KRITIKEN 2009/2010



München

KUNST UND KUNSTSTÜCKE

Die zwei Terpsichore-Galas beim Bayerischen Staatsballett


  • Daria Sukhorukova, Matej Urban "ONE. third" von Terence Kohler Foto © Charles Tandy
  • Daria Sukhorukova "ONE. third" von Terence Kohler Foto © Charles Tandy
  • Daniil Simkin im "Le Corsaire Pas de deux" Foto © Charles Tandy
  • Uljana Lopatkina, Ivan Kozlov in "Trois Gnossiennes" Foto © Charles Tandy
  • Viengsay Valdés, Elier Bourzac im Pas de deux aus "Don Quijote" Foto © Charles Tandy

Natürlich darf es zu einem solchen Jubiläum mal ein bisschen mehr sein - aber gleich so viel? Mit zwei langen Terpsichore-Galas und gut sechs Stunden Tanz feierte das Bayerische sein 20-jähriges Jubiläum, die vielen spektakulären Gäste überstrahlten dabei den rudimentär durchgeflochtenen historischen Rückblick mit Ausschnitten aus dem Repertoire der zwei Jahrzehnte. Vor allem der zweite Abend wurde ein Gipfeltreffen der großen Ballerinen – wann sieht man schon drei der berühmtesten von ihnen zusammen auf einer Gala, eigentlich nur bei den unbezahlbar teuren Events des World Ballet Festival in Japan. Das schöne Programmheft brachte die insgesamt 26 Programmpunkte in eine balletthistorische Ordnung, die sonst solche Galaabende mit ihrer bunten Mischung aus virtuosen Kunststücken, Modernem und Seltenem nicht haben können und nicht haben wollen.

Mit Repertoire-Ausschnitten von John Neumeier, Hans van Manen oder Angelin Preljocaj erinnerte die Münchner Kompanie an Abende der letzten 20 Jahre, zwei Uraufführungen standen für die knapp 60 Neukreationen der Direktionen von Konstanze Vernon und Ivan Liška. Das biografische Solo „P.S. Norbert Graf. Schütze, Ascendent Skorpion“ von Simone Sandroni reiht kurze private Rück- und Einblicke neben Ausschnitte aus Norbert Grafs Rollen und zeigt den Solisten so grundehrlich, wie sein Tänzerleben war.

Terence Kohlers "ONE. third", das erste Drittel einer Choreografie zu Camille Saint-Saëns' Klavierkonzert Nr. 1, sprudelt festlich in edlem Purpurrot vor sich hin, mit virtuosen Hebungen und raffinierten Ideen für die Gruppe – wobei Kohler immer noch ein wenig auf dem Ticket „junge Entdeckung“ fährt.

Ihre ganze Magie entfalteten die großen Corps-de-ballet-Szenen aus „Le Corsaire“ und „La Bayadère“, sie zeigten das Bayerische Staatsballett als diejenige unter den vier großen deutschen Opernballettkompanien, die sich mit ihren Petipa-Neufassungen die größten Verdienste um die Klassiker gemacht hat. Getanzt wurde gerade der Schattenakt sehr sauber und exakt, vielleicht nicht mit dem fließenden Nachdruck und diesem Wogen wie aus einem Atem wie beim Mariinsky-Ballett, aber das Motto „besser akademisch als übertrieben“ galt für viele der Darbietungen der Münchner Tänzer an diesem Abend.

Daria Sukhorukova und Tigran Mikayelyan mangelt es für George Balanchines "Sylvia"-Pas-de-deux nur noch an Aplomb, ähnlich wie Javier Amo Gonzalez bei aller sauberen Einstudierung einfach die bezwingende Persönlichkeit für José Limons "Chaconne" fehlt.

Der „Pas de quatre“ wirkt in der Version von Leonid Jacobson noch seltsamer als Anton Dolins Version des berühmten, choreografisch leider nicht rekonstruierbaren Ballerinen-Gipfeltreffens von 1845, fast ein wenig betulich und brav, was manche der vier Damen Roberta Fernandes, Magdalena Lonska, Séverine Ferrolier und Lisa-Maree Cullum durch pseudoromantische Flatterhaftigkeit wettmachten.

Den Abendfüller „Shannon Rose“ kreierte Youri Vàmos 1996 für die Münchner, im leidenschaftlichen Pas de deux daraus fiel vor allem auf, dass Cyril Pierre Starballerina Lucia Lacarra künstlerisch wesentlich mehr entgegenzusetzen hat als ihr derzeitiger Partner Marlon Dino. Dem gelangen in John Crankos „Legende“ zwar all die gewagten Hebungen perfekt, er kam aber bei den einfachsten Drehungen ins Trudeln.

Lacarras "Sterbender Schwan" wird trotz der Rekonstruktion von Fokines „definitiver“ Choreografie kaum neben den großen Interpretinnen des berühmten Pawlowa-Solos bestehen (etwa Uljana Lopatkina), was vor allem an ihren Armen liegt.

Womit wir bei den Solos des Abends wären, acht an der Zahl, in sämtlichen Stilarten von der romantischen Tüllwolke um Séverine Ferrolier in der Pawlowa-Reminiszenz „Die Nacht“ über die gelöste, natürliche Stephanie Hancox im Ausdruckstanz der „Five Brahms Waltzes in the Manner of Isadora Duncan“ von Frederick Ashton bis hin zu Marlúcia do Amaral vom Ballett am Rhein, die sich mit ihrer perfekten, nervös gespannten Körperbeherrschung und todstillen Balancen durchaus im richtigen Rahmen neben Cojocaru, Lopatkina & Co. befindet, auch wenn sie das nicht in klassischer Virtuosität, sondern in Martin Schläpfers herb-schönem „Ramifications“ umsetzt. Oder gerade weil.

