KRITIKEN 2011/2012



Berlin

DER KLEINE UNTERSCHIED IST KEINER

Rubato und ihr Tänzersextett überzeugen im Eden mit „milk & bread/rice & water“


  • "milk & bread/rice & water" von Jutta Hell & Dieter Baumann. Tänzer: Er Gao Foto © Dieter Hartwig
  • "milk & bread/rice & water" von Jutta Hell & Dieter Baumann. Tänzer: Ute Pliestermann, Er Gao, Liu Ya Nan, Mercedes Appugliese, Li Ling Xi & Florian Bilbao (v.l.n.r.) Foto © Dieter Hartwig
  • "milk & bread/rice & water" von Jutta Hell & Dieter Baumann. Tänzer: Mercedes Appugliese & Er Gao Foto © Dieter Hartwig

Lange hockt Er Gao im Zentrum der Szene, bevor er nach hinten tänzelt, mit plastischem Körper und geschmeidigen Armen. Dabei spricht er Marc Rees‘ Text, der auch sein eigener sein könnte. Ich bin unschuldig, rein, naiv, harmlos, so gibt er gleichsam ein Bild von sich selbst. Weit später in Jutta Hells und Dieter Baumanns Uraufführung „milk & bread/rice & water“ wird Li Ling Xi den Text nochmals sprechen. Dazu treibt sie die fünf anderen Tänzer wie mit der Wortpeitsche als Pulk vor sich her; den Inhalten scheint sie nicht zu glauben, schreit wie zur Selbstüberzeugung das „harmlos“ wieder und wieder. Gleich nach Gaos Solo hatte Xi vom Herzen in ihrem Brustkorb gesprochen und wie bei Wellen des Körpers die Organe einander berühren. Fühlt ihr das auch, hatte Ute Pliestermann die Fragen aus dem Chinesischen gedolmetscht. Natürlich fühlten wir das nicht, macht aber auch nix. Und der europäisch-chinesische Diskurs geht weiter. Im Atmen, Kippen, Anfassen, Schütteln äußert sich bei beiden Nationalitäten das Leben. Beinmuskeln, Hautfalten, Haarlängen werden verglichen, auch die Passfähigkeit der Fußsohlen und der Po-raus-Faktor.

Dann steuert das 70-minütige Stück bereits auf seinen Höhepunkt zu. In der für ihn typischen Präzision und Dynamik überwuchert Florian Bilbao, einer der besten Tänzer Berlins, die nicht eben kleine Bühne im Eden mit einem Tanz voller abgefederter Stürze und separierter Schwünge. Und meint, es gebe nichts über ihn zu erzählen, alles sei ganz normal, geboren in Frankreich, Eltern geschieden, Schule, Tanz, Berlin, hier Frau und Kind. Doch sein expressives, spannungsgeladenes Solo verkündet anderes. Als er verharrt, zu sinken droht, unterschiebt sich ihm sanft stützend Mercedes Appugliese, umfängt ihn, wird von seiner Bewegungswut infiziert. Zwei Verunsicherte finden sich in einem rasanten und riskanten, wunderbar flüssigen Duett, verklammert, gerissen, gestoßen, über den Boden gezerrt und geflogen, bis er der Liegenden wie im Tod die Arme kreuzt, sich neben sie setzt. Das kann nur Gelächter brechen. Vorher aber entlädt sich verbal, was latent in uns allen steckt: Wir sind einander, sogar uns selbst fremd. Da machen China und Europa keinen Unterschied. Und um die Unterschiede und Gleichheiten von Menschen der beiden Kontinente geht es dem Choreografen-Doppel Hell/Baumann schließlich.

In asiatischer Langsamkeit wälzen sich alle am Boden, grinsen, weshalb immer, posieren. Pliestermann, die eben noch Ling Xi gestreichelt hat, stolpert, hechtet, rollt wie getrieben in ein Solo, das in einer Ansprache münden soll: Ich bin, mehr vermag sie nicht hervorzuwürgen, Lachen wischt den Schreck fort. Da springt Ling Xi ein, mit nachdenklichem Tanz, der Handspiel aus der Folklore zitiert und Aussagen ihres Vaters einmischt. Die Ausländer seien so smart, ihre Körper stärker als unsere, sagt er, weil sie Milch und Brot haben, wir nur Reis und Wasser. Das gab den Stücktitel. Wenn du einen Ausländer heiratest, hättest du hübsche Kinder, fügt Vater noch an. Energisch scheint dem in ihrem Tanz Appugliese zu widersprechen: Das vom Kopf geführte raumgreifende, schneckenartig sich zusammenziehende Solo endet im flachen Drehgang um die eigene Hand; auch Europa ist immer aufs Gleiche zurückgeworfen. Stolperfolgen wie kurz vorm Fall vereinen alle, ehe nochmals Ling Xi zu Tanz kommt. Abwehrposen aus der Kampfkunst, Fußaufschläge, Muskelspiel mögen Erinnerung an die Heimat sein. Die Rufe wohl des Vaters mag sie nicht mehr hören, reagiert mit Sprüngen auf den Knien, verweigert sich: „I’m not here, I’m in between“, umreißt sie ihr Gefühl.

Wieder werden Körper verglichen, diesmal andere, werden Haare verknotet, die sich bald lösen. Zum Schluss drängen sich die sechs Tänzer im Sitz, besehen, befühlen einander, finden Spaß daran, verdecken ihr Gesicht, reiben die Augen, bis sie leicht geschlitzt sind. Stehen eng vor uns: So sind wir, verschieden im Aussehen, doch eins im Menschsein. Den beiden Choreografen von Rubato, seit 1995 China durch Workshops, Aufbauarbeit und Kreationen verbunden, ist erneut ein Wurf gelungen und zudem der Beweis, dass nicht Milch und Brot oder Reis und Wasser jene Differenz ausmachen, sondern die Individualität des Menschen. Das feiern sie mit einer ausgewogenen Mixtur aus dynamischen Kontrasten, origineller Bewegung und treffenden Bildern. Was will man mehr.

www.eden-berlin.com www.tanzcompagnie-rubato.de

Veröffentlicht am 04.09.2011, von Volkmar Draeger in Kritiken 2011/2012

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Kommentare zu "Der kleine Unterschied ist keiner"



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