KRITIKEN 2009/2010



Halle

„GOTT DES TANZES“ - EIN LEBEN ZWISCHEN GENIE UND WAHNSINN

Ralf Rossa kreiert an der Oper Halle einen umjubelten Nijinsky-Abend


  • Foto Foto © Gert Kiermeyer. Rechte: Theater, Oper und Orchester GmbH Halle
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Fast zwei Jahre hat sich der Ballettdirektor und Chefchoreograf der Oper Halle mit dem Leben der Tanzlegende Vaslaw Nijinsky auseinandergesetzt. Als Hommage an die Ballets Russes, die durch ihren Star Vaslaw Nijinsky zu Weltruhm und Einmaligkeit gelangten, hat Ralf Rossa in den vergangenen Jahren die Ballettabende „Der Feuervogel / Josephs Legende“, „Petruschka / Daphnis und Chloe“ sowie „Le Sacre du Printemps“ inszeniert. Mit seinem neuen Ballettabend „Nijinsky - Star des russischen Balletts“ schließt er diese Reihe ab. Es ist ein Abend vor allem für Yann Revazov, den Solotänzer des Ballett Rossa, der nach einjähriger Abwesenheit von der Bühne als Nijinsky ein umjubeltes Comeback feierte.

Immer wieder diese Akkorde, die wie ein Glasperlenspiel klingen. Ein Mann kauert auf einem Stuhl, mit sich und seinem Körper in seltsam entrückter Zwiesprache. Autistisch nimmt er wahr, was in seinem Leben in der Isolation einer Anstalt schmerzvolle und zugleich glücklich machende Vergangenheit ist: Musik, Applaus, Rausch der Bewegung, Ästhetik und Schönheit des Tanzes. Nijinsky erlebt wie in einem Kaleidoskop sein exzessives Leben als Mensch und Tänzer, als „Gott des Tanzes“ in einem Dasein zwischen Genie und Wahnsinn.

Wenn man die ersten Minuten des Ballettabends über den Star der Ballets Russes erlebt, die Einsamkeit, Verzweiflung, Sehnsucht der an Schizophrenie erkrankten, genialen Tänzers, wenn man erlebt, wie Yann Revazov ihn allein durch seinen Körper, die Verschränkungen und Verschraubungen von Armen und Beinen, eine fast schon akrobatische Körpersprache, lautloses Schreien und wie eruptiv herausbrechende Emotionen verkörpert, dann weiß man, wie tief Choreograf und Tänzer sich mit den Leben und der Psyche dieses Künstlers auseinandergesetzt haben.

Ralf Rossa hat die Nijinsky-Biografien von Richard Buckle und Romola Nijinsky, die Nijinsky-Tagebücher, aber auch Krankenhausberichte, psychiatrische Analysen und alles über die Ballets Russes und Serge Diaghilew, über die Zeit und die Künstler wie Coco Chanel, Igor Strawinsky, Léon Bakst, Pablo Picasso studiert und so einen Ballettabend konzipiert, der ganz unterschiedliche Erzählebenen miteinander verbindet. Ort und Zeit sind aufgehoben. Man erlebt in einem „chronologischen Puzzle“ Nijinsky in seinen berühmten Rollen vor allem als Star der Ballets Russes. Dies in der qualvollen, fast selbstzerstörerischen Erinnerung des kranken Tänzers.

Dazwischen, inspiriert von den Aufzeichnungen aus Nijinskys Tagebüchern und Romola Nijinskys Lebensberichten, die für den Tänzer prägenden, schicksalhaften Begegnungen und Beziehungen mit Fürst Pawel, den Nijinsky als 17-jähriger liebte und der ihn Serge Diaghilew zuführte. Man erlebt die exzessive, homoerotische, leidenschaftliche Liebe zwischen Nijinsky und Diaghilew in allen Facetten, die Reisen nach Bayreuth, die Eifersucht des „Liebhabers“ von Nijinsky auf die junge Romola, die Nijinskys Frau wird, die Trennung des Impresarios von Nijinsky und die schleichende Krankheit, die ihn mit 30 Jahren in den Zustand geistiger Umnachtung treibt und ihn bis zum Tod nicht wieder ganz loslässt.

