KRITIKEN 2009/2010



Ludwigsburg

AZUR BIS ZIMT

Das Balé da Cidade de São Paulo auf Deutschland-Gastspiel


Hatte die Aschewolke des Vulkanausbruchs das Ludwigsburger Gastspiel der Balé da Cidade de São Paulo zunächst verhinderte, präsentierte sich die brasilianische Tanzkompanie knapp drei Wochen später in urgewaltiger Bestform. Sprühende Lust am puren Tanz neoklassischer Prägung macht die unabhängige Compagnie im Dreiteiler - mit „Dicotomia“ (2007) von Luiz Fernando Bongiovanni, „Wii Previsto“ (2009) von Alex Soares und „Canela Fina“ (2008) von Cayetano Soto - ihrem Ruf alle Ehre, auf der Basis moderner Tanztechniken choreografische Ideen und szenische Konzepte innovativ umzusetzen; und räumt nebenbei mit Klischees von südamerikanischer Leidenschaft und Brasil-Folklore auf.

Ein Tänzerpaar miteinander verbunden und verschlungen, begleitet von einem Dritten, der offenbar identische Bewegungen mit einem imaginierten Partner ausführt. Leise Irritationen, wie sie Bongiovanni zu mögen scheint. Das Konzept zu „Dicotomia“ sei ihm während seines Philosophiestudiums gekommen. Ausgehend von der aristotelischen Metaphysik habe er sich mit Dichotomien wie nah und fern, langsam und schnell, hinten und vorne, wirklich und möglich beschäftigt.

Lichte Blau- und Grüntöne dominieren Kostüme wie Bühnenobjekte. Elastische Bänder, mal als Streifen vertikal über die Bühnenhöhe gespannt, mal in einer mehrteiligen Stellwand ineinander gewebt – man kann durchgreifen, sich fallen und hängen lassen, hervorschnellen und sich ebenso plötzlich wieder dahinter verstecken. Ein azurblaues Quadrat aus Stretch-Stoff geeignet für Schattenspiele, Körperabdrücke und Bewegungsreliefs bietet Stoff - im doppelten Wortsinn - für verrückte Experimente und überraschende Korrespondenzen in einem erfrischenden Stück angewandter Philosophie.

Eiskalte Lichtduschen, knallharte Lichtschneisen, Elektroknistern wie bei Kurzschlüssen, akustisch wird Porzellan zerschlagen – in „Wii Previsto“, benannt nach einem Konsolenspiel, herrscht permanente Hochspannung. Menschen geistern wie verlorene Schemen im Bühnendunkel, Bewegungen wirken eigenartig artifiziell. Ein bedrohliches Szenario, in dem Licht und Sound eine Komplizenschaft eingegangen sind. Für oder gegen wen bleibt im Dunkeln. In zischenden Nebelwänden erscheinen schneeweiße Projektionen lebensgroßer Tänzer (Reminiszenz an den Erlkönig?). Schwer, düster und dramatisch, ein faszinierendes Nachtstück, bei dem Film- und Video-Erfahrungen des Choreografen sowie ein Faible für virtuelle Welten mitspielen.

Sublim schließlich „Canela Fina“. Der Choreograf flirtet mit Doppeldeutigkeiten. Bezeichnet der alte, spanische Ausdruck „Canela Fina“ jemanden, der sinnlich und begehrenswert ist, assoziiert Soto mit Brasilien den Duft von Zimt. Und den verströmt das Stück, haut- und naturfarben die sechzehn Tänzerinnen und Tänzer, die in einer Wolke aus Gewürzpuder wie eine Fata Morgana erscheinen. Ein tolles Stück in einem Programm, das - von azurblau bis Zimt duftend – die Sinne betört.

Veröffentlicht am 15.05.2010, von Leonore Welzin in Kritiken 2009/2010

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