KRITIKEN 2009/2010



Hamburg

VIELVERSPRECHENDER NACHWUCHS

Die Ballettschule des Hamburg Ballett zeigt in „Erste Schritte“ einen Querschnitt durch ihr Können


  • Ein Teil der Theaterklassen bei den “Jubiläumstänzen” Foto © Holger Badekow
  • Sasha Riva (springend) und Aleix Martinez (am Boden) in “Vaslaw” Foto © Holger Badekow
  • Mädchen der Ausbildungs- und Theaterklassen bei den “Jubiläumstänzen”. Foto © Holger Badekow
  • Schlussbild von “silk road” Foto © Holger Badekow

Es ist eine gute Tradition, dass alljährlich zu Beginn der Hamburger Ballett-Tage auch die Schule unter dem Motto „Erste Schritte“ einen Einblick in die Fortschritte ihrer Schützlinge gibt – so geschehen am gestrigen Montagabend. Im ersten Teil vor der Pause traten alle Klassen – von „Babys“ der Vorschule über die Ausbildungs- bis zu den Theaterklassen auf (darunter erfreulich viele Jungs), während der zweite Teil den Fortgeschrittenen vorbehalten war.

Den Anfang machten die „Jubiläumstänze“ zu Musik von Tschaikowsky, eine Hommage an George Balanchine von Hamburgs Erstem Ballettmeister Kevin Haigen. In anspruchsvollen Arrangements konnten die Schülerinnen und Schüler aller Klassen hier zeigen, was sie können – und sie taten es mit ebensoviel Genuss wie Präzision. Ein gelungener Auftakt, gefolgt von einem Paradestückchen für die „Babys“ zwischen 7 und 9 Jahren: „Danza Rustica“. Da wuseln nahezu 50 kleine Ballettratten über die Bühne – sie klatschen in die Hände, wippen mit den Beinen, springen, laufen, hopsen, mal gut sortiert und fein säuberlich aufgereiht, mal im Ringelreihen, mal wie ein Tausendfüßler über die Bühne mäandernd, oder sich im Reißverschluss-Verfahren verschraubend. Das erfordert ein gerüttelt Maß an Rhythmusgefühl und Musikalität – und die kleinen Jungs und Deerns werden dem Anspruch aufs Erfreulichste gerecht.

In einer „Hommage à Igor Moissejew“ schließlich zeigten die Ausbildungs- und Theaterklassen, was sie an russischer Folklore drauf haben – vor allem die großen Jungs überboten sich gegenseitig an Sprüngen und Akrobatik und lassen die Muskeln spielen. Bei den Mädchen ist hier vor allem flinke und akkurate Fußarbeit gefordert und Drehungen wie am Schnürchen, dass die Tellerröcke fliegen! Das alles ist aber eben mehr eine Pflichtübung, wenngleich mit Freude und Feuereifer präsentiert. Solche Stücke gehören dazu, wenn die Ballettschule einen Überblick über ihre Arbeit geben will und wenn Ballettschüler zeigen wollen, was sie können.

Richtig spannend jedoch wurde es im zweiten Teil des Abends. Da hatte John Neumeier seinen „Vaslaw“ aufs Programm gesetzt, nach eigenen Worten „ein Ballett nach einem Plan von Vaslaw Nijinsky, der niemals realisiert wurde, unter teilweiser Verwendung der von ihm ausgewählten Musikstücke“. Es ist ein außerordentlich anspruchsvolles Stück, das allen Beteiligten nicht nur technisches Können abverlangt, sondern vor allem auch innere Reife, Seele, und eine totale Identifikation mit der Rolle. Den meisten gelingt das bereits hervorragend – nur demjenigen, der eigentlich am meisten von dieser tragenden inneren Überzeugung aufbringen müsste, ging sie fast komplett ab: Aleix Martinez, der ab der nächsten Spielzeit als Eleve in die Kompanie übernommen wird.

