ganze Kompanie ist müde, wir haben anstrengende Monate hinter uns, und dann ist auch noch das Wetter immer nur kalt und nass... Aber dieses Jahr war es für mich anders, es war mehr als eine vorübergehende Erschöpfung. Ich hatte mehrfach erlebt, dass ich nach einer Vorstellung nicht zufrieden mit mir war, ich war von mir selbst enttäuscht. Nach einer Aufführung von „Nussknacker“ dachte ich zum ersten Mal: Wenn ich mich so fühle, sollte ich das nicht mehr tanzen, dann ist es nicht mehr richtig. Denn ich hatte alles gegeben, aber es war nicht genug. Ich kam nicht mehr an den Punkt heran, den ich erreichen wollte und von dem ich wusste, dass ich ihn früher erreicht habe. Ich habe es kräftemäßig einfach nicht mehr geschafft. Das war der Moment, wo dieser Entschluss in mir reifte, im Sommer aufzuhören. Wäre es nicht möglich gewesen, einfach die ganz schwierigen Rollen auszulassen? Nein. Ich habe eine Zeitlang an so eine Lösung gedacht, aber das dann doch schnell wieder verworfen. Das Hamburg Ballett ist keine Kompanie, wo man sagen kann, ich tanze dies oder das, aber nicht mehr jenes. Wenn jemand krank wird, gibt es keine Zeit, die Rolle neu einzustudieren oder an jemand Jüngeres weiterzugeben. Da müssen diejenigen einspringen, die den Part beherrschen. Man muss immer und jederzeit bereit sein, alles zu tanzen, einfach, weil du nie weißt, was passiert. Es hätte also sein können, dass es doch wieder zu viel wird – ich kann keine halben Sachen machen, und ich glaube auch nicht, dass man wirklich richtig in Form bleiben kann, wenn man nicht sehr hart arbeitet. Je weniger man sich fordert, desto weniger mutet man sich zu, und so geht es langsam bergab. Und ich wusste, das wäre nicht gut für mich, das entspricht nicht meinem Charakter. Ich will immer 100 Prozent geben – alles oder nichts. Natürlich geht das auch bei leichteren Rollen, aber wäre ich damit wirklich glücklich? Wäre ich nicht frustriert, wenn ich sehen müsste, wie andere meine Rollen tanzen, und ich selbst kann es nicht mehr? Ich wäre nicht eifersüchtig, aber eben doch enttäuscht, weil ich genau weiß, wie es sich anfühlt, diese Rolle zu tanzen. Ich möchte nicht erkennen müssen: dazu habe ich keinen Zutritt mehr, das kann ich nicht mehr. Es ist besser, einen klaren Schnitt zu machen anstatt zwischen den Stühlen sitzen. Immer nur zuschauen und abwarten – werde ich dies tanzen oder jenes, werde ich gebraucht oder nicht? Damit wäre ich nicht glücklich geworden. Und ich denke, dieses Glücksgefühl ist wichtig. Für mich ist es wichtig. In meiner Karriere war ich extrem glücklich, extrem gestresst, extrem alles, aber ich kann keine halben Sachen machen. Aber Sie haben noch alle großen Rollen getanzt? Ja, natürlich, und sie haben mich immer ganz und gar erfüllt. Das war genau einer der Gründe, warum ich mich entschieden habe. Wenn ich diese Rollen weiter getanzt hätte, hätte ich sie vergeudet, einfach, weil ich dafür nicht mehr stark genug gewesen wäre. Natürlich kann man als erfahrene Tänzerin Technik durch Ausdruck und Reife ersetzen, ich weiß das aus eigener Erfahrung, meine Basis ist nicht nur die Technik. Aber ich glaube, diese Ausstrahlung kann nur entstehen, wenn man sich seiner Technik sicher ist. Sie gibt die Gewissheit, dass man sich überhaupt künstlerisch ausdrücken kann. Und ich hatte Angst, dass ich diesem Anspruch nicht mehr gerecht werden könnte, dass ich das Stück beschädige, weil ich die Rolle nicht mehr so ausfüllen kann, wie es nötig wäre. Dieses Gefühl bin ich nicht mehr los geworden, es handelte sich eben nicht nur um eine