KRITIKEN 2010/2011



Berlin

KOMOT ODER NACHBARN SIND MEIST UNANGENEHMER ALS NETT

Nir De Volff/TOTAL BRUTAL mit eine Uraufführung im Dock 11


  • v.l.n.r. Claus Erbskorn, Chris Scherer, Florian Bilbao Foto © Bernhard Musil
  • v.l.n.r. Claus Erbskorn, Chris Scherer, Florian Bilbao. Foto © Bernhard Musil

2004 gründete der Israeli Nir De Volff in Berlin seine eigene Kompanie Total Brutal. Der Name ist Programm für einen radikalen Zugriff der tanzenden Körper, die in den Performances auf soziale Codes begrenzt sind und in immer neue emotionale Apokalypsen münden. Nir De Volff (Mitdreißiger mit holländisch-irakischen Wurzeln, einst Tänzer bei Constanza Macras) profiliert sich mit Konzept und Choreografie von KOMOT weiter als eigenständig schräger Geschichtenerzähler. Im Fokus steht der Alltag zwischen Chaos und Kollaps. Sein neues Tanzstück kreist um das Phänomen der Nachbarschaft; Nachbarn - Alptraum oder soziales Netzwerk? Vier Männer aus vier Ländern, vier Zimmer, vier Lebensentwürfe.

Jedes Detail, was Du siehst, kann wichtig sein, verkündet die Eingangsstimme aus dem Off. In der Tat lebt diese Tanz-Performance als erkennbare Teamarbeit durch eine lustvolle gestische Verquickung von Tanz, Wort, Musik (Claus Erbskorn), Bühnenbild und Requisiten (Anke Gänz), Kostüm (Iva Wili) und Licht (Felix Grimm).


Zur Rossini-Ouvertüre „Die diebische Elster“ durchbricht ein großer bärtiger Mann (Volff) die Tür des Miniaturwohnhauses, er schiebt sich als müder gebeutelter Alter durch den Alltag, sein Nachbar Florian steht einbeinig neben einem Bonsai und zelebriert die Morgenmeditation, Musiker Claus beginnt den neuen Tag unter Kopfhörern verzückt als 2. Elvis. Chris, unbeirrbarer Sonnyboy aus Australien, stellt sich als neuer Nachbar vor, der die abweisende Selbstreflexion des verbissenen Zen-Jüngers zur Freude des Publikums missversteht und unbeirrt Körperkontakt sucht. Chris unternimmt tanzend und in aberwitzigen Worteskapaden immer neue Kontaktversuche, lädt zum Abendbrot und zu seiner Geburtstagsparty ein.

Zum Vogelgezwitscher streut er Toastkrümel und Volff fliegt für Momente als Riesenvogel in sein Zimmer, setzt sich auf ihn, bis ihn der Zen-Nachbar mit dem Luftgewehr abknallt. Hinter Papierwänden werden einsame Schattentelefonate geführt, wird geheimnisvoll gechattet. Dann sprengen die Männer die Räume der Isolation.
Volff lässt in genau fixierten Parallel-Aktionen und sich steigernden Wiederholungen die menschlichen Sehnsüchte und Abgründe aufblitzen. KOMOT entfacht ein Feuerwerk an Miniszenen, die dramaturgisch prägnant gebaut sind, den Zuschauer lustvoll zum Voyeur menschlicher Verhaltensweisen machen. Die englischen Dialog-Texte sind großartig, knapp, aberwitzig, treffend. Volff, der müde Alte mit dem Tick, die Flaschen zur Unzeit in den Container zu knallen, wohnt seit acht Jahren in Wohnung sechs und sehnt sich nach einem sehr anderen Leben – tänzelnd tritt er in drei Anläufen im Schweizer Dirndl mit blonder Zopfperücke ins Freie. Wie neu geboren singt er Armstrongs „ What a wonderful world“ bis ihm die Stimme versagt. Sich gegenseitig mit Händen und Füßen knebelnd schwadronieren die vier Männer über (un)mögliche neue Nachbarn – Araber, Usbeken, Albaner, Russen – bis die Laokoon-Gruppe in zwei Paarkämpfe zerbricht. Winzige Bewegungsänderungen erzeugen überraschend Harmonien. Chris schreit seine Geburtstagseinladung nochmals durchs Megaphon vom Zimmerbalkon. Dann verschieben sich die Zimmer hintereinander und Claus singt zur Gitarre Kerzen-illuminiert von „Violence“, während drei Mitbewohner in einsamen Soli exzentrisch über die eigenen Füße in Dunkelheit stürzen.

Nir De Volffs KOMOT ist eine wundersame Stunde hintersinniger Humor, ohne Blödelei, Trash, inhaltlichen Leerlauf. Von und mit Florian Bilbao, Claus Erbskorn, Chris Scherer und Nir De Volff, die hier wirklich als tanzende, singende, sprechende, spielende Darsteller individuell erkennbar sind, wird KOMOT zu einem augenzwinkernden Vergnügen über die Marotten, Träume, Alpträume von eigenwilligen Egozentrikern, die so überall auf der Welt Wand an Wand neben- bzw. miteinanderleben. We are neighbours like you and me, singen die vier Männer ins Publikum. Das ist nicht immer angenehm – aber wunderbar anzusehen.

Dock 11 Kastanienallee 79, Fon 4481222 Wieder am 7. bis 10. Juli, sowie 11. bis 14. August und 30. September bis 2. Oktober 2011 jeweils 20.30 Uhr

Veröffentlicht am 03.07.2011, von Karin Schmidt-Feister in Kritiken 2010/2011

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Kommentare zu "KOMOT oder Nachbarn sind meist unangenehmer ..."



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