Er tanzte die wesentlichen solistischen Teile, in denen Neumeier Nijinsky spiegelt – und darin gerät der junge Spanier leider zur kompletten Fehlbesetzung. Unzweifelhaft ist er ein brillanter Techniker (2008 gewann er den Prix de Lausanne), seine Fuß- und Beinarbeit lässt in keiner Weise zu wünschen übrig. Aber das reicht bei dieser Rolle nicht. Und was ihm an Größe abgeht (er ist eher klein gewachsen), versucht er mit Manierismen wettzumachen – und das bekommt nicht nur dieser Rolle, aber ihr vor allem überhaupt gar nicht, ganz abgesehen davon, dass seine langen Haare leider einen Gutteil des Gesichtsausdrucks verstecken. „Vaslaw“ verlangt dem Tänzer eine 150-prozentige Identifikation ab, ein totales Verschmelzen von Seele, Körper und Geist. Wer hier nur schauspielert und nicht aus tiefstem Herzen fühlt und wahrhaftig ist, wird diesem Part nicht gerecht, Supertechnik hin oder her. Aleix Martinez wirkt eher hochnäsig und selbstgefällig, wo Selbstvertiefung im Tanz gefordert wäre. Er verleiht diesem Vaslaw fast eine egomanische Ich-Bezogenheit, die weder der Choreografie angemessen ist, noch Nijinsky selbst.

Dass es keine Frage der Körpergröße ist, auf der Bühne ganz groß zu wirken, haben andere Tänzer im Ensemble vielfach vorgemacht – allen voran Yukichi Hattori (bis 2006 in Hamburg), heute sind es Konstantin Tselikov oder Alexandre Trusch. Auch Alexandre Riabko ist relativ klein von Gestalt und doch einer der ganz, ganz Großen. Aleix Martinez hat noch viel zu lernen, wenn er wirklich ein Tänzer, und ganz besonders, wenn er ein guter Neumeier-Tänzer werden will.

Eine wahre Erholung waren dagegen die anderen Solisten bei diesem Stück: Isadora Meza mit ausgeprägter Musikalität und feinfühliger Phrasierung – hier wird schon jetzt ein entwicklungsfähiges Talent erkennbar. Auch Constant Vigier, Sophie Vergères und Zachary Clark, Maria Demandt und Marcelino Libao, Xue Lin und Nicola Del Freo erfüllten ihren Part jeweils mit großer Hingabe, und Sasha Riva zeigte einmal mehr, dass ein Solo ebenso brillant wie beseelt getanzt werden kann, wenn man das entsprechende Innenleben dazu aufzuweisen hat. Eine so intensive und packende Bühnenpräsenz ist selten geworden – und eine kostbare Gabe.

Hinreißend auch „silk road“ zu Musik von Fazil Say, eine Gemeinschaftsarbeit der Ausbildungklassen V und VI und der Theaterklasse VII unter Leitung der großartigen Beatrice Schickendantz, die hier wunderbare Arbeit geleistet hat. Ganz hinten am Prospekt zieht Fee Lichtenberg ihre Bahn, langsam und stetig bewegt sie sich von links nach rechts, filigran in der Silhouette, nie eintönig und selbst von so weit hinten bis weit in den Zuschauerraum hinein präsent – das ist ganz und gar großartig. Die anderen füllen die Bühne in wechselnder Zusammensetzung, sie entwickeln eine fein ziselierte, nie überzogene und fast schwebende Bewegungssprache voller Poesie und asiatischer Anklänge. Das hat etwas Magisches und Meditatives, vermittelt Melancholie und Wehmut, aber auch Kraft und Lebensfreude, und es ist vor allem wunderbar getanzt. Mit diesem Stück könnten diese Klassen ohne weiteres auf jeder Gala brillieren.

Nach so viel Innenschau katapultierte der schwungvolle Abschluss wieder ganz ins Hier und Jetzt und Heute zurück: „Passion“, die bereits bei der „Werkstatt der Kreativität“ im Ernst-Deutsch-Theater Anfang März gezeigte Collage von Stacy Denham, die an der Ballettschule modernen Tanz unterrichtet. Auf der Bühne der Staatsoper entfaltet das Stück allerdings weitaus mehr Überzeugskraft als auf der wesentlich kleineren Theaterbühne. Stacy Denham hat die Statements der Ballettschüler zur Frage „Was bedeutet für dich Leidenschaft, Passion?“ zu einer Klangcollage zusammengebastelt, die den Hintergrund bildet für die Bewegungs-Statements zum gleichen Thema, gekrönt von einer schwungvollen Improvisation zu „Boom Boom Pow“ von den Black Eyed Peas. Ein grandioser Abschluss eines Abends, der viel mehr war als ein Querschnitt durch das Können einer Ballettschule – zeigte er doch aufs Feinste, dass sich John Neumeier um den Nachwuchs keine Sorgen machen muss.

Veröffentlicht am 15.06.2010, von Annette Bopp in Kritiken 2009/2010

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