Dies alles passiert für den Zuschauer erlebbar im „Kopf“ des Kranken, als psychische Reflexion. Oft sind die Erinnerungen an seine Rollen nur kurze Zitate, wie Gedankensplitter, zeigen Nijinsky in seinen berühmten Posen als Sklave in „La Pavillion d'Armide“, als Kobold in „Les Orientales“, als Goldenen Sklave in „Scheherazade“, Albrecht in „Giselle“, Daphnis in „Daphnis et Chloe“, Faun in L'Après-midi d'un Faune“, Petruschka oder als Geist der Rose in „Le Spectre de la Rose“. Dazu gibt es als tänzerische „Einsprengsel“ Ausschnitte aus „Narcisse“ und den von Nijinsky choreografierten Ballettabenden „Jeux“ und „Le Sacre du Printemps“.

Für diese Szenen unter Verwendung der Originalmusiken öffnet sich, in ein raffiniertes Lichtdesign getaucht, ein Lamellenvorhang, der die Isolation des sich an seinem Stuhl festklammernden Nijinsky für lichte Momente des Glanzes und des Glamours aufhebt. Matthias Hönig (Bühne und Licht) hat unter teilweiser Verwendung von Motiven aus den Original-Bühnenbildern hier genau jene Atmosphäre geschaffen, die diese Zerrissenheit und das „Chaos“ im Kopf des kranken Nijinsky kongenial in Szene setzt. Dabei zitiert Götz Lanzelot Fischer in den Kostümen die historisch überlieferte, farbenprächtige Ausstattung der Nijinsky-Ballette.

Yann Revazov erweist sich einmal mehr als Charismatiker unter den Tänzern, als ein großartiger Charaktertänzer und hier ganz besonders als ein großer Menschendarsteller, dessen seelischen Schmerz man als Zuschauer förmlich mitempfindet. Beeindruckend seine athletische Eleganz in den Szenen mit Michael Sedláček als Diaghilew, dem jungen Nijinsky verfallen, rauschhaft getanzt nach Musik aus Richard Wagners „Parsifal“. Furios der Pas de trois zwischen ihm, Revazov und Victor-Florin Pop als Fürst Lwow und die getanzte, manipulierende Zweisamkeit in (fast)-Verschmelzung der Körper von Sedláček und Revazov als Künstler -und Liebespaar.Aus Tagebüchern und Biografien ist überliefert, wie sich Nijinsky körperlich und mental, allein vor seinem Schminkspiegel in den Geist aus „Le Spectre de la Rose“ verwandelt und nach dem Auftritt wieder in der Garderobe im Tanz mit sich selbst eine Art Bewusstseinsspaltung erlebt. (Tobias Almási / Edwyn Roig Garcia).

Vor allem die Tänzer des BallettRossa zeigen in diesem Ballettabend ihr exzellentes tänzerisches Können in den Rollenschöpfungen des Vaslaw Nijinsky. Dies gilt besonders für Maximilian Diedrich, Sylvain Guillot, Rafal Zeh, Zdenko Galaba, Dalier Burchanow. Von den Tänzerinnen beeindruckten als Columbine und Papillon in „Carneval“ sowie in „Jeux“ Markéta Šlapotová und Hyona Lee, Marion Schwarz als Zobeide in „Scheherazade“ und Anneli Chasemore als Auserwählte in „Le Sacre du Printemps“. Tänzerisch ausdrucksstark Anna Vila als Romola Nijinsky in den Szenen mit dem von Eifersucht gequälten Diaghilew und mit dem zwischen dem Impresario und ihr zerrissenen, langsam in die geistige Umnachtung abgleitenden Nijinsky. Hier hat die spannende, am Schluss umjubelte Aufführung in der Choreografie und Inszenierung von Ralf Rossa ihre starken, berührenden Momente.

www.oper-halle.de

Veröffentlicht am 19.04.2010, von Herbert Henning in Kritiken 2009/2010

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