vorübergehende Erschöpfung. Wann haben Sie Ihren Entschluss gefasst? Anfang März 2011. Ich habe in den zwei Wochen Ferien im Februar mit verschiedenen Leuten gesprochen, alles ehemalige Tänzer, die diesen Schritt schon hinter sich hatten, alte Freunde von mir. Und sie sagten: Natürlich wird es hart, aber es ist noch schwieriger, sich nicht zu entscheiden. Jeder Tänzer muss diesen Schritt irgendwann tun. Und ich gehöre noch zu den Glücklichen, die nicht aufgrund einer Verletzung gezwungen werden aufzuhören, ich habe alles erreicht, was ich wollte. Und jetzt war es eben soweit, dass ich diesen Schritt gehen musste. Haben Ihnen die Gespräche mit den ehemaligen Kollegen die Entscheidung erleichtert? Ja, sie haben mich dazu ermutigt. Sie haben mir klar gemacht, dass es ein Leben gibt nach dem Tanz, oder besser: ein anderes Leben mit dem Tanz als das auf der Bühne. Das hat mir wieder Optimismus gegeben. Ich könnte zum Beispiel eine gute Lehrerin sein und das weitergeben, was ich in all den Jahren lernen durfte. Das ist eine wertvolle und wichtige Aufgabe, die einen sehr erfüllen kann. Und so habe ich mir gesagt: OK, anstatt noch ein Jahr unentschieden zu sein, sollte ich alle meine guten Energien bündeln, die ich jetzt in mir habe, Klarheit schaffen und mir eine Zukunft als Ballettmeisterin oder -lehrerin aufbauen. Ich will ja nicht das Ballett vergessen, ich habe viel zu geben. So ist es in einer Weise ein Abschluss, aber auch eine Fortsetzung, eine Kontinuität, nur auf anderer Ebene. Das heißt, Sie lassen sich jetzt zur Ballettmeisterin ausbilden? Zuerst zur Ballettlehrerin, und später dann zur Ballettmeisterin – weil man da mehr am Stück selbst arbeitet, mit dem Choreografen oder an einem Stück aus dem Repertoire. Als Ballettlehrerin unterrichtet man die Grundlagen des Tanzes an der Schule, die Technik, man analysiert die Bewegung, man erklärt, wie man den Fuß oder den Arm oder den Körper halten muss. Dafür muss man auch etwas wissen über Anatomie, Physiologie, solche Dinge. Ich würde später aber gerne mehr mit der Choreografie arbeiten. Trotzdem ist mir auch der Unterricht wichtig. Haben Sie damit schon Erfahrung? Ich habe letztes Jahr in meiner alten Schule in Cannes unterrichtet, und ich liebte es! Das war ganz neu für mich. Die Direktorin sagte: Joëlle , du solltest es einfach probieren, du hast Talent dazu. Du weißt so viel über dich selbst, das sieht man, wenn man dich tanzen sieht. Also vertraue dir und tu es einfach. Ich habe dann mit Schülerinnen gearbeitet, ich habe ihnen nicht nur Schritte beigebracht, sondern wirklich mit ihnen gearbeitet. Und da habe ich gespürt: das gefällt mir. Ich hatte nicht damit gerechnet, ich habe wirklich etwas Neues an mir entdeckt. Was war dieses Neue? Die Freude daran, eine Saat aufgehen zu sehen. Man steckt einen Setzling in die Erde, und man kann sehen, wie die Blätter wachsen. Diese jungen Menschen sind wie Schwämme, sie saugen alles auf. Ich war lange Zeit in keiner Schule mehr. Wenn man in einer Kompanie tanzt, dann hörst du, was die Ballettmeister sagen – oder du hörst es auch nicht. Aber wenn du diesen Kindern eine Korrektur gibst, dann üben sie und üben und üben. Sie machen so schnell Fortschritte. Und am nächsten Tag kannst du einen Schritt weitergehen. Vermutlich ist es nicht jeden Tag so, aber es ist wunderbar, diese Entwicklung zu sehen und zu wissen, dass sie dir und dem, was du sagst, hundertprozentig vertrauen, das ist großartig. Du weißt: du darfst ihnen nichts Falsches sagen, denn sie werden das für bare Münze nehmen, sie können noch nicht