TANZMEDIEN



Hamburg

CHOREOGRAFISCHE 'WERKZEUGKISTE' AUS HAMBURG

Publikation aus Forschungsprojekt „Choreografischer Baukasten“


ts1788g.jpgWas es nicht alles gibt! Nun sogar einen handlichen Pappkoffer, wie ihn Vertreter für ihre Musterangebote tragen. Herausgeberin Gabriele Klein und ihre Mitautorinnen Gitta Barthel und Esther Wagner entschieden sich für die Aufschrift „Choreografischer Baukasten“. Die Intention des Spiels, der Variabilität und des Vergnügens ist so bereits programmatisch erkennbar. Das Baukastenprinzip fußt zugleich auf kindlicher Neugier und Phantasie. Profis wie interessierten Einsteigern aus verwandten Praxisfeldern steht hiermit „ein Handwerkszeug zur Verfügung um Themen zu entwickeln, Arbeitsweisen zu erproben, den choreografischen Prozess zu gestalten und ihre (Zwischen-) Ergebnisse zu sortieren und zu präzisieren“ (G. Klein). Die Frage ist: Wie kann Frau/Mann im offenen System eines Baukastenkastens das choreografische Handwerkszeug erlernen und erproben? Das Forschungsprojekt „Choreografischer Baukasten“ wurde zwischen 2008 – 2011 an der Universität Hamburg, Fachbereich Bewegungswissenschaft, Performance Studies unter Leitung von Gabriele Klein durchgeführt. Das empirische Material/Interviews entstand in Zusammenarbeit mit international ausgewiesenen Choreografinnen/Choreografen, Tänzerinnen/Tänzern und wurde in drei Pilotphasen getestet.
Das nun vorliegende Material, versammelt in der tragbaren ´Werkzeugkiste´, besteht aus 5 Modulheften (für die Praxisfelder Generierung, Formgebung, Spielweisen, Zusammenarbeit, Komposition), dem Textband mit Gabriele Kleins prägnant und streitbar auf grundlegende Paradigmenwechsel zentriertem Essay „Zur zeitgenössischen Choreografie“ (mit umfänglichen Gebrauchs- und Literaturhinweisen) und ihren Interviews mit Jonathan Burrows, Anna Huber, Nik Haffner, Thomas Kampe, Hubert Machnik, Martin Nachbar, Jochen Roller, sowie aus zwei Leporelli (Labans Bewegungsanalyse und Modulübersicht) und aus 33 modulübergreifenden Praxiskarten. Didaktisch übersichtlich und methodisch nützlich gründet sich das Material auf einer griffigen Definition der umfänglichen Tools, es (er)klärt die Begrifflichkeiten(!), auf denen nachfolgende Spielangebote für die Bewegungsrecherche, Formgebung, Komposition im zeitgenössischen Tanz beruhen. Das Modul Generierung bietet Anregungen zur Wahrnehmungsschulung und versammelt Bewegungsaufgaben zur Findung und Entwicklung von Bewegung in Bezug auf Bild, Film, Text, Schrift, Sprache und Musik. Das Modul Formgebung thematisiert Techniken des Vervielfältigens, Variierens und Kontextualisierens und stellt Verfahren zum Festlegen und Erinnern vor. Das umfängliche Modulheft Zusammenarbeit thematisiert Rahmenbedingungen (Projektidee, Finanzierung, institutionelle Verankerung, Probenzeit und Probenraum), Formen der künstlerischen Zusammenarbeit (Hierarchie bis Netzwerk) und die Aufgaben der Mitwirkenden (Choreograf, Tänzer, Dramaturg, Komponist, Musiker) am choreografischen Prozess. Auf 37 Seiten unterbreitet das Modulheft Spielweisen spielerische Zugänge für die Bewegungsfindung. Diese regelgeleiteten strukturierten Improvisationen bestehen aus einer offenen Interaktionsordnung und können kompetitiv, mimetisch oder aleatorisch angelegt sein. Einerseits wird Spiel als choreografisches Verfahren lustvoll betont, andererseits wird Choreografie als Spielart für die Interaktion und Partizipation des Zuschauers in diversen zeitgenössischen Aufführungsformaten ausgelotet. Hierzu bietet das zentrale Modul Komposition mit seinen kompositorischen Verfahren und dramaturgischen Fragestellungen wichtige Anleitungen für verschiedene Arbeitsphasen. Wie kann eine lineare Erzählstruktur dramaturgisch gebrochen werden? Welche Auswirkungen hat der Spannungsverlauf auf die Lesbarkeit von Bewegung und Choreografie? Welcher Titel eignet sich für die Choreografie? Welches sind die Kontexte: ästhetische Praxis, theoretische Diskurse oder politische und gesellschaftliche Themen? Wie wird Sprache in Szene gesetzt? – dies sind nur wenige der grundlegenden Fragestellungen, denen sich der Baustein Dramaturgie unter einer ganzheitlichen Perspektive auf alle Bereiche von der Produktion bis zur Rezeption zeitgenössischer Choreografie zu Recht stellt.
Der handliche Pappkoffer (plus Faber-Castell) ist nicht billig; das Layout (über)ambitioniert. Ob sein Inhalt wirklich als „Instrumentarium für tänzerische und choreografische Praxis mit vielen Tasks, Tools und Verfahren zur Bewegungsfindung und -komposition sowie praktischen Beispielen für eine spielerische und künstlerische Auseinandersetzung mit Bewegung, Choreografie und Dramaturgie“ funktioniert, wird sich durch den Gebrauch in choreografischen Produktionsprozessen, Lehrveranstaltungen der ästhetischen Bildung, Workshops, Tanz in Schulen, in Projekten der Aus- und Weiterbildung für und durch Menschen mit und ohne Tanz- und Choreografie-Erfahrung erweisen. Studieren, kombinieren, probieren, analysieren, experimentieren, diskutieren Sie mit! Reduzieren, sortieren, präzisieren, loopen, kopieren, spiegeln, wiederholen, abstrahieren, scratchen, interpolieren, verzahnen, überlagern, akkumulieren, fokussieren, resümieren, steigern, ironisieren, kommentieren, kontrastieren, sampeln, verzerren, zitieren, fragmentieren, homogenisieren, pluralisieren, transponieren Sie! Der „Choreografische Baukasten“ aus Hamburg kann sich als überaus nützlich für die Unterstützung choreografischer Prozesse erweisen (die zugleich immer auf Talent, Erfahrung und eigener Kreativität beruhen), indem er Wissen kombiniert mit Entdeckerfreude vermittelt.
Gabriele Klein (Prof. Dr. rer. soc.) lehrt Soziologie mit den Schwerpunkten Bewegung, Sport und Tanz an der Universität Hamburg. Gitta Barthel, Tänzerin und Choreografin, und Esther Wagner, Theaterwissenschaftlerin und Dramaturgin, waren wissenschaftliche Mitarbeiterinnen im Forschungsprojekt „Choreografischer Baukasten“. Gabriele Klein, Gitta Barthel, Esther Wagner: Choreografischer Baukasten (hg. von Gabriele Klein). Juni 2011, 564 S., Kasten mit Modulheften, Praxiskarten und einem Buch, zahlr. Abb., 44,80 €. ISBN 978-3-8376-1788-7 in der Reihe TanzScripte beim transcript verlag

Veröffentlicht am 04.08.2011, von Karin Schmidt-Feister in Tanzmedien

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Kommentare zu "Choreografische 'Werkzeugkiste' aus ..."



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