KRITIKEN 2009/2010



Berlin

GUTE ABSICHTEN – SCHLECHTER TANZ?

Dass soziale Anliegen nicht immer große Kunst produzieren, zeigt das zweite Drittel von “Tanz im August”


  • „Look at me, I’m Chinese“ von Rubato. Zhao Yuan Hang, Liu Ya Nan, Li Ling Xi, Chen Kai, Er Gao & Wang Hao (v.l.n.r.). Foto © Dieter Hartwig

“Gute Absichten bringen schlechte Literatur hervor”, schrieb der französische Schriftsteller André Gide. Dass es sich beim zeitgenössischen Tanz ähnlich verhält, war nun bei “Tanz im August” zu besichtigen. “Look at me I'm Chinese”, das 90-Minuten-Stück, das die Berliner Choreografen Jutta Hell und Dieter Baumann mit sechs jungen chinesischen Tänzern in Shanghai erarbeitet haben, scheitert an der politischen Korrektheit seiner Schöpfer. Hell und Baumann alias Rubato, die seit 15 Jahren regelmäßig in der rasant sich verändernden Volkrepublik arbeiten, mühen sich redlich, eine Ahnung von den Widersprüchen, Konflikten und Absurditäten ihres Gastlands zu vermitteln. Heraus kommt dabei leider eine dramaturgisch dröge Aneinanderreihung von Klischees – von der militärischen Sportgymnastik bis hin zum Anpreisen nachgemachter europäischer Nobelmarken. Groß ist der Respekt der Choreografen vor ihrem Thema und ihren jungen Interpreten, doch verhindert gerade diese betuliche Behutsamkeit jede ernsthafte künstlerische Auseinandersetzung. “Look at me I'm Chinese” wagt sich weder wirklich an eine respektlose Dekonstruktion des westlichen Blicks auf eine andere Kultur, noch gibt es den betrachteten Tänzerindividuen die Möglichkeit, die an sie gestellten Erwartungen selbstermächtigt zu unterlaufen.

Spürbare Schwierigkeiten bei der Suche nach einer geeigneten Form hat auch die Australierin Simone Aughterlony. Im Rahmen eines umfangreichen Projekts über die Arbeitsbedingungen ausländischer Hausangestellter in Westeuropa hat sie aus Prozessakten einen Tanztheaterabend (“Deserve”) zusammengestellt, der sein todernstes Thema durch postdramatische Kabinettstückchen verdaulicher machen möchte. So werden Monologe über Missbrauch, Folterung und Demütigungen durch emotionslosen Vortrag, Musik und Slapstick konterkariert – mit dem Erfolg, dass das brisante Sujet in die kunstreflexive Beliebigkeit abgleitet. Nur ganz am Anfang, als eine hysterische Hausfrau eine Horde choatischer Domestiken zu befehligen versucht und sich aus lauter Hilflosigkeit zur sadistischen Bestraferin entwickelt, scheint etwas von der komplexen Ambivalenz moderner Herr-Knecht-Verhältnisse auf.

Den Gegenentwurf zum Scheitern seiner sozial engagierten Kollegen liefert der Franzose Boris Charmatz. “50 years of dance”, seine Hommage an Merce Cunningham kommt so spritzig und leichtfüßig daher, das man sie zunächst nicht richtig ernstnehmen möchte. Zu Grunde liegt der Arbeit eine einzige – minimalistische – Idee: Ausgehend von einem Fotoband über das Werk des verstorbenen Meisters entsteht aus 300 chronologisch angeordneten Einzelbildern ein choreografisches Daumenkino, eine ruckelnde, liebevoll nostalgische Zeitreise von den 1950er bis ins Heute. Sechs ehemalige Interpreten von Cunninghams Company erwecken die Erinnerungsschnippsel zu neuem Leben. Die Übergänge zwischen den einzelnen Posen hat Charmatz seinen Interpreten überlassen, so dass sich in das Projekt Spuren von körperlicher Erinnerung schleichen. Man mag die Arbeit als comic-haftes Leichtgewicht abtun, das sich den Umgang mit historischen Erbe viel zu einfach macht, doch ist Charmatz' Stück unter seiner bunten Oberfläche eine sehr ernsthafte Reflexion über Zeit, Kunst und den Körper als Archiv.

Minimalistisch zeigen sich auch die neuesten Arbeiten von Olga de Soto und Meg Stuart. De Soto hat sich seit einigen Jahren der choreographischen Vergangenheitsforschung verschrieben. In ihrem Vortrag “An Introduction” beschäftigt sie sich mit dem legendären Anti-Kriegs-Stück “Am grünen Tisch” der deutschen Ausdruckstanz-Ikone Kurt Joos. Weit mehr als das Faktenmaterial berühren die gezeigten Videos: So wird eine kurze Sequenz aus den 60er-Jahren, in der die blutjunge Joos-Schülerin Pina Bausch buchstäblich mit dem Tod tanzt, zur bittersüßen Hommage an eine Künstlerin, die dem Erbe des deutschen Ausdruckstanzes zu Weltruhm verholfen hat.

Fast ebenso statisch kommt “Fault Lines” daher, das von den Choreografen Meg Stuart und Philip Gehmacher in Zusammenarbeit mit dem Videokünstler Vladimir Miller entwickelt wurde: Zwei Körper prallen aufeinander, krallen sich aneinander fest und ziehen sich schließlich in zwei unterschiedliche Ecken des Raumes zurück. Durch die Manipulation der produzierten Bilder durch Videokamera und eine Handvoll bunte Folien entsteht ein seltsam hypnotisches Spiel mit Wirklichkeitsebenen, das jedoch spekulativ bleibt – und im Grunde kaum weniger ist als hübsche Oberfläche.

Nach diesem eher ernüchternden Eindruck vom Schaffen der etablierten Choreographen machte der Blick auf die Abschlussarbeiten der Brüsseler Choreografenschmiede P.A.R.T.S neuen Mut: Von der entrückten tänzerischen Selbstreflexion des Südafrikaners Nicholas Aphane bis hin zur raffiniert verrätselten Sportgymnastik des US-Amerikaners Daniel Linehan, zeigte sich eine bunte Bandbreite an Ansätzen und Formen. Man muss sich also zumindest um die Zukunft des zeitgenössischen Tanzes wenig Sorgen machen.

www.tanzimaugust.de

Veröffentlicht am 29.08.2010, von Frank Weigand in Kritiken 2009/2010

Dieser Artikel wurde 4228 mal angesehen.



Kommentare zu "Gute Absichten – schlechter Tanz?"



Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



 

LETZTE BEITRÄGE 'TANZ IM TEXT'


DER FLUCH DER VOLLENDUNG

Gauthier Dance tanzt in "Mackie Messer - Brechts Dreigroschenfilm"
Veröffentlicht am 11.08.2018, von Boris Michael Gruhl


TRAUMHAFTES SOMMERTHEATER

Fotoblog von Dieter Hartwig
Veröffentlicht am 11.08.2018, von Dieter Hartwig


TRRR

Fotoblog von Dieter Hartwig
Veröffentlicht am 11.08.2018, von Dieter Hartwig



AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



OUR HONOURABLE BLUE SKY AND EVER ENDURING SUN...

"And so you see..." von Robyn Orlin im Muffatwerk München

Den Finger in die Wunde legen: Robyn Orlin (*1955 in Johannesburg) hat es sich zum Prinzip gemacht, genau hinzuschauen, eine Gesellschaft mit den eigenen Widersprüchen zu konfrontieren.

Veröffentlicht am 21.06.2018, von Anzeige

LETZTE KOMMENTARE


EIN WÜRDIGER AUFTAKT ZUM CRANKO-FEST

„Onegin“ beim Bayerischen Staatballett
Veröffentlicht am 07.02.2018, von Karl-Peter Fürst


LETZTER WALZER IN STUTTGART

Alicia Amatriain tanzte 2003 in „Lulu“ die Titelrolle – und jetzt erneut 2018
Veröffentlicht am 18.06.2018, von Marlies Strech


MOSAIK DER BEWEGUNG

Richard Siegals Ballet of Difference mit "On Body" in der Münchner Muffathalle
Veröffentlicht am 05.03.2018, von Miriam Althammer

MEISTGELESEN (30 TAGE)


TO WHOM IT MAY CONCERN

Adolphe Binder reagiert in einem offenen Brief auf ihre Entlassung

Veröffentlicht am 14.07.2018, von tanznetz.de Redaktion


ESKALATION AM TANZTHEATER WUPPERTAL

Intendantin Adolphe Binder entlassen, Geschäftsführer Dirk Hesse hört zum Jahresende ebenfalls auf

Veröffentlicht am 13.07.2018, von tanznetz.de Redaktion


RAUM, KLANG, TANZ

Initiation der Elbphilharmonie-Foyers mit Sasha Waltz & Guests' „Figure Humaine“

Veröffentlicht am 02.01.2017, von Annette Bopp


GROßE GALA

Viel Dank für Reid Anderson in Stuttgart

Veröffentlicht am 26.07.2018, von Boris Michael Gruhl


HELLMUTH MATIASEK FEIERT HEUTE SEINEN 85.GEBURTSTAG

Pick bloggt über seinen langjährigen Intendanten Hellmuth Matiasek und reist in Gedanken von Rosenheim bis nach Japan

Veröffentlicht am 15.05.2016, von Günter Pick



BEI UNS IM SHOP