beurteilen, was gut oder schlecht ist für sie. Sie sind darin ganz und gar von dir abhängig. Diese Arbeit mit den jungen Menschen hat mir richtig gut gefallen. Werden Sie die Bühne nicht trotzdem vermissen? Doch, natürlich. Ich habe die Bühne sehr geliebt. Und ich liebe es auch, Vorstellungen aus den Gassen zu beobachten, das Kommen und Gehen. Es ist eigenartig: während meiner ganzen Karriere wollte ich nie im Publikum sitzen. Ich fühle mich unwohl, wenn ich im Zuschauerraum bin, ich gehöre nicht in diese Welt, ich bin dann so weit weg von meinen Kollegen. Natürlich werde ich diese Bühnenatmosphäre vermissen. Schrecklich vermissen. Aber das gehört zu dieser Entscheidung dazu. Ihr Lebensgefährte hat einmal im Zusammenhang mit Ihrem Bühnenabschied gesagt: „Jetzt wird sie wirklich zu sich selbst kommen.“ Was hat er damit gemeint? Er weiß, dass wir im Tanz alles hinter uns lassen, was das Leben so mit sich bringt, alle großen und kleinen Probleme. Wenn Du Schwierigkeiten hast, mit der Steuer, mit deinem Partner, mit was auch immer, dann gehst du zum Training, und du vergisst diese Schwierigkeiten. Ich glaube, er hat damit gemeint, dass mir diese Möglichkeit jetzt nicht mehr offensteht, ich werde stärker auf mich selbst zurückgeworfen sein, ich habe das Ventil Tanz nicht mehr. Vielleicht erklärt sich das am besten an einem Beispiel. Ein guter Freund von mir, er ist auch Tänzer, hat mir von seiner Psychotherapie erzählt. Die erste Frage seines Therapeuten war: „Wer bist du?“ Und dieser Freund konnte nichts anderes sagen als: „Ich bin Tänzer. Ich bin geboren in... und ich komme gerade aus..., und ich tanze.“ Aber wer er wirklich ist, was für eine Person, das konnte er nicht beantworten, oder besser gesagt, es dauerte eine ganze Zeit, bis er das herausgefunden hatte. Was hat das mit der Antwort Ihres Freundes zu tun? Ich denke, er hat das gemeint. Ich werde gezwungen sein, eine Antwort auf diese Frage zu finden: Wer bin ich? Wir identifizieren uns selbst über den Tanz, es ist wie eine Nationalität oder eine Hautfarbe. Tänzer zu sein – das ist nicht das gleiche wie Bankdirektor oder Architekt. Es ist, als würde man ein bisschen vergessen, was für ein Mensch man eigentlich ist. Es ist schwierig zu erklären. Ich denke, der Tanz war in jeder Lebenssituation auch eine Art Therapie für mich. Ich arbeitete, wenn ich traurig war, wenn ich einen lieben Menschen verloren hatte, an allen diesen Tagen habe ich mit meinem Körper gearbeitet, um loszuwerden, was mich belastete. Wenn ich nervös war oder frustriert oder ärgerlich, dann bin ich zum Training gegangen, und wenn ich wiederkam, war alles besser. Ich habe das, was mich bewegte, nicht mit Worten ausgedrückt oder über eine vom Verstand gesteuerte Analyse. Ich habe getanzt. Und in diesem Sinne frage ich mich natürlich: Weiß ich wirklich, wer ich bin? Denn wenn wir tanzen, verlieren wir uns auch ein Stück weit, wir vergessen, wer wir eigentlich sind. Wir gehen ganz und gar auf im Tanz. Wenn ich jetzt aufhöre, werde ich diese Möglichkeit nicht mehr haben, ich werde stärker auf mich selbst zurückgeworfen sein, ich werde mir selbst anders begegnen. Und was würden Sie selbst auf die Frage antworten: Wer bist du? Ich glaube, ich würde sagen: Ich bin ein kleines Mädchen, das seinen Vater verloren hat. Ich habe mein Leben lang immer Schutz gesucht, Sicherheit. Ich denke, das war für mich das Wichtigste. Das hat mich immer wieder eingeholt, auch hier in Hamburg, sogar in meiner Beziehung zu John Neumeier. Er ist für mich so etwas wie ein spiritueller Vater, eine männliche