KOEGLERJOURNAL 2010/2011



Stuttgart

„DIE KAMELIENDAME“

Ein Zeitalter, eine Stadt, eine Kompanie und ein Publikum im Tanzrausch


Kurz vor Ende der 50. Jubiläumssaison nochmals eine Sternstunde des Stuttgarter Balletts: „Die Kameliendame“ (die wievielte Vorstellung eigentlich seit der Premiere vor dreiunddreißig Jahren?). Und man hatte den Eindruck, dass sie alle zusahen – aus ihren olympischen Höhen Alexandre Dumas d.J., Frédéric Chopin und John Cranko, dann alle, die damals dabei waren – John Neumeier aus Hamburg und Jürgen Rose aus München, samt den damaligen Stars Marcia und Egon, Birgit und Ricky inklusive Reid – und nicht zuletzt die nicht nur zusehenden, sondern quicklebendigen Étoiles dieses Abends, Maria Eichwald und Friedemann Vogel, Nikolay Godunov nebst Anna Osadcenko und Evan McKie, sie alle neben ihren zwei Dutzend Stuttgarter Kollegen in Topform, und unten im Orchester unsere Staatsorchestralen, samt ihrem Dirigenten Wolfgang Heinz und den Terzett der Pianisten Alexander Reitenbach, David Diamond und Glenn Prince. Welch eine Versammlung der Eminenzen des weltberühmten Markenzeichens Stuttgarter Ballett! Eine Vorstellung, die uns wieder einmal bewusst werden ließ, wie glücksbegünstigt wir doch sind, in einer Stadt zu leben, die eine solche Kompanie ihr eigen nennt! Mit solchen Superstars und einem solchen Ballett, das anknüpft an die große, auf Noverre zurückgehende lokale Tradition des Ballet d‘action – zweieinhalb Jahrhunderte alt und doch wie neugeboren, wenn die Robe der Protagonistin als roter Faden durch die drei Akte dieser Versteigerung wandert wie gerade in diesen Tagen das Kleid von Marilyn Monroe aus „Manche mögen‘s heiß“ im fernen Hollywood. Oder wenn Friedemann Vogel nachdenklich in dem Erinnerungsband blättert, den er wie ein Notizbuch in der Hand hält. Ja, so wünschen wir uns unser Theater anno 2011! Drei Stunden Tanzrausch! Die beiden Protagonisten von ihrer Liebe aus anfänglichem Zögern, da sie einander noch nicht zu berühren wagen und die Luft zwischen ihren Händen wie elektrizitätsgeladen bebt, in den Himmel ihres Paradieses katapultiert und dann doch in das Bewusstsein ihres unabwendbaren Endes abgestürzt. Die Tänzer als tanzende Acteure, wie Noverre sie erträumte, ohne umständliches pantomimisches Gehabe, ihre Seelen und ihre Befindlichkeit in reinen Tanz verwandelt, klanggeboren aus der fußsohlenkitzelnden Musik des Monsieur aus Warschau-Paris. Die Seine-Metropole des „Giselle“-Dezenniums, beschworen, mit dem Rückblick auf das Ancien Regime in den Vorstellungs- und Visioneinblendungen des „Manon Lescaut“-Balletts von Aumer und Halévy aus dem Jahr 1831. Sollte es wirklich eine Fiktion gewesen sein, dass wir gestern Abend Marie Taglioni, Lucien Petipa und August Bournonville im Stuttgarter Großen Haus am Eckensee gesehen haben? www.stuttgart-ballet.de

Veröffentlicht am 22.06.2011, von oe in koeglerjournal 2010/2011

Dieser Artikel wurde 3573 mal angesehen.



Kommentare zu "„Die Kameliendame“"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



     

    AKTUELLE NEWS


    TO WHOM IT MAY CONCERN

    Adolphe Binder reagiert in einem offenen Brief auf ihre Entlassung
    Veröffentlicht am 14.07.2018, von tanznetz.de Redaktion


    ESKALATION AM TANZTHEATER WUPPERTAL

    Intendantin Adolphe Binder entlassen, Geschäftsführer Dirk Hesse hört zum Jahresende ebenfalls auf
    Veröffentlicht am 13.07.2018, von tanznetz.de Redaktion


    JURY DER TANZPLATTFORM STEHT

    Die Auswahl für 2020 kann beginnen
    Veröffentlicht am 05.07.2018, von tanznetz.de Redaktion



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    AALENER TANZFESTIVAL IMPULS2018 MIT POSTERINO DANCE COMPANY

    Vorstellungsabende der Posterino Dance Company am 12. und 13. Oktober 2018 in der Stadthalle Aalen.

    Im Rahmen des zweijährigen Förderprogramms TANZLAND kooperieren die Stadt Aalen und Posterino Dance Company zur Förderung des zeitgenössischen Tanzes in der ostschwäbischen Region.

    Veröffentlicht am 12.06.2018, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    EIN WÜRDIGER AUFTAKT ZUM CRANKO-FEST

    „Onegin“ beim Bayerischen Staatballett
    Veröffentlicht am 07.02.2018, von Karl-Peter Fürst


    LETZTER WALZER IN STUTTGART

    Alicia Amatriain tanzte 2003 in „Lulu“ die Titelrolle – und jetzt erneut 2018
    Veröffentlicht am 18.06.2018, von Marlies Strech


    MOSAIK DER BEWEGUNG

    Richard Siegals Ballet of Difference mit "On Body" in der Münchner Muffathalle
    Veröffentlicht am 05.03.2018, von Miriam Althammer

    MEISTGELESEN (7 TAGE)


    TO WHOM IT MAY CONCERN

    Adolphe Binder reagiert in einem offenen Brief auf ihre Entlassung

    Veröffentlicht am 14.07.2018, von tanznetz.de Redaktion


    ESKALATION AM TANZTHEATER WUPPERTAL

    Intendantin Adolphe Binder entlassen, Geschäftsführer Dirk Hesse hört zum Jahresende ebenfalls auf

    Veröffentlicht am 13.07.2018, von tanznetz.de Redaktion


    TANZ DER EINSAMKEIT

    "La Strada" im Gärtnerplatztheater München

    Veröffentlicht am 15.07.2018, von Boris Michael Gruhl


    GRANDIOSER AUFTAKT

    Die Kibbutz Dance Company 2 eröffnet das Münchner Festival THINK BIG! für junges Publikum im Muffatwerk

    Veröffentlicht am 14.07.2018, von Boris Michael Gruhl


    UNTER „RIVERS“ GURGELT DIE DONAU

    Regensburger "CiRR – Choreographers in Residence Program"

    Veröffentlicht am 16.07.2018, von Michael Scheiner



    BEI UNS IM SHOP