Denn das Gegenteil, das jeder Expressivität abholde Virtuosentum, führt uns Daniil Simkin vor, die Tanzsensation vom ABT, in Wiesbaden groß geworden. Er wirkt derart jung und lausbubenhaft, dass man ihm aus Gründen des Jugendschutzes sofort die Kippe wegnehmen möchte, die er sich in "Les Bourgeois" ansteckt. Sensationell seine leichten, explosiv vom Boden wegschnellenden Sprünge und seine rasante Schnelligkeit. Aber selbst er, der Sohn des ausdrucksvollen Dimitrij Simkin, für den Ben van Cauwenbergh dieses Werk einst kreierte, macht aus dem Charaktersolo ein propperes Virtuosenstück – nichts mehr zu sehen von der Verbitterung des Jacques-Brel-Chansons, kein Verschmuddeln mit der Verbürgerlichung, kein Zynismus. Begraben wir hiermit die Hoffnung, dieses kurze Solo noch einmal im Sinne des Erfinders zu sehen.

Auch im Pas de deux aus „Le Corsaire“ zeigte Simkin am nächsten Abend schier unglaubliche Kunststücke, wirkte bei aller Begeisterung aber doch sehr einseitig, als wäre er ausschließlich auf dieses Schneller, Höher, Weiter getrimmt. Ob er wohl ein ausdrucksvolles Adagio tanzen kann? Seine deutlich ältere Partnerin Maria Riccetto vom ABT leistete sich den Fauxpas, nach nicht einmal der Hälfte ihrer Fouettés das Publikum mit einer leeren Bühne und der Musik für 16 weitere Drehungen alleine zu lassen, anstatt irgendwas anderes Nettes zu zeigen oder sich wenigstens in Pose zu stellen.

Eine unpassende Partnerwahl beeinträchtigte auch die große, wie immer formvollendete Uljana Lopatkina in Hans van Manens „Trois Gnossiennes“. Ivan Kozlov stand neben ihr wie ein massiver, ungekämmter Tatar, was nun gar nicht zu van Manens Eleganz und verfeinerter Paarpsychologie passen wollte; an die sinnlichen Vibrationen, die feine Ironie des niederländischen Altmeisters war nicht zu denken. Wie ruht doch eine Choreografie in sich, wie strahlt doch ein Stück, wenn zwei Partner das Gleiche wollen, wenn sie dasselbe Stilempfinden haben – so wie Nadja Saidakova vom Berliner Staatsballett, die neben Noah Gelber vom ehemaligen Frankfurter Ballett so lässig, so entspannt und cool die Beine warf, die „Herman Schmerman“ und das herausfordernde Spiel mit ihrem Partner einfach genoss. (Er zeigte am Abend vorher eine „Two Part Invention“ von William Forsythe, bei deren schöner, nur von winzigen Irritationen getrübter Neoklassik vor allem das Entstehungsjahr 2009 erstaunte – und natürlich Gelbers butterweich zentrierte Drehungen.)

Oder wie die innige Alina Cojocaru, die neben Rupert Pennefather den Pas de deux aus „Diamonds“ zu einer Liebesgeschichte beseelte, von der George Balanchine vielleicht noch gar nichts wusste. Vollendete Tänzer zeigen nicht Kunststücke, sondern die Kunst der Interpretation, sie gehen ganz in ihren Stücken auf, so wie auch die wunderbare Sylvie Guillem und Nicholas Le Riche in ihrem Duo aus Mats Eks „Apartment“ als unschuldige Kinder, hinter deren fragendem Spiel eine Angst lauert. Oder wie die drei Paare vom Mariinsky-Ballett mit „In the Night“, wo Jerome Robbins' subtile und exquisite Musikalität auf ebensolche Tänzer traf, die jeder einzelnen ihrer feinen, schwebenden Bewegungen eine Gefühlsregung mitgaben.

Ja selbst der „Don Quixote“-Pas-de-deux, das Galabonbon par excellence, lässt sich aufrichtig und ohne Manierismen tanzen - der Urschrei des ersten Abends galt Viengsay Valdés und Elier Bourzac vom Kubanischen Nationalballett, mit ihrer unverschämten Jugendfrische und ihrer sprühenden Spontaneität eroberten sie München im Sturm. Sie winkelt bei ihren unglaublichen Balancen einfach mal in Ruhe das Bein ab und dreht nicht nur mehrfache Fouettés, sondern bringt die Reihe locker und perfekt auf den Punkt zu Ende. Er verlangsamt seine Drehungen aufs Eleganteste, spielt jede Nuance von Basilios augenzwinkernder Macho-Raffinesse aus, ohne je manieriert zu wirken. Beide spielen lächelnd mit ihren Rollen und mit dem Publikum, das an diesen beiden Abenden genauso auserlesen war wie die Darbietungen auf der Bühne, das auf die tollen Tricks jauchzend und japsend reagierte und doch auch die Stillen und die Komplizierten unter den großen Interpreten bejubelte.

Veröffentlicht am 10.05.2010, von Angela Reinhardt in Kritiken 2009/2010

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