Autorität, die mich geführt hat, über den Tanz. Ich habe mich selbst besser kennen gelernt über all die Ballette, die ich getanzt habe und in denen John mich besetzt hat, ob sie von ihm selbst waren oder von anderen. Das ist eine sehr entscheidende Signatur in meiner Persönlichkeit, ich war mir dessen bisher gar nicht so richtig bewusst. Manchmal, wenn ich sehr unter Druck bin, werde ich wieder zu diesem kleinen Mädchen. Ich glaube, dieses Gefühl wird mich nie so ganz verlassen. Hat Ihr Vater Sie sehr beschützt? Ja, ich glaube schon. Ich war erst zwölf Jahre alt, als er starb, das ist schon lange her. Es ist schade, dass ich so wenig von ihm weiß. Ja, er war sehr beschützend, beruhigend. Wir haben viel Musik zusammen gemacht. Er hat mir Musiktheorie beigebracht, und das Akkordeonspielen, manchmal haben wir zusammen gespielt, ich habe auch Orgel und Klavier gespielt, er hat sehr auf meine Entwicklung geachtet. Auch im Ballett. Aber davon hat er nur zwei Jahre mitbekommen, ich habe mit zehn Jahren angefangen zu tanzen. Meine Entwicklung als Tänzerin hat er nicht mehr erlebt. Aber Sie haben auch sehr starke Seiten, wenn ich nur daran denke, wie Sie Potiphars Weib getanzt haben in „Josephslegende“! Ja, das stimmt. Ich habe auch diese Seiten. Es sind mehr die Anteile meiner Mutter. Sie ist eine sehr starke Frau. Was es schwierig, diese starken Seiten hervorzuholen? Nein, es war nicht so schwierig, sie zu empfinden, aber es war schwierig, sie tänzerisch darzustellen, physisch. Judith Jamison war groß und stark. Neben ihr habe ich mich wie eine kleine Mücke gefühlt. Natürlich hat John nie gewollt, dass ich so tanze wie sie. Aber es war eine Riesenherausforderung, ich musste alle Energie, die in dieser Frauenfigur steckt, in den Tanz legen. Diese körperliche Intensität war schwierig für mich, aber als ich gemerkt habe, dass ich es tatsächlich kann, war es großartig. Ich musste alles geben, wirklich alles. Es ist genau das, was ich so liebe: ich muss mich ganz und gar leer machen, um all das zeigen zu können. Ich muss völlig aufgehen in dem, was ich dann in diesem Moment bin. Ich spiele das nicht mehr, ich bin es. Und das ist ein fantastisches Gefühl. Welche Rollen waren für Sie am wichtigsten? Es sind so viele! Ich konnte dabei viele Facetten aus mir herausholen, vor allem solche, die ich noch gar nicht an mir kannte. Ich liebe zum Beispiel die Rolle der Stiefmutter in „A Cinderella Story“. Sie ist ne richtige Zicke! Und es ist einfach ein Riesenspaß, auf der Bühne zickig zu sein! Oder Mascha in „Die Möwe“ – ich liebe diese frustrierte, unglückliche Frau, die nicht aus ihrem eigenen Drama herauskommt. Marguerite in „Kameliendame“ – fantastisch! Wie sie die Liebe findet, die wirkliche Liebe, und wie sie sich selbst dafür opfert, wie sie einsam und alleine stirbt, das ist unglaublich. Oder in „7 Haiku of the Moon“, wo die Frau als Seele zurückkommt, wenn ich die Musik höre von Arvo Pärt in diesem letzten Pas de trois, und wenn ich mir vorstelle, diese Frau ist eine Seele, eine Sylphe in ihrem weißen Kimono, das ist so erfüllend. Ich fühle dabei eine ganz tiefe Traurigkeit in mir, etwas Nostalgisches. Ich liebe diese Szene. Ich könnte sie ewig weitertanzen. Sie hat neben dieser Melancholie auch etwas sehr Heiteres, für mich ist diese Mischung atemberaubend. Nicht nur die Schritte, es gibt viele Stücke mit schönen Schritten! Es ist die Mischung – dieses Verschmelzen von Tanz, Musik und Gefühl. Das gibt es nur bei ganz wenigen Choreografen. Bei John habe ich es sehr oft gefunden, er hat die Gabe, diese Magie