KRITIKEN 2009/2010



Greifswald

DIE WELT ZU GAST AN DER KÜSTE

Zwei Uraufführungen zum diesjährigen 15. Jubiläum von TanZZeit


In Mecklenburg-Vorpommern ist die TanZZeit ein Kleinod. Die Ballettdirektoren Ralf Dörnen und Sabrina Sadowska vom Theater Vorpommern laden mit ihr internationale Choreografen ein und geben dem fesselnden zeitgenössischen Tanz eine Bühne. Die beiden Uraufführungen zum diesjährigen 15. Jubiläum bestätigten dies jüngst wieder.

Jenseits von Berlin und Hamburg gibt es in Richtung Ostsee keinen weißen Fleck auf der Landkarte. Wer aufbricht, darf in puncto Tanz entdecken und genießen. Dringend empfahl dies „Die Zeit“ bei Ralf Dörnens „Sacre du Printemps“. Im Juni des vergangenen Jahres wurde er in der Kategorie „Choreografie“ des begehrten Theaterpreises „Der Faust“ für die Produktion „Endstation Sehnsucht“ nominiert. Andere, bereichernde Handschriften sollen die Gäste am dritten Premierenabend pro Ballettsaison kennen lernen.

Nicht allein sie. Das Corps de Ballet lernt dadurch immer wieder eine neue choreografische Herangehensweisen und eine ganz eigene Körper- und Bewegungssprache kennen. In diesem Jahr von Raffaella Galdi (Italien) und Ousséni Sako (Burkina Faso). Als Solisten beschlossen sie jeweils eindrucksvoll die letzten beiden Festivaljahre der Tanztendenzen in der Universitäts- und Hansestadt. Spannend blieb, was sie von ihrer Bewegungssprache an die klassisch ausgebildeten Ensemblemitglieder des Theaters Vorpommern weitergeben und was für eine gemeinsame Choreografie im Studio vor den Spiegeln und zum Stichtag im Rampenlicht entstehen würde.

Eine junge Frau (Margaret Howard) betritt die Bühne. Im Viereck aus Licht bleibt sie stehen und hält den Blickkontakt mit dem Saal. Das letzte Getuschel erstirbt. Das Deckenlicht wird gelöscht. Die Verbindung steht. Ihr Solo beginnt mit einem flüchtigen Blick auf die Hände. Das ist der Auftakt für das Heben der Arme, die Ausdehnung der Bewegungen des Körpers. Selbst eine Welle, die von den Hüften aufwärts in ein vogelartiges Picken mit dem Kopf ausläuft, gehört dazu. Auch das Heben des rechten Armes des kerzengeraden Leibes und das scheinbare Eindrehen einer Glühbirne mit der Hand. Die Gesellschaft (Ayako Nomura, Khrystyna Polyanska, Simon Kranz) vervollständigt sich mit Aufgängen von verschiedenen Seiten her.

Soli, Pas de Deux und Ensembletanz verdichtet Raffaella Galdi zu einer choreografischen Bogenform. Im Rhythmus zu Alexander Siebers Klangkompositionen aus Stille, Stimme, Geräuschen und dem Ohrwurm „Sunday Morning“ von Velvet Underground & Nico bleibt genug Raum für Doppelbödiges und Momente, in denen die Bewegung zu einer Augenblicksaufnahme einfriert, ja zu einer Pose, einer Plastik erstarrt. Raffaella Galdi überlässt es dem Publikum, ob es eine kreisförmige Reise oder einen bloßen Rückblick aus Sicht einer Tänzerin vor Augen hatte. Ihr geht es um die Entfaltung des Individuums im Verhältnis zu den Spielräumen von Gemeinschaften. Aus einfachen Gesten baut sie in ihrer Schlichtheit schöne Szenen zusammen, ohne das Klassische Ballett völlig für den individuellen Ausdruck abzulehnen.

Mit „Wir sind die Anderen“ führte Ousséni Sako auf seinen eigenen Weg. Als einer der prägenden Persönlichkeiten der afrikanischen Tanzszene des internationalen Parketts lag es für ihn nahe, seinen kraftvollen Stil auf die Bühne zu bringen. Alexander Simpkins eröffnendes Solo macht dies sofort deutlich. Die elegante Streckung der Muskeln bis in die Fingerspitze hinein und die Verdrehung des Körpers und die rhythmische Exaktheit sowohl in der überwiegenden Stille als auch beim äußerst sparsamen, wie aus dem Nichts kommenden Einsatz von eingespielten Trommeln, Vogelgeräusch und Saitenspiel bestimmten seinen Part des Doppelabends. Dank auch des starken Auftritts von Paloma Figueroa, Vanessa Perrier, Yoko Osaki, Emmanuel Roy und Armen Khachartryan. Ihre Reise führte von Station zu Station durch eine Welt ohne Farbe, in der sie ihre Identität verteidigen müssen.

Zwei Abende stehen am Theater Vorpommern nur noch im Zeichen der TanZZeit. Leider. Denn gerade der zeitgenössische Tanz zog Scharen junger Zuschauer in den Musentempel. Natürlich nicht ausschließlich. Gerade deshalb sollten dem Publikum dafür mehr Zeit und Vorstellungen angeboten werden. Das muss auch bei Monatsplanungen berücksichtigt werden. (Zeitgenössischer) Tanz ist kein Zierrat, sondern eine verpflichtende Aufgabe an einem Mehrspartenhaus. Die Ballettdirektoren kommen ihr künstlerisch nach besten Kräften und Gewissen nach. Auch zum Wohle der Stadt, der Region und des Flächenlandes.

Termine in in Greifswald: 29. Mai, 19.30 Uhr 17. Juni, 19.30 Uhr

Von Uwe Roßner

Veröffentlicht am 30.05.2010, von Gastbeitrag in Kritiken 2009/2010

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