KRITIKEN 2009/2010



Schwäbisch Hall

MAMMON AUF DIE BEINE HELFEN

„Kurs:Liebe“ von Sommer Ulrickson, uraufgeführt im Globe Theater Schwäbisch Hall


  • Foto: Foto © Jürgen Weller Fotografie
  • Foto © Jürgen Weller Fotografie

Wandte man sich in den 20er Jahren mit schmissigem Klartext noch an die höchste Instanz: „Ein letztes Wort zu Gott, wir sind bankrott, bankrott, bankrott!“, lautet der Songtext in finanziell ähnlich auswegloser Lage heute: „You are my emotional bank account, I invest in you, ’cause this bank won’t have a global market crises“ (Du bist mein Gefühlskonto, ich investiere in dich, denn diese Bank wird keine globale Wirtschaftskrise haben).“ Statt Rückzug ins Private wünscht man sich Text und Musik (Musikalische Leitung: Moritz Gagern) in Gottes Ohr. Oft genug wird der eingängige Refrain wiederholt, um sich beim Hörer einzunisten. „Das war doch jetzt richtig gut!“, ein Nachsatz, der dem Uraufführungspublikum im Globe Theater satten Szenenapplaus entlockt.

Mit „Kurs:Liebe“, einer Produktion aus der Berliner Choreografen Werkstatt von Sommer Ulrickson (Regie und Choreografie) möchten sich die Haller Festspiele im 85. Jahr ihres Bestehens dem Genre Tanztheater öffnen. Voll Elan wirft sich das Ensemble (Clarissa Herrmann, Dan Pelleg, Marko E. Weigert, Christoph Schüchner sowie Gagern und Ulrickson) ins Stück und bühnenmittig auf ein Trampolin. Rücken an Rücken gefesselt hüpfen Pelleg und Weigert, Gangster Joe geht ab wie eine Rakete und die konditionsstarke, einfallsreiche Ulrickson alias Frau Silvia vollführt wilde Sprünge, hinter denen sich die von Haute und Baisse gebeutelten Aktienkurse verstecken können.

Die Handlung entwickelt sich ausgehend von einem Fortbildungsseminar, in dem Bankangestellte in Rhetorik geschult werden, um bei Kreditvergabe und Kundenakquise emotionale Stringenz ins Beratungsgespräch zu bringen. „Ihre Investitionen vermehren sich bei uns so sicher wie Hasen im Frühling“, so lauten der Branche abgelauschte Sätze. Körper- und wortsprachliche Wendungen und Verrenkungen sind amüsant und treiben mit einem Überfall samt Geiselnahme durch ein Bankräuberduo weiter bizarre Blüten. Was die Kursleiterin den Angestellten mühsam einbläuen wollte, bringen die Bankräuber mit: Wertschätzung für und Vertrauen in harte Münze. Geld oder Liebe? Beides sind Macht-, Bindungs- und Lenkungsinstrumente, die im Doppelpack noch besser wirken.

Das Theater eine Spielwiese in Grün, Blau und Gelb, über die drei Etagen des hölzernen Rundbaus entspinnen sich absurde Aktionen. Die Stimmung kippt von bedrohlich in schrille Partylaune oder verödet in Warten. Geiseln solidarisieren sich - gemäß dem Stockholm-Syndrom - mit Geiselnehmern. Auffallend abwesend ist die Farbe der Liebe. Das einzige Rot im Stück, die Tomatensoße auf der Pizza, die auf sich warten lässt. Endlich angeliefert klopft und fingert Joe darauf herum, weil er darin einen versteckten Sender vermutet - ein Schelm wer dabei an paranoide Agenten denkt. Apropos Agenten, das Stück könnte sich auch eine Werbeagentur ausgedacht haben, die im Namen aller Banker dem schnöden Mammon in der Baisse auf die Beine helfen möchte.

Veröffentlicht am 18.07.2010, von Leonore Welzin in Kritiken 2009/2010

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Kommentare zu "Mammon auf die Beine helfen"



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