auf der Bühne herzustellen. Ich wünsche mir, dass jede Tänzerin, jeder Tänzer einmal so etwas erlebt. Es ist ein großes Geschenk. Liegt es daran, dass diese Stelle auch sehr viel Spiritualität in sich hat? Ja. Es ist wie ein kleines Geheimnis, mein ganz persönliches Schatzkästlein. In diesem Moment braucht man alle Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit, derer man fähig ist. Genau das ist mein Ziel, dafür lebe ich, für dieses Gefühl der absoluten Aufrichtigkeit. Solche Momente werden mir sehr fehlen. Aber Spiritualität lässt sich überall finden, wenn man so denkt, wenn man versucht, in jeder Situation aufrichtig zu sein. Das möchte ich auch gerne weitergeben. Ich möchte nicht nur Technik unterrichten, sondern vor allem diese inneren Qualitäten. Ich glaube, das ist gerade für die jungen Tänzer wichtig. Viele von ihnen haben so viel in sich, und es ist wichtig, dass sie lernen, diese inneren Seiten zu zeigen, sie aus sich herauszuholen. Dabei möchte ich ihnen helfen. Das ist sicher nicht so einfach, man muss die richtige Sprache dafür finden. Genau das reizt mich aber – man kann nicht einfach sagen, dass sie spirituell sein sollen, man muss Bilder dafür finden. Ich möchte ihnen dabei helfen, ihr eigenes inneres Schatzkästlein zu entdecken. Und jedes ist auf seine Weise wertvoll. Fällt das mit den Stücken, die John Neumeier Ihnen geboten hat, leichter als mit anderen? Ja, ganz sicher. Johns Werk ist einzigartig. Er ist bekannt dafür, dass er alles sehr genau recherchiert, nichts geschieht bei ihm unüberlegt. Manchmal entsteht diese Magie leichter, manchmal schwerer. „7 Haiku“ ist ein Stück, bei dem sie fast von alleine kommt – durch die Choreografie, die Musik, die Gefühle, die der Tanz in mir auslöst. Jede Bewegung atmet Spiritualität, das ganze Stück ist spirituell. Bei John spielt das immer eine große Rolle, und das hat mich von Anfang an fasziniert. War das der Grund, warum Sie nach Hamburg kommen wollten? Ja, einer der Gründe, auf jeden Fall. Es war für mich ein Schlüsselerlebnis, als John nach Monte Carlo kam, um mit uns „Lieb und Leid und Welt und Traum“ auf das Adagio der 10. Sinfonie von Gustav Mahler einzustudieren. Das hat mich jedes Mal zu Tränen gerührt. Ich mochte diese stillen Szenen viel lieber als die Bravour-Stückchen mit den vielen „Bravos“. Ich habe gespürt, dass ich von John noch viel lernen konnte, dass mir die Arbeit mit ihm viel würde geben können. Und so war es ja auch. War es schwierig, damals von der Solistin wieder ins zweite Glied zurückzugehen, in die Gruppe? Ja und nein. Ich habe so viel Schönes gesehen dabei, mir ist klar geworden, was ich erreichen wollte. Das erste Jahr in Hamburg war unglaublich – ich musste jedes Ballett neu lernen, es waren 16 oder 17 verschiedene Produktionen, ein Alptraum! Du musst das ganze Repertoire lernen, innerhalb eines Jahres! Aber wenn du dann eine Bettina Beckmann siehst, oder eine Gigi Hyatt, eine Chantal Lefèvre, wenn du siehst, wie viel Gefühl und Seele sie in ihren Tanz legen, dann weißt du, warum du all das auf dich nimmst. Sie waren meine großen Vorbilder. Wenn Sie zurückschauen – was haben Sie während Ihrer Zeit in Hamburg vor allem gelernt? Bescheidenheit. Ich glaube, das war am wichtigsten. Ich kam aus Monte Carlo und war schon Solistin, in Hamburg fing ich als Gruppentänzerin an. Ich musste einen Schritt zurück. Ich habe auch in Monte Carlo mit Choreografen gearbeitet, aber nicht viele von ihnen haben mit uns neue Stücke kreiert, meistens haben wir Produktionen übernommen. Deshalb war es für mich so eindrücklich, diese Bescheidenheit zu üben, gegenüber der Kreation und der Inspiration. Denn letztlich sind wir alle ja nur Instrumente für Inspiration und Energie. Es hat gedauert, bis ich mir das klar gemacht hatte. Ich war 24 Jahre alt, als ich nach Hamburg kam. Bescheidenheit war wirklich das wichtigste, was ich hier gelernt habe. Und Aufrichtigkeit. Ein offenes Instrument zu sein für den Choreographen. Marcia Haydée hat einmal über die Arbeit mit John Cranko gesagt, dass sie sich immer wie ein leeres Gefäß gefühlt habe, die sich dann mit seinen Ideen füllte und das dann auf der Bühne zeigte. Ja, genau das ist es. Man kann nie hundertprozentig leer und rein sein, natürlich nicht, man macht sich auch sehr verletzlich, wenn man so leer ist. Man läuft immer Gefahr, dass man mit zu viel Negativem oder Egoismus gefüllt wird, dann kann die Energie nicht fließen. Man kann mit Gutem erfüllt sein, aber auch mit Schlechtem. Und dann tut es weh. Weil man darauf nicht vorbereitet ist in dieser Offenheit. Sie haben viele neue Stücke mit John Neumeier erarbeitet. Was war für Sie dabei am eindrücklichsten? Wie ist es, wenn man etwas völlig Neues beginnt, was noch nie dagewesen ist? Am eindrücklichsten ist das Gefühl, dass wir irgendwie alle miteinander verbunden sind. Am stärksten war es einmal im Ballettsaal bei einer Probe. Wir hatten ein neues Werk erarbeitet, Stück für Stück, einzeln, in verschiedenen Studios. Eines Tages haben wir alle Einzelteile zusammengefügt, und es war perfekt! Es war, als seien wir alle von unsichtbaren Mächten geführt worden, es fügte sich alles zusammen, wie ein Puzzle. Dieses Gefühl, dass wir alle miteinander eins wurden, das war großartig. Wir waren jeder für sich, und alle zusammen ein großes Ganzes. So eine Kreation ist etwas sehr Spezielles. Der Moment, ganz zu Beginn, wenn John von seinem Stuhl aufsteht und anfängt, sich zu bewegen, wenn er die Idee findet, um die es geht, und du versuchst, das in deinen Körper zu übersetzen, in Bewegung. Du übernimmst etwas von dem, was John vorgibt, oder du übernimmst es nicht und schlägst etwas anderes vor. Du arbeitest, und manchmal entstehen in einer Stunde fünf Minuten von einem neuen Ballett, manchmal auch nur 30 Sekunden. Irgendwann kommen alle im Studio zusammen, finden die Verbindung mit den anderen Tänzern, mit der Musik, der Geschichte. Dann kommt das Orchester dazu, die erste Bühnenprobe, das Bühnenbild, die Kostüme. Und schließlich zeigst du das alles zum ersten Mal der Öffentlichkeit, bei der Uraufführung. Dieser Weg von den Ursprüngen bis zur Aufführung – das ist etwas unglaublich Kostbares. Das ist magisch. Sie haben als Einzige außer Marcia Haydée mit John Neumeier „Die Stühle“ getanzt, ein Stück nach Eugene Ionesco, eine Choreografie von Maurice Béjart. Wie war das für Sie? Es war einer der Höhepunkte meiner Karriere. Es hat mich sehr beeindruckt und bewegt, dass John mich dafür ausgesucht hat und mit mir dieses Stück erarbeitet hat. Es war etwas seltsam, mit ihm zu tanzen – er ist schließlich mein Direktor, mein Chef, und nun war er auf einmal mein Partner. Außerdem: es gab weniges, was mich mehr hätte einschüchtern können. Schließlich hatte Béjart das Stück mit Marcia Haydée erarbeitet. Mit Marcia!! Aber der Grund, warum wir es überhaupt getanzt haben, rechtfertigte alles: Maurice Béjart war kurz zuvor gestorben. Ich hatte das Stück nie vorher gesehen, ich kannte nur eine Fernseh-Reportage, in der Béjart über die Arbeit an diesem Stück gesprochen hat, dabei habe ich viel verstanden. Es war wunderbar, mit John an diesem Stück