KRITIKEN 2010/2011



Berlin

EURYDIKE TANZT IN DEN KATAKOMBEN BERLINS

Frequenz 04/11 – Tanz- und Musikperformance von tanzApartment c/o huber & christen


  • Frequenz 04/11, Eine Tanz - und Musikperformance von tanzApartment c/o huber&christen Foto © tanzApartment c/o huber&christen
  • Frequenz 04/11, Eine Tanz - und Musikperformance von tanzApartment c/o huber&christen Foto © Dieter Hartwig
  • Frequenz 04/11, Eine Tanz - und Musikperformance von tanzApartment c/o huber&christen Foto © Dieter Hartwig
  • Frequenz 04/11, Eine Tanz - und Musikperformance von tanzApartment c/o huber&christen Foto © Dieter Hartwig

Hundert Besucher stiegen am 30. April 2011 tief hinab in die Keller der alten Königstadtbrauerei, Straßburger Straße 53 unweit der U-Bahnstation Senefelder Platz. An geschichtsträchtigem Ort (Luftschutzkeller, Produktionsort für Kriegsgerät, Sitz der Fahrbereitschaft des Magistrats von Ost-Berlin und Abteilungen der Stasi, Champignonzucht) mit 3500 Quadratmetern Gewölbefläche hat das Künstlerpaar Vanessa Huber-Christen und Lorenz Huber die „ Galerie unter Berlin“ als Raum interdisziplinärer Kunstdialoge mit wechselnden Partnern/Mitbewohnern etabliert. Seit September 2010 wird dieser beeindruckende Ausstellungsort zugleich durch die Performance-Reihe „Frequenzen“ (www.tanzApartment.de) als Interaktion unterschiedlicher Künstler (Tänzer, gehörlose Darsteller, Musiker, Sänger, Fotografen und Klangkünstler) spannend in Szene gesetzt. Die vierte Veranstaltung der Konzeptreihe Ende April 2011 vereinigte die Tänzerin Anna-Luise Recke sowie die Musiker/innen Veronika Otto (Cello, Gesang), Henry Mex (Kontrabass) und Lorenz Huber (Flöte, Percussion) in einem dreiteiligen Totentanz. Das Szenarium assoziiert frei den Eurydike-Mythos. Die Besucher begegnen Eurydike in einem ersten großen Gewölbe. Hoch auf schwankendem Boden tanzt Anna-Luise Recke berührend nuancenreich im schwarzen Kleid ein langes Solo als eine unabwendbare letzte Reise Eurydikes auf den Wassern des Styx zwischen Entsetzen, Zusammenbruch, Einsamkeit. Wie ein Schatten geht die kleine Frau durch das Publikum in das zweite Gewölbe. Die Zuschauer folgen ihr auf dem Weg der schmerzlichen Erkenntnis von der Unmöglichkeit einer Rückkehr ins Leben. Eurydike steht knöcheltief im großen Wasserbecken, zart hallen Flötentöne durch die Katakomben, Wasser tropft, Wellenlicht bricht sich im Backstein des Gewölbes. Eurydike rebelliert begleitet vom tiefen Klang unsichtbarer Kontrabass-Saiten. Sie ist verloren bis die Cellistin den an die Wand gebeamten flackernden Umriss der toten Seele sanft umhüllt. Die durchdachte Dramaturgie der Inszenierung von Vanessa Huber-Christen und Lorenz Huber und ihrer Protagonisten ermöglicht mehrfach eindrucksvolle Momente jener tiefen Ruhe und performativen Spannung, da die Zuschauer/Zuhörer den Totentanz der Eurydike durch drei Katakomben begleiten und von den assoziativen Bildern und Klangräumen atmosphärisch bewegt werden. Am Ende der Reise durch 500 Quadratmeter (Berliner) Unterwelt tanzt Eurydike im hellen Kleid hinter Spiegelwänden, die ihre fragile Gestalt vervielfachen während die Musiker mit energischer Vokalise auf sie zustreben und hinter den Wänden verschwinden. Behutsam legen sie die Instrumente wie zerbrochene Stimmen auf den Boden neben Eurydike. Das Totenreich hüllt alle in Dunkelheit. Bis hinein in diese letzte Lichtstimmung lebt dieser einstündige Gang durch den Hades von der hochemotionalen Zwiesprache zwischen bewegtem Mensch, Klang und Raum. tanzApartment c/o huber & christen ist nicht nur eine neue trendige Berliner Location in Prenzlauer Berg, sondern vor allem ein sinnlicher Ort künstlerischer Begegnungen zwischen einem neugierigen Publikum mit zeitgenössischem Tanz, Musik und Medienkunst in anspruchsvoll sinngebender Vernetzung. Ein Besuch ist nachdrücklich zu empfehlen. Nächste Aufführungen: 3. und 4. Juni 2011, 20.30h Ausstellungstipp: „Vanished“ – Ausstellung zur Performance „Frequenz 04/11“, jeden Samstag und Sonntag /7. 5. – 19. 6. 2011, 16-19h

Veröffentlicht am 03.05.2011, von Karin Schmidt-Feister in Kritiken 2010/2011

Dieser Artikel wurde 3908 mal angesehen.



Kommentare zu "Eurydike tanzt in den Katakomben Berlins"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



     

    LEUTE AKTUELL


    WAS HAT ES BEWIRKT? WAS BLEIBT?

    Eine Interviewreihe zum Förderprogramm DIS-TANZ-SOLO
    Veröffentlicht am 14.01.2022, von tanznetz.de Redaktion


    TANZVERMITTLUNG MEETS SCROLLYTELLING

    Interviewreihe zum Förderprogramm DIS-TANZ-SOLO: Arnd Wesemann, Tanzjournalist
    Veröffentlicht am 13.01.2022, von Anna Beke


    CORONA. UND DANN? EIN TANZJOURNALISTISCHES PROJEKT

    Interviewreihe zum Förderprogramm DIS-TANZ-SOLO: Deike Wilhelm, Tanzjournalistin
    Veröffentlicht am 13.01.2022, von Anna Beke



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    MERCE CUNNINGHAM CENTENNIAL

    Merce Cunningham Centennial heißt ein dem großen Choreographen gewidmeter Tanzabend, der am Freitag, 21.1. und am Samstag, 22.1.2022, jeweils um 19.30 Uhr auf den Pfalzbau Bühnen gastiert.

    Der 2009 im Alter von 90 Jahren verstorbene Tänzer und Choreograph Merce Cunningham war Teil der amerikanischen Tanzavantgarde, die die Aufbruchstimmung des modernen Amerika widerspiegelt.

    Veröffentlicht am 11.01.2022, von Anzeige

    MEISTGELESEN (30 TAGE)


    HOMMAGE AN EIN GENIE

    Ein Podcast und ein Roman für einen der bedeutendsten Choreografen des 20. Jahrhunderts: John Cranko

    Veröffentlicht am 14.06.2020, von Annette Bopp


    EIN KLASSIKER, NEU INTERPRETIERT

    „Dornröschen“ von John Neumeier beim Hamburg Ballett

    Veröffentlicht am 22.12.2021, von Annette Bopp


    KINDERBRILLE AUFSETZEN!

    Tanzplan veröffentlicht "Tanzkind" von Andrea Simon und Achim Reissner

    Veröffentlicht am 17.08.2021, von Sabine Kippenberg


    HELLMUTH MATIASEK FEIERT HEUTE SEINEN 85.GEBURTSTAG

    Pick bloggt über seinen langjährigen Intendanten Hellmuth Matiasek und reist in Gedanken von Rosenheim bis nach Japan

    Veröffentlicht am 15.05.2016, von Günter Pick


    WENN DIE TANZZUKUNFT WINKT

    Zur Silvesterpremiere des Tanzabends „Rising“ im Nationaltheater Mannheim

    Veröffentlicht am 02.01.2022, von Isabelle von Neumann-Cosel



    BEI UNS IM SHOP