zu arbeiten, für Maurice, und es war etwas sehr Besonderes, es mit ihm zusammen gerade bei diesem Anlass zu zeigen, ihn dabei zu begleiten. Es war, als würde Maurice dabei zuschauen. Sind Sie Maurice Béjart je begegnet? Ja, ich habe ihn zweimal bei der Arbeit beobachten dürfen, als er einen Pas de deux einstudiert hat, aber ich habe nie selbst mit ihm gearbeitet. Aber schon das Dabeisein war großartig. Er war eine sehr eindrucksvolle Persönlichkeit, er hat mir ungeheuer imponiert. Deshalb war es ein sehr besonderer Moment, dieses Stück zu tanzen, für ihn zu tanzen, zu seiner Erinnerung. Was werden Sie tun, wenn der 10. Juli vorüber ist, der Tag Ihres Bühnenabschieds? Werden Sie all das machen, was Tänzerinnen normalerweise nicht dürfen – Torte essen, skifahren, solche Dinge? Nein, sicher nicht! Ich habe nie etwas vermisst, ich habe alles gegeben für den Tanz. Jetzt werde ich mich ausruhen können, ich werde viel Ruhe haben, keinen Stress mehr. Das wird sicher die größte Umgewöhnung darstellen. Denn als Tänzer hat man immer Stress – man bereitet sich vor, man geht zum Training, zur Probe, zur Aufführung. Disziplin ist alles. Zu spät kommen? Geht gar nicht. Ich kann nicht mein Training versäumen, meine Proben, die Vorstellung. Das Leben als Tänzerin ist relativ einfach, weil es sich über diese Dinge definiert. Jetzt definiert es sich anders – erstmal über die Ruhe. Ich muss nicht mehr bereit sein für irgendetwas. Ich kann mir Zeit geben. Haben Sie schon früher an diese Zeit nach dem Tanz gedacht? Nein, nie. Ich habe mich nicht auf diese Zeit vorbereitet. Ich konnte nicht an zwei Dinge zugleich denken – an meine Karriere und daran, was in zehn Jahren sein wird. Das war nicht mein Weg. Ich dachte, es wird genügend Zeit sein, darüber nachzudenken, wenn es soweit ist. Vielleicht ist das ein bisschen verantwortungslos. Aber so konnte ich hundertprozentig tanzen, und jetzt habe ich Zeit, mich in Ruhe damit zu beschäftigen, was ich tun will nach dem Tanz. Ich will herausfinden, was gut ist für mich, was ich jetzt tun will. Als Tänzerin wollte ich immer ein kleines Häuschen haben, wo ich schalten und walten kann, wie ich möchte. Wände einreißen und Wände aufbauen, tapezieren, Möbel rücken, den Garten bestellen. Das alles konnte ich nie realisieren – es war keine Zeit dafür, und auch kein Raum. Jetzt habe ich beides – Zeit und Raum. Ich werde mir jetzt mein Nest bauen. In Hamburg oder anderswo? Anderswo. Mein Partner und ich werden vermutlich in Frankreich leben. Nicht in Südfrankreich, wo ich herkomme, eher im Elsass, im Dreiländereck um Basel. Das ist zentral gelegen und hat doch etwas Südliches. Von dort aus bin ich schnell in den verschiedenen Metropolen, wo ich Ballettschulen besuchen und hospitieren möchte, bevor ich die Ausbildung als Ballettpädagogin und -meisterin abschließe – nächstes Jahr dann, 2012. Ich will nach Paris an die Oper, zu Birgit Keil nach Mannheim und Karlsruhe, nach Cannes. Ich will schauen, wie an den verschiedenen Orten unterrichtet wird. Vielleicht werde ich nebenher auch schon selbst ein bisschen arbeiten, aber meine Hauptaufgabe sehe ich erst einmal im Wahrnehmen, Beobachten, Lernen. Die Herausforderung jetzt ist, das Niveau an Reichtum, das ich als Tänzerin erfahren habe, zu transformieren in einen Reichtum auf anderer Ebene. Die Sonne in mir selbst zu finden.

Veröffentlicht am 22.09.2011, von Annette Bopp in Leute

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Kommentare zu "Die Sonne in sich